Unesco-Perle auf der Böhmisch-Mährischen Höhe: Das jüdische Viertel in Třebíč

Hintere Synagoge

2003 wurde es als eines der besterhaltenen jüdischen Ghettos Europas in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Das jüdische Viertel mit zwei Synagogen und 123 erhaltenen Häusern befindet sich in Třebíč in der Region Vysočina.

Basilika des Heiligen Prokop in Třebíč | Foto: Miloš Turek,  Radio Prague International

Třebíč / Trebitsch erstreckt sich an den beiden Ufern des Flusses Jihlava / Iglau auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Die Stadt mit rund 39.000 Einwohnern und einer reichen Geschichte ist die Perle der Highlands des Kreises Vysočina. Während sich die Christenviertel seit jeher südlich des Flusses befinden, ist das jüdische Viertel am linken Ufer, nördlich des Flusses gelegen. Von dem Hauptplatz erreicht man es über eine Brücke beziehungsweise einen neueren Fußgängersteg.

Das Judenviertel in Třebíč gehört zu den am besten erhaltenen Vierteln in Europa. Dafür typisch sind schmale Gassen, öffentliche Durchgänge durch die Häuser, die den Weg von der einen zur anderen Straße verkürzen, sowie Veranden und Balkone.

Jüdisches Viertel | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Das jüdische Viertel in Třebíč besteht aus zwei Hauptstraßen. In der oberen Blahoslav-Straße steht die Hintere Synagoge. Die untere Leopold-Pokorný-Straße ist breiter, und man findet dort mehrere interessante Häuser.“

Soweit unsere Begleiterin Leona Saláková, eine Mitarbeiterin des Informationszentrums Zadní synagoga (Hintere Synagoge).

Vordere Synagoge | Foto: Miloš Turek,  Radio Prague International

Durch schmale Gassen und Hausdurchgänge

Während einige Häuser heute in neuem Glanz strahlen, tragen viele noch die grauen Fassaden, die sie im Laufe des 20. Jahrhunderts bekommen haben. Das jüdische Viertel ist kein Museum unter freiem Himmel, sondern ein untrennbarer Bestandteil der Altstadt.

Leona Saláková | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Die Häuser befinden sich zu 90 Prozent im Privatbesitz und zu zehn Prozent im Besitz der Stadt. Letztgenanntes gilt für die Synagoge, für das Haus daneben, in dem sich ein Museum befindet, und für die ehemalige Gerberei, in der Stadtwohnungen heute sind. Es gibt hier viele Galerien, Restaurants und Cafés, hauptsächlich dienen die Häuser aber zu Wohnzwecken.“

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Třebíč reiche in das frühe Mittelalter zurück, sagt Leona Saláková:

„1101 wurde am Ufer des Jihlava-Flusses ein Kloster erbaut. Danach entstand ein Marktplatz. Unter den Händlern, die hierher kamen, waren auch Juden. Die Anfänge der jüdischen Gemeinde von Třebíč liegen im 14. Jahrhundert, die Synagogen wurden aber erst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut.“

Jüdisches Viertel | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

Seine Blütezeit erlebte das Stadtviertel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, damals lebten hier etwa 1500 bis 1700 Menschen. Weiter berichtet die Stadtführerin:

„Die Juden durften nur in diesem Viertel wohnen und konnten nicht anderswohin umziehen. Diese Pflicht galt bis 1848. Dann aber wurde das Ghetto aufgelöst, und die meisten Juden nutzten die Möglichkeit und wanderten ab. Im 19. Jahrhundert lebten hier um die 900 Menschen. Die Zahl sank weiter, und 1942 gab es in Třebíč nur noch etwa 300 jüdische Einwohner. Sie wurden im Mai 1942 ins Ghetto Theresienstadt und von dort in weitere Vernichtungslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten nur zehn Überlebende in die mährische Stadt zurück. Heute kann man hier also keinem Nachkommen der ursprünglichen Einwohner mehr begegnen.“

