Viel Applaus und ein bisschen Plausch aus dem Nähkästchen: Angela Merkel in Prag
Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war am Dienstag auf Besuch in Prag. Nach einer Autogrammstunde im Buchladen Luxor auf dem Wenzelsplatz sprach sie am Abend im ausverkauften Großen Saal der Lucerna in einem Live-Interview.
Mit großem Beifall wurde Angela Merkel am Dienstagabend in der Lucerna begrüßt. Anlass des Besuchs der einstigen deutschen Bundeskanzlerin in Prag war ihre Biographie „Freiheit“, die in Übersetzung von Michaela Škultéty auch auf Tschechisch erschienen ist. Martin Vopěnka ist der Gründer und Direktor des Verlages Práh, der das Buch hierzulande herausgebracht hat. Das Angebot dazu habe er sofort angenommen, sagt er:
„Wir haben keinen Moment gezögert. Allerdings ist die tschechische Gesellschaft in ihren Ansichten zu Angela Merkel gespalten. Und die Buchhändler stellen einen Querschnitt dieser Gesellschaft dar. Einige von ihnen standen dem Titel deshalb sehr negativ gegenüber und dachten, er würde sich nicht gut verkaufen.“
Doch das Gegenteil war der Fall. Merkels Autobiographie erschien hierzulande, wie auch in Deutschland, im November 2024 und musste bis Weihnachten zweimal nachgedruckt werden – so groß war die Nachfrage.
Der von Vopěnka erwähnte gespaltene Blick auf Merkel gründet vor allem in der Flüchtlingspolitik der ehemaligen Bundeskanzlerin. Diese brachte der Politikerin ab 2015 in Tschechien viel Gegenwind ein. Zu den Gästen der als „Live-Interview“ angekündigten Veranstaltung zählten aber vor allem Anhänger der Politikerin – oder Menschen, die sich aus allgemeinem Interesse eine Karte gekauft hatten. Das war etwa der Fall von Petr. Er sagte gegenüber Radio Prag International:
„Als ich erfahren habe, dass Angela Merkel nach Prag kommt, hat das sofort mein Interesse geweckt. Ich habe mir gesagt, dass ich dabei sein muss, denn sie ist eine Ikone der europäischen Politik.“
Thomas lebt als Deutscher in Prag, und auch er wollte sich den Besuch der Altkanzlerin nicht entgehen lassen:
„Angela Merkel ist eine Person der Zeitgeschichte. Man muss sie einfach einmal live erleben. Und ich glaube, es gab Wendepunkte in ihrem politischen Leben, die die Gesellschaft in Europa und eigentlich der ganzen Welt bewegt haben. Ich bin gespannt, ob das heute nur so ein Wohlfühlprogramm wird, oder ob auch ein paar Sachen angesprochen werden, die nicht so komfortabel sind.“
Tatsächlich stellte der Journalist Tomáš Lindner, dessen Medium – das Wochenmagazin Respekt – die Veranstaltung organisiert hatte, auch einige kritische Fragen. Zu Beginn des Interviews wollte Lindner aber wissen, ob die Bundeskanzlerin a. D. nun endlich in Ruhe auf Reisen gehen könne. Sie bejahte, fügte aber mit einem Schmunzeln an:
„Je nachdem, wo ich bin, werde ich natürlich manchmal erkannt. Inkognito ist nicht so einfach. Sonnenbrille allein hilft nicht.“
Zur Sprache kamen eingangs auch die Erfahrungen, die Merkel in den 1980er Jahren in Prag gesammelt hatte. Denn damals verbrachte sie als Physikerin dreimal je drei Monate an der hiesigen Akademie der Wissenschaften.
„Mich hat der Humor immer geprägt, das schätzen wir ja auch am Schwejk. Ich habe Freunde hier gehabt und natürlich die Stadt Prag bewundert. Ich bin aber auch durchs Land gereist und habe mir mit meinem heutigen Ehemann angeschaut, wie man in Böhmen und Mähren Wein macht. Das alles war eine große Bereicherung für mein Leben.“
Ein Großteil des Gesprächs drehte sich jedoch um die drängenden politischen Fragen unserer Zeit. Etwa um die Beziehungen zu den USA, für deren Aufrechterhaltung man laut Merkel unbedingt kämpfen muss. Thema war genauso der Stand der Demokratie und das Aufstreben der AfD in Deutschland. Und es ging um den Krieg in der Ukraine.
Diplomatische Verhandlungen mit Putin geführt zu haben, sei richtig gewesen, so Merkel. Zudem verteidigte sie Deutschlands Haltung, 2008 beim Nato-Gipfel in Bukarest gegen eine künftige Mitgliedschaft der Ukraine zu stimmen:
„Putin hätte nicht akzeptiert, dass die Ukraine in die Nato geht. In der Zwischenzeit, als sie noch nicht den Schutz von Artikel 5 gehabt hätte, hätte er eingegriffen, wie er es auch in Georgien gemacht hat. Das hat mich dazu geführt, nichts über Knie zu brechen und langsam vorzugehen. Wenn ich mir das heute wieder vor Augen führe, komme ich leider zu dem gleichen Ergebnis. Ich würde es wieder so machen.“
Ähnlich äußerte sich Merkel zur Flüchtlingspolitik von 2015. Wasserwerfer an der Grenze zu Österreich gegen Migranten einzusetzen, hätte sie – auch rückblickend – nicht verantworten können. Neben Künstlicher Intelligenz, Klimawandel und Afrika-Politik kam die Sprache zudem auf Israels Krieg im Gazastreifen. Merkel übte deutliche Kritik an Benjamin Netanjahus Führung. Gleichzeitig dürfe man dem Staat Israel nicht das