„Olmütz in Bezug auf deutsche Kultur sehr aktiv“ – Zweisprachiger literarischer Reiseführer erschienen

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Olomouc / Olmütz ist eine malerische Stadt, gelegen am Fluss Morava / March. Die Stadt blickt zurück auf ein reichhaltiges kulturelles Erbe, das bis zum Zweiten Weltkrieg deutsch geprägt war. An der Universität in Olomouc haben sich Forscher der dortigen Germanistik die Aufgabe gemacht, das deutschsprachige literarische Erbe der Region und der Stadt zusammenzutragen. Ergebnis der Arbeit ist ein vor kurzem erschienener zweisprachiger literarischer Reiseführer. Lukáš Motyčka, Mitautor des Buchs, stellt das Projekt im Interview mit Radio Prag vor.

Lukáš Motyčka mit dem Buch „Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz“ (Foto: Archiv Radio Prag)
Herr Motyčka, sie sind Mitautor des Buches „Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz“. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

„Es handelt sich um ein Buch, dass als literarischer Stadtführer konzipiert ist. Das ist eine beliebte Literaturgattung, die viele Leute kennen. Es geht in den Buch um Olmütz und um konkrete Orte in der Stadt, sowie deren Abbildung in der deutschsprachigen Literatur aus Olmütz.“

Heißt das, es ist wie ein klassischer Reiseführer aufgebaut, es gibt geografische Sehenswürdigkeiten, die mit Literatur verknüpft sind.

Olmütz (Foto: CzechTourism)
„Nicht ganz. Es gibt 20 Kapitel, die thematisch geordnet sind. Es beginnt allgemein - man tritt erst einmal in die Stadt Olmütz ein, die sehr alt und traditionell ist. Dann wandert man durch ihre Gassen, über ihre Plätze und schaut sich schöne, sakrale aber auch weltliche Gebäude an. Man kann durch die Stadt spazieren und dabei vieles über Literatur erfahren.“

Welche literarischen Autoren werden vorgestellt? Wenn Sie vielleicht ein paar Namen nennen könnten?

Peter Härtling (Foto: Christoph Peter, Wikimedia Creative Commons 3.0)
„Es werden sehr viele und auch bekannte Schriftsteller vorgestellt: zum Beispiel Peter Härtling, der sehr eng mit Olmütz verbunden ist oder Franz Spunda, ein Olmützer, der später auch in Wien gelebt hat. Aber es sind auch unbekannte, vergessene Autoren einbezogen worden – wie etwa Richard March, der sich nach dem Fluss March benannt hat. Es gibt da ein ganz großes Spektrum an Autoren.“

Wurde sich auf eine bestimmte literarische Gattung konzentriert, oder wurde das gesamte Feld literarischer Gattungen abgedeckt?

Olmütz
„Nein, wir haben das Buch nicht auf eine bestimmte Gattung beschränkt. Aber es besteht hauptsächlich aus lyrischen Auszügen oder kompletten Gedichten, die wir auch ins Tschechische übersetzt haben. Alle Texte im Buch sind zweisprachig. Selbstverständlich findet man aber auch Prosa, Memoiren und sogenannte paraliterarische Texte.“

Warum glauben Sie, musste solch ein Buch geschrieben werden?

„Das ist eine Frage, für deren Antwort ich eine halbe Stunde brauchen könnte. Das Buch ist ein Unikum. Natürlich gibt es literarische Stadtführer, aber bisher gab es das noch nicht für das deutsche Olmütz. Olmütz ist eine sehr traditionelle, alte Stadt, in der die meisten Einwohner bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutschsprachig waren und auch danach die deutschsprachige Minderheit sehr stark vertreten war. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schnell. Darüber sollen die jetzigen Bewohner von Olmütz etwas erfahren und sie sollen versuchen einen Umgang damit zu finden.“

Illustrationsfoto: Archiv Radio Prag
Sind die Zielgruppe des Buches eher Tschechen oder eher Deutsche?

„Es sind sowohl Tschechen als auch Deutsche. Das deutsche Publikum wird älter sein als die tschechische Zielgruppe. Angesprochen werden vor allem die Deutschen, die in Olmütz gelebt haben oder deren Kinder. Es gibt immer noch sehr viele Deutsche, so genannte Sudentendeutsche, die nach Olmütz zurückkehren und sich ansehen, wo ihre Eltern gewohnt haben. Auf tschechischer Seite ist unser Ziel eher, die jüngere und mittlere Generation –Schüler, Studenten – anzusprechen. Wir wären froh, wenn auch die jüngste Generation mitbekommt, dass es eine deutsche Tradition in Olmütz gab.“

Veronika Opletalová und Lukáš Motyčka (Foto: Milada Hronová, Archiv der Palacký-Universität)
Sie haben das Buch gemeinsam mit Ihrer Kollegin Veronika Opletalová herausgegeben. Wie haben sie sich die Arbeit aufgeteilt?

„Man kann sagen, dass meine Kollegin Opletalová eher für das Grafische zuständig war, sie kennt sich darin besser aus. Ich habe mich eher um den Text gekümmert, aber wir haben beide mehrere Kapitel geschrieben. Es gibt aber auch andere Autoren, wie man im Inhaltsverzeichnis nachlesen kann. Wir Beide haben selbstverständlich alles gemacht. Aber der Akzent lag bei mir eher beim Text und bei meiner Kollegin eher beim Bildmaterial.“

Hier in der Hauptstadt gibt es ja sogar ein Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Olomouc, deutsch Olmütz ist nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ist Olmütz da ein wenig in Vergessenheit geraten?

Olmütz (Foto: Kristýna Maková)
„Das denke ich nicht. Man könnte aber sicher das Schlagwort Pragozentrismus hier nennen. Es ist sehr schade, dass man in Prag nicht so viel über Olmütz weiß. In Olmütz ist man, in Bezug auf die deutsche Kultur Böhmens und Mährens angeht, sehr aktiv. Seit den 90er Jahren gibt es dort ein Institut, das sich vor allem mit der deutschen Literatur aus Mähren befasst. Das Institut hat schon sehr viel erreicht und es laufen viele verschiedene Projekte. Ergebnis eines solchen Projektes ist auch dieses Buch. In Olmütz ist sehr viel los und ich finde, es wäre schön, wenn man ein bisschen mehr auf die Stadt oder generell in den Osten Tschechiens schauen würde.“

Sie sagen, eines der Projekte war das vorliegende Buch. Wie viel Arbeit steckt in dem Buch, wie lange haben Sie gebraucht, es fertig zu stellen?

Österreichisches Schlesien (gelb), Wikimedia Commons Free Domain
„Das Projekt war zunächst sehr breit angelegt. Eigentlich hieß es am Anfang ‚Literarische Wanderungen durch das deutsche Mähren’. Wir haben das dann einschränken müssen auf Olmütz, weil die Stadt uns am nächsten liegt. Aber wir planen auch, weitere Regionen im österreichischen Schlesien oder in Mähren ähnlich zu bearbeiten. Das Projekt ist insgesamt etwa acht Jahre alt. Es wurde erst sehr viel Material gesammelt und dann mussten wir es verarbeiten. Speziell an diesem Buch haben wir wahrscheinlich drei bis vier Jahre gearbeitet.“


Dieser Beitrag wurde am 1. Dezember 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.