Václav Sedláček: Das vergessene Opfer von 1939

Václav Sedláček Beerdigung (Foto: Archiv von Josef Leikert)

Das Begräbnis von Jan Opletal im November 1939 war der Auslöser von Protesten gegen die deutschen Besatzer. Letztlich mündete dies in die Schließung der tschechischen Hochschulen. Der Student Opletal war bei einem Protest am 28. Oktober verletzt worden, und nach seinem Tod am 11. November galt er als das erste tschechische Opfer im Zweiten Weltkrieg. Doch bei derselben Demonstration Ende Oktober kam der Bäckergeselle Václav Sedláček ums Leben. Dieser ist heute aber in Vergessenheit geraten.

Parte von Jan Opletal  (Foto: Wikimedia Commons,  Public Domain)
Der 17. November 1939 gilt als einer der tragischsten Momente der tschechischen Geschichte. Bei der „Sonderaktion Prag“ schließen die deutschen Besatzer alle tschechischen Hochschulen. Neun Studentenführer werden im Anschluss hingerichtet, fast 1300 Hochschüler in Konzentrationslager deportiert. Anlass für das harte Vorgehen der Nazis waren antideutsche Kundgebungen beim Begräbnis des Studenten Jan Opletal. Dieser ist bei einem Protest zum Gründungstag der Tschechoslowakei am 28. Oktober angeschossen worden und erliegt später seinen Verletzungen. Für den Historiker Martin Jindra ist gerade dieser Tag ein Wendepunkt hin zum Terror gegen die Bevölkerung im „Protektorat Böhmen und Mähren“:

„So wie die Demonstration am 28. Oktober niedergeschlagen wurde, dass es sogar Todesopfer gab, ist mit dem Vorgehen gegen frühere Kundgebungen gegen die deutschen Besatzer nicht zu vergleichen. Gewalt gab es zwar, beispielsweise beim Fußballspiel zwischen Prag und Berlin im Juli, bei dem die Tschechen 2:0 gewonnen hatten. Da wurden die Deutschen von den Zuschauern mit Bechern beworfen, und es gab eine Schlägerei im Stromovka-Park zwischen den Anhängern beider Teams. Die Protektorats-Regierung musste danach für einige Zeit sogar sportliche Veranstaltungen verbieten. Doch auch beispielsweise bei den großen Kirchenfeiern, die im Sommer zu richtigen Manifestationen wurden, blieb Gewalt von einer der beiden Seiten aus.“

Kundgebung am 28. Oktober 1939
Dafür ist die Eskalation ab dem Herbst umso größer. Am 28. Oktober 1939 kumuliert der Unmut der Tschechen gegen die deutsche Besatzung. Laut Martin Jindra war der ehemalige Nationalfeiertag von sämtlichen Widerstandsgruppen auch als Symbol für alle Schichten der tschechischen Bevölkerung geplant:

„Die Protektoratsregierung hatte den 28. Oktober schon im September als Feiertag gestrichen. Darauf wollte der Widerstand reagieren, doch auf keinen Fall mit blutigen Auseinandersetzungen. Die geplanten Demonstrationen sollten vielmehr zeigen, dass der ehemalige Staatsfeiertag auch weiterhin im Bewusstsein der Bevölkerung ist. Die Menschen wurden aufgerufen, Festtagskleidung zu tragen, nicht einkaufen zu gehen und sich mit Schleifen in den tschechischen Farben zu schmücken. Viele Männer zogen aus dem Anlass auch die typischen Masaryk-Mützen an. Der 28. Oktober sollte an die Staatlichkeit der Tschechoslowakischen Republik erinnern, nicht aber zu gewaltsamen Konflikten mit den Sicherheitskräften der Besatzungsmacht führen.“

Gedenktafel an den Tod von Jan Opletal und Václav Sedláček  (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)
In der Žitná-Straße fallen dann aber die ersten Schüsse – bis heute weiß man nicht, von welcher Seite. Für die deutschen Besatzer ist laut Jindra diese Gewalt ein Vorwand, um ihrerseits noch härter gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen. Denn ab da wird aus Berlin gegenüber der tschechischen Marionettenverwaltung der Vorwurf laut, die Lage nicht im Griff zu haben.

Nicht nur ein Studentenprotest

Heute wird an die Ereignisse am 28. Oktober 1939 vor allem als Studentenprotest erinnert. Laut Martin Jindra, der unter anderem beim Institut zum Studium totalitärer Regimes forscht, ist diese Darstellung aber verkürzt:

„Natürlich waren die Studenten immer einer der dynamischen Teile des tschechischen Volkes. Das war auch später noch so, wenn man beispielsweise das Jahr 1948 mit dem Widerstand gegen die aufstrebenden Kommunisten betrachtet oder das Geschehen rund um die Samtene Revolution von 1989. So waren es auch im Jahr 1939 die Studenten, die die Aufrufe des Widerstandes besonders gut verstanden haben. Sie waren aber längst nicht die einzigen. Deshalb können wir bei den Demonstrationen am 28. Oktober auch nicht von einem Studentenprotest sprechen. Denn Hochschüler waren damals nicht einmal in der Mehrheit.“

Václav Sedláček
So ziehen nicht nur Studenten in diesem Sinne durch die Straßen Prags, sondern auch weitere Bürger. Und als dann schließlich scharf geschossen wird, erleidet nicht nur der Hochschüler Jan Opletal tödliche Verletzung. Ein anderer junger Mann findet dort direkt den Tod – es ist der Bäckergeselle Václav Sedláček:

„Das ist so eines der Geheimnisse der Geschichte. Denn Vaclav Sedláček war eigentlich das wirkliche erste Opfer der antideutschen Kundgebungen am 28. Oktober 1939. Um halb sieben wurde er von einer Kugel ins Herz getroffen und erlag seinen Verletzungen innerhalb von fünf Minuten. Im Gegensatz zu Jan Opletal wurde er gar nicht erst in die chirurgische Klinik am Karlsplatz gebracht.“

Und auch das Begräbnis von Václav Sedláček einige Tage später wird zu einem Vorgeschmack auf die Ereignisse rund um die Trauerfeiern von Jan Opletal am 15. November:

„Eine offizielle Beerdigung wurde zwar genehmigt, doch verboten die Behörden des Protektorates und der Besatzungsmacht die Predigt eines Priesters am Grab Sedláčeks. Dennoch war die Anteilnahme an der Bestattung am 4. November auf dem Friedhof im Prager Stadtteil Braník groß. Es kamen viele Prager dorthin. Laut Aussagen von Verwandten war es sogar eine richtige Menschenmasse.“

Martin Jindra  (Foto: Jana Přinosilová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Dennoch ist das Schicksal von Václav Sedláček heute in Vergessenheit geraten, und man denkt kaum noch an den 22-jährigen Bäckersburschen.

Ungeeignet als Symbolfigur?

Das liegt auch daran, dass Václav Sedláček nie zur Symbolfigur oder zum Märtyrer im Kampf gegen die Nazis geworden ist. Der Historiker Martin Jindra hat dafür keine klare Erklärung, doch er vermutet den Grund in der Herkunft des jungen Mannes:

„Das alles sind nur Mutmaßungen, aber wahrscheinlich lag das am deutsch-tschechoslowakischen Hintergrund von Sedláček. Seit zwei Generationen war seine Familie nämlich in Nordrhein-Westfalen ansässig, wo sein Vater zuletzt als Bergmann arbeitete. Die Familie lebte zwar in einer tschechischen Enklave dort, die auch die Traditionen der alten Heimat pflegte. Dennoch dürfte Sedláček eher Deutsch gesprochen haben. Anfang der 1930er Jahre schließlich hatte sich die Familie dazu entschlossen, nach Ústí nad Labem umzuziehen.“

Recklinghausen
In der Tschechoslowakei profiliert sich der geborene Recklinghausener als wahrer tschechischer Patriot. Er engagiert sich im Sokol und zeigt seine offene Abneigung gegenüber Deutschland. Doch schon bald steht für Sedláček ein weiterer Umzug an:

„Václav Sedláček lebte nur bis zum Jahr 1938 in Ústí, dann wurden die Grenzgebiete der Tschechoslowakei dem Deutschen Reich angegliedert. Er zog dann zusammen mit seinem Bruder nach Prag.“

Dort arbeitet der ehemalige Bergbau-Lehrling wie schon in Ústí als Bäckergeselle. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht im Rest der Tschechoslowakei und der Einrichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ findet sich Sedláček zum dritten Mal unter der Nazi-Herrschaft wieder. Nur dass es ihn diesmal das Leben kostet. Wie auch bei Opletal ist der Schütze bisher unbekannt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Sedláček gezielt aus nächster Nähe umgebracht wurde. Der tödliche Schuss ging mitten ins Herz.

Späte Würdigungen

Václav Sedláček  (2. von rechts). Foto: Archiv von Josef Leikert
Jan Opletal avancierte nach Ende der deutschen Besatzung zum Mythos. Durch die Ereignisse rund um sein Begräbnis wurde der 17. November bereits Anfang der 1940er Jahre weltweit zum internationalen Tag der Studenten erklärt. Um Václav Sedláček hingegen blieb es lange still. Martin Jindra vermutet, dass er wegen seiner Verbindungen zu Deutschland keinen Platz in der tschechoslowakischen Erinnerungskultur gefunden habe. Er sei hierzulande ein Fremder geblieben, meint der Historiker. Auch die Kommunisten stilisierten Sedláček nicht als proletarischen Gegenpol zu Jan Opletal. Doch selbst nach der Wende blieb er im Hintergrund:

„Bis heute wurde Václav Sedláček in seiner Heimatstadt Ústí nad Labem keine Straße gewidmet. Jan Opletal hingegen schon.“

Und auch auf dem Friedhof im Prager Stadtteil Bránik gab es wegen einer Reihe trauriger Zufälle lange keine Spur mehr von Václav Sedláček:

Václav Sedláček Beerdigung  (Foto: Archiv von Josef Leikert)
„Mitte der 1960er Jahre wurde das Grab von Vaclav Sedláček auf dem Friedhof in Prag-Braník sogar aufgelöst. Und es gab auch keinerlei Hinweis darauf, dass er dort damals bestattet wurde. Erst seit vergangenem Jahr erinnert eine Gedenktafel auf dem Friedhof an ihn.“

Immerhin ist er zudem auf der Gedenktafel in der Žitná-Straße verewigt, die an die Schüsse auf die Demonstranten am 28. Oktober 1939 erinnern soll. Doch auch dahin sei es ein langer Weg gewesen, meint der Historiker:

„Diese gemeinsame Gedenktafel für Sedláček und Opletal in der Žitná-Straße gibt es erst seit Anfang 1989. Sie wurde auf Initiative des Professors Jozef Leikert enthüllt, der sich lange mit dem Schicksal der beiden auseinandergesetzt hat. Bis die Tafel aber enthüllt wurde, hat es viele Jahre gedauert.“