Übersehene Literatur aus Tschechien und Europa: Gründerin von Münchener Allee Verlag im Interview
Als Literaturübersetzerin ist Veronika Siska wiederholt auf Texte gestoßen, die sie toll und auch für das deutschsprachige Publikum lesenswert gefunden hat. Aus der Begeisterung für einen konkreten tschechischen Autor heraus keimte in ihr die Idee heran, einen eigenen Verlag zu gründen. Der Allee Verlag spezialisiert sich auf europäische Literatur und dabei auf Übersetzungen aus Sprachen, die auf dem deutschen Buchmarkt unterrepräsentiert sind.
Frau Siska, Sie sind im Bereich der tschechisch-deutschen Literaturbeziehungen seit vielen Jahren tätig, als Übersetzerin, als Lektorin, als Wissenschaftlerin und nun neuerdings auch als Verlegerin. Wie kam es dazu, dass Sie einen Verlag gegründet haben?
„In meinem neuen Verlag, dem Allee Verlag, fließen eigentlich viele Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Ich übersetze immer noch tschechische Literatur. Ich habe davor Germanistik studiert. Ich wollte eigentlich immer Verlagslektorin werden und habe mich auch in Verlagen umgesehen. Dann bin ich ein bisschen vom Weg abgekommen und habe angefangen, tschechische Literatur zu übersetzen. Und jetzt kann ich eigentlich beide Sachen verbinden.“
Ihr neuer Verlag heißt Allee Verlag. Können Sie ihn vorstellen: Was planen Sie, was haben Sie vor?
„Der Allee Verlag spezialisiert sich auf europäische Literatur, auf Übersetzungen aus Sprachen, die auf dem deutschen Buchmarkt unterrepräsentiert sind. Das klingt hochtrabend, aber es ist eigentlich alles außer Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Mich interessieren Dinge, die ich noch nicht kenne. Ich bin sehr, sehr neugierig.“
Sie haben gesagt, Sie wollten als Verlagslektorin arbeiten. Jetzt haben Sie aber Ihren eigenen Verlag gegründet. Was war die Motivation?
ZUM THEMA
„Der Grund war, dass ich als Übersetzerin viele Seminare zur Übersetzung gemacht habe. In jedem Seminar habe ich mich mit den Übersetzern unterhalten und festgestellt, dass jeder eigentlich einen Schatz zu Hause hat und sagt, er habe diesen tollen Autor und versuche seit fünf Jahren, den irgendwo unterzubringen, und keiner wolle den. Ich verstehe es nicht, dass das mit diesen tollen Texten auf dem deutschen Buchmarkt nicht so klappt. Und dann hatte ich irgendwann mal selber so einen Autor, nämlich Michal Ajvaz. Ich habe ein neues Übersetzungsprojekt gesucht und geschaut, welche Autoren es schon auf dem deutschen Buchmarkt gibt, und habe dann gesehen, dass Michal Ajvaz wohl nicht dazugehört. Ich fand das ganz seltsam, weil das tolle Texte sind. Ich kannte ihn eigentlich schon aus dem Studium, es gibt auch literaturwissenschaftliche Texte dazu, Doktorarbeiten zu ihm. Dann habe ich seine Agentin angeschrieben, und sie meinte, das stimme, das sei irgendwie wie verhext. Ich dachte, das kriegen wir schon hin, und sprach sehr viele Verlage an. Aber es hat tatsächlich nicht geklappt.“
Ist das in Deutschland anders als in anderen Sprachen oder Ländern?
„Ja, Ajvaz wurde tatsächlich insgesamt in 24 Sprachen übersetzt. Die anderen Büchermärkte haben also schon gesehen, dass das ein ganz toller Autor ist. Es war wie verhext auf dem deutschen Buchmarkt, jeder hatte eine andere Erklärung. Und dann irgendwann keimte in mir eine Idee heran und ich dachte, diese Texte sind toll, die muss man auf den deutschen Markt bringen. Je länger ich darüber nachdachte, desto konkretere Vorstellungen hatte ich. Und irgendwann war dieses Projekt vor meinem inneren Auge so konkret, dass ich dachte, naja, jetzt muss ich das einfach selber machen.“
Der Weg zu Ihrer Verlagsgründung begann mit der Begeisterung für einen konkreten Autor. Was ist an den Texten von Michal Ajvaz so toll?
„Sie sind erstens spannend. Sie lesen sich einfach sehr gut, obwohl sie auch sehr literarisch sind und es viele Passagen gibt, die nicht leicht zu lesen sind. Und zweitens schafft es Ajvaz, Dinge, die man selber schon irgendwie gefühlt hat, zu konkretisieren. Oder Gedanken, die man selber diffus irgendwie hatte, auszudrücken. Man findet sich da wieder und denkt sich, das ist genau so.“
Was folgte nach Ihrer Idee? Wie führte der Weg zur Gründung eines eigenen Verlags? Was muss man dabei alles machen und lernen?
„Der Weg ist lang und steinig. Ich habe mich in einigen Bereichen sehr gut ausgekannt, mit Übersetzung natürlich, mit Lektorat, auch mit PR. Aber es gab Bereiche, in denen man sich nicht so auskennt, zum Beispiel im Lizenzgeschäft. Das musste ich nachholen. Ich habe an den Börsenverein angedockt, besuchte auch einige Seminare und fragte mich durch. Wenn man nicht weiß, was der Unterschied zum Beispiel zwischen einem 80-Gramm-Papier und einem 90-Gramm-Papier ist, muss man in der Druckerei anrufen und fragen. Ich habe auch viel mit Kollegen gesprochen, die ich kenne. Wenn man alles Nötige weiß, ist es dann gar nicht so schwer. Aber sich da so hineinzufuchsen, ist natürlich schon auch sehr spannend.“
Warum eigentlich „Allee Verlag“? Hat die „Allee“ im Namen einen besonderen Grund?
„Ich wollte etwas Einfaches, was man sich gut merken kann. Ich selber mag Namen nicht – nicht nur für Verlage, sondern auch für Firmen – bei denen man zum Beispiel nicht weiß, wie man sie ausspricht. ‚Šiška‘ heißt Tannenzapfen auf Deutsch, deswegen der Baum, die Baumallee... Für mich ist das Lesen auch etwas, was einen schönen Spaziergang etwa in einer Allee darstellt.“
Es ist also keine Anspielung auf ein Werk von Michal Ajvaz?
„Nein, das ist ganz lustig. Ajvaz schreibt Stadttexte. Da gibt es keine Bäume. Da gibt es höchstens Felder und Ebenen hinter der Stadt. Nein, das ist unabhängig von Michael Ajvaz.“
Ein Stadttext von ihm, nämlich der Roman „Die andere Stadt“, soll der erste Titel Ihres Verlages sein. Warum würden Sie empfehlen, diesen Roman zu lesen?
„‚Die andere Stadt‘ ist ein spannender Roman über die Suche nach einer Stadt, die einen, also nicht nur den Protagonisten, sondern auch einen selber, zu sich selbst führt. Der Roman hallt auch sehr lange nach. Man begegnet immer wieder Situationen, wo man denkt, ja, als ich den Roman gelesen habe, kam er mir teilweise sehr fantastisch vor, aber eigentlich gibt es diese Situationen. Er bereichert das Leben des Lesenden.“
Sie haben vor, nicht nur diesen Roman von Michal Ajvaz herauszugeben, sondern auch andere seiner Werke. Wie viele Bücher sind es und was haben Sie dafür schon getan?
„Insgesamt sind es zurzeit neun Bücher, beziehungsweise zehn Texte. Ich wollte zwei zusammentun, die Gedichte und ‚Die Rückkehr des alten Warans‘ sollen in einem Buch erscheinen, genauso wie es der tschechische Verlag gemacht hat. Und was ich getan habe? Ich habe die Rechte eingekauft. Und ich habe mir natürlich das Corporate Design der Bücherreihe überlegt. Alle Bücher der Reihe sollen gleich ausschauen. Sie sollen ein schwarzes Cover haben, und vorne auf dem Cover ein Symbol, ein Leitmotiv aus dem jeweiligen Buch. Bei ‚Der anderen Stadt‘ ist das eine grüne Tram – die kommt immer an, nimmt jemanden mit und fährt ihn in die andere Stadt.“
Haben Sie auch weitere tschechische Autoren oder Autorinnen in Sicht, die das Programm Ihres Verlags ergänzen können?
„Ich interessiere mich natürlich sehr für die tschechische Literatur. Ich habe etliche Texte geprüft, aber da war jetzt nichts für mich dabei. Ich habe eine Reihe mit Roma-Autoren geplant, nicht nur mit tschechischen, sondern mit europäischen. Die Roma-Literatur interessiert mich aus unterschiedlichen Gründen sehr. Ich finde sie spannend als Minderheiten-Literatur, aber auch als eine Literatur, die eigentlich sehr neu ist, weil sie jetzt gerade von der sprachlichen Form in die verschriftlichte Form im Wandel ist, das finde ich sehr interessant. Und überhaupt, ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich werde, glaube ich, eher die Sachen machen, bei denen ich keine Spezialistin bin. Einfach weil mich das sehr interessiert und weil ich selbst viel lernen kann.“
Verbunden
-
Zehn Wege zu den Deutschen: Tschechische Persönlichkeiten über ihre Beziehungen zu den Nachbarn
Vor kurzem erschien im Lichtung-Verlag ein Buch mit Texten von zehn tschechischen Persönlichkeiten, in denen diese ihre Erfahrungen mit den Deutschen schildern.