Hintere Synagoge | Foto: Miloš Turek,  Radio Prague International

Zwischen Fels und Fluss

Die Grenze des Ghettos bilden der Fluss auf der einen und ein steiler Felsenhang auf der anderen Seite. Die jüdische Stadt ist ein Beispiel für ein maximal bebautes Gebiet. Die Häuser haben in der Regel keine Hinterhöfe oder Nebengebäude. Es gibt keine Gärten. Vielmehr sind die Bauten miteinander verbunden, durch dunkle Durchgänge oder gewundene Gassen. Kern und Grundriss der Häuser sind im Stil der Renaissance und des Barock gehalten. An der Stelle des früheren Tors erzählt Leona Saláková weiter:

Fluss Jihlava in Třebíč | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Das Viertel wurde früher durch ein Tor betreten, das jeden Abend geschlossen wurde. Die Juden waren verpflichtet, abends zu Hause zu bleiben. Sie durften nicht hinter der Ghettogrenze übernachten, sonst hätten Geldstrafen gedroht. Das Tor blieb auch an christlichen und jüdischen Feiertagen sowie samstags und sonntags zu. Es war der offizielle Eingang, zudem gab es noch Nebeneingänge, etwa in der Obergasse für Fuhrwerke.“

Eines der architektonisch wertvollsten Gebäude im Třebíčer Ghetto ist ein Eckhaus mit einer klassizistischen Fassade in der Leopold-Pokorný-Gasse Nummer 25.

Haus von Leopold Pokorný | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Interessant ist, dass sich die ursprüngliche Pawlatsche erhalten hat, die sieben steinerne Kragesteine tragen. Wenn man das Eingangsportal näher betrachtet, sieht man ein weiteres interessantes Element: In der Laibung befinden sich Rinnen. In diese wurden Bretter hineingeschoben, um das Haus vor Hochwasser zu schützen. Das jüdische Viertel wurde oft von Überflutungen heimgesucht, zuletzt 1985. Aus diesem Grund haben die Häuser in der unteren Straße keine Keller.“

Zwei Synagogen

Vordere Synagoge | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

In Třebíč findet man bis heute zwei Synagogen. Die Vordere Synagoge steht etwas versteckt unter den Häusern. Sie stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und war einst die Hauptsynagoge der Gemeinde. Jüdische Gottesdienste fanden dort bis 1942 statt. Seit den 1950er Jahren dient sie der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche. Leona Saláková besitzt den Schlüssel zum Gotteshaus:

„Wir stehen nun in der Vorderen Synagoge. Hier gab es 80 Sitzplätze für Männer und 20 Plätze auf der Frauengalerie. Die Plätze in der Synagoge waren Teil des Familieneigentums. Wenn jemand starb, galt das Erbverfahren. Von der Innenausstattung ist nur weniges erhalten geblieben, das Gebäude hat sich aber sonst in gutem Zustand gehalten.“

Schräg gegenüber der Synagoge steht jenes Haus, das seit dem 18. Jahrhundert die Rabbiner von Třebíč bewohnten. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Händlerläden, und oben war der Wohnraum. Das Haus wird derzeit instandgesetzt. Vor seiner Tür sieht man einen Stolperstein mit dem Namen des letzten Rabbiners von Trebitsch, Moises Ingber, der im KZ Auschwitz gestorben ist.

Vordere Synagoge | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

Runter zum Mikwe-Bad

Wir setzen unseren Spaziergang am Haus nördlich der alten Synagoge fort. Dort befindet sich eines der zwei erhaltenen rituellen Mikwe-Bäder. Ihr Wasser diente Juden zur Erlangung ritueller Reinheit durch Untertauchen…

Mikwe im jüdischen Viertel | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Wir müssen tief in den Keller hinuntergehen. Das Bad wird von einer Quelle gespeist, und das Wasser ist recht kalt. Wollte man das Bad etwas bequemer machen, wurden heiße Steine hineingelegt. Im ultraorthodoxen Judentum wird die Mikwe von Männern vor Beginn des Sabbats genutzt. Frauen hingegen besuchen sie nicht so oft, nur etwa vor der Hochzeit, nach der Geburt oder nach der Menstruation. Man taucht nackt in das Bad ein. Die Mikwe sollte ausreichend tief sein, damit ein erwachsener Mensch bis zum Kopf untertauchen kann. In Tschechien existieren heute zwei funktionsfähige Mikwe-Bäder, und zwar bei den jüdischen Gemeinden in Brünn und in Prag.“

Durch die obere Straße gelangen wir dann zur sogenannten Hinteren Synagoge. Heute wird sie für Ausstellungen, Konzerte und andere kulturelle Aktivitäten genutzt. Die dortige Frauengalerie beherbergt eine Dauerausstellung zur jüdischen Kultur. Eine Gedenktafel erinnert zudem an die Holocaust-Opfer aus Trebitsch.  Im Gebäude neben dem Gebetshaus kann zudem das Jüdische Museum besucht werden. Es zeigt unter anderem eine Ausstellung über typische Wohneinrichtungen von Juden, einen Laden und eine koschere Metzgerei.

Leona Saláková bittet in die Synagoge:

Hintere Synagoge | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Die Wände sind mit hebräischen liturgischen Texten und Pflanzenornamenten geschmückt. Oben an der Decke sind drei große Symbole dargestellt: An den Rändern sieht man den Nachthimmel mit Sternen und in der Mitte die untergehende Sonne. Dies symbolisiert den jüdischen neuen Tag, der eben mit dem Sonnenuntergang und dem Aufgang der ersten Sterne beginnt. Gegenüber befindet sich die wichtigste Wand der Synagoge, nämlich die Südostwand, die in Richtung Israel, also in das das Heilige Land zeigt. In der Mitte hängt ein Vorhang, der früher die Torarollen verdeckte. Heute ist die Stelle hinter dem Vorhang leer, da hier keine Gottesdienste mehr stattfinden. Die letzte Zeremonie fand hier in den 1920er Jahren statt. Seit 1926 diente die Synagoge als Lederlager. Sie war von der Familie Subak gemietet, die Gerbereien in der Stadt besaß. Seit den 1950er Jahren wurden hier dann Kartoffeln gelagert, das hat dauerhafte Spuren am bautechnischen Zustand hinterlassen.“

Festival der jüdischen Kultur

Wie die Synagoge und das jüdische Viertel in den 1980er Jahren aussahen, dokumentieren Fotos, die auf der Galerie ausgestellt sind.

Třebíč | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Das Gebäude war sehr verwahrlost. Es gab verschiedene Pläne zum weiteren Umgang mit dem jüdischen Viertel. Einem Projekt zufolge sollte es niedergerissen werden, und an seiner Stelle sollten Plattenbauten entstehen. Dieser Plan wurde glücklicherweise nicht umgesetzt –erstens aus Finanzmangel und zweitens, weil die geologische Grundlage für den Bau von Hochhäusern nicht geeignet ist.“

Mit der Renovierung des jüdischen Viertels wurde dann gleich nach der Wende von 1989 begonnen. 2001 konnte das ehemalige Synagogengebäude in der Blahoslav-Straße der Öffentlichkeit als Kulturdenkmal übergeben werden. 2004 fand erstmals das Festival der jüdischen Kultur „Schamajim“ in Třebíč statt.

Unseren Spaziergang durch beenden wir etwas abseits des eigentlichen Ghettos. Zum jüdischen Friedhof geht es bergauf zu einem Hügel über der Stadt. Saláková schildert:

Jüdischer Friedhof | Foto: Olga Vasinkevič,  Radio Prague International

„Der Friedhof ist einer der größten seiner Art in Tschechien. Er beherbergt ungefähr 11.000 Gräber, aber nur rund ein Drittel davon ist mit Grabsteinen ausgestattet. Der Friedhof wird bis heute genutzt. Etwa einmal im Jahr findet dort eine Beerdigung statt.“

Und hier können wir uns, mit einem Blick auf die Stadt, von Třebíč verabschieden. Von oben sieht man das gesamte Stadtzentrum und auf einer Anhöhe auch die romanisch-gotische St.-Prokop-Basilika. Sie wurde ebenso wie das jüdische Viertel im Jahr 2003 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen.

Autoren: Markéta Kachlíková , Olga Vasinkevich
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