Verhaftung fast live

David Lubina, so der Stand der Ermittlungen, hat am 13. September einen Mord begangen. Am helllichten Tag und mitten in der Stadt. Drei Wochen später wurde er verhaftet. Im hellen Schweinwerferlicht und inmitten der gebannten Öffentlichkeit. Als er auf einem Prager Vorstadtbahnhof von Polizisten abgeführt wurde, war nämlich die Kamera des Privatfernsehsenders Nova dabei, ins Bild ragte das Mikrophon des Redakteurs. Auf der Jagd nach einem Exklusivinterview mit dem Mörder.

Dass ausgerechnet Nova sich für die Causa besonders interessierte, liegt unter anderem daran, dass der Ermordete Michal Velisek dort als Cutter gearbeitet hatte. Der junge Familienvater war an jenem 13. September im Park auf dem Prager Karlsplatz spazieren, mit seiner kleinen Tochter im Kinderwagen. Dabei sah Velisek, wie Lubina eine junge Frau mit einer Pistole bedrohte. Velisek schaute nicht weg, sondern ging hin. Dass er der Frau zu Hilfe kam, bezahlte er mit dem Leben. Ohne Vorwarnung schoss Lubina auf ihn. Zuerst einmal, und als Velisek bereits auf dem Boden lag, noch ein paar Mal.

Dass die Verhaftung Lubinas vergangene Woche zu einem Medienereignis wurde, ist nicht wirklich verwunderlich. Die näheren Umstände aber hinterließen doch einen fahlen Nachgeschmack. Die Polizei nämlich, so weiß man heute, hatte sich bereits zu Mittag an Lubinas Fersen geheftet, nachdem Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen waren. Festgenommen wurde Lubina aber erst gegen 18 Uhr. Angeblich, weil ein früherer Zugriff Passanten gefährdet hätte. Als schließlich die Handschellen klickten und die Kameras surrten, war außer Nova immer noch niemand informiert. Als dann kurz vor 19:30 Uhr doch einige Informationen durchgesickert waren und eine Redakteurin der Nachrichtenagentur CTK bei der Prager Polizei um Klärung bat, wurde sie von der Polizeisprecherin auf eine andere Quelle verwiesen: Auf die Hauptnachrichten von Nova, die in wenigen Minuten beginnen sollten.

Verständlich, dass viele Medienvertreter am nächsten Tag die Nase rümpften. Was war geschehen? Hatte die Polizei dem Privatsender Nova Exklusivität zugesichert? Und wenn ja, warum? Weil das Opfer, der Cutter Velisek, bei Nova gearbeitet hatte? Oder weil die Verantwortlichen bei der Polizei gar mit einer Gegenleistung rechnen duften?

Die Wahrheit dürfte weniger spektakulär, jedoch umso bizarrer sein: Nicht die Polizei hatte Nova davon verständigt, dass Lubina gesehen wurde, sondern Nova die Polizei. Bürger, die Lubina anhand der Fahndungsfotos erkannten, hatten sich nämlich nicht bei den Behörden gemeldet, sondern direkt bei dem Privatfernsehsender.

Warum, das bleibt fraglich. Vielleicht spielten die 100.000 Kronen (etwa 3300 Euro) eine Rolle, die Nova als Belohnung für zielführende Hinweise ausgesetzt hatte. Vielleicht ist aber auch einfach die gesellschaftliche Autorität von Nova mittlerweile größer als die der Sicherheitskräfte. Denn der in Erpresserkreisen beliebte Satz "Und keine Polizei!" stand wohl nicht auf dem Nova-Steckbrief.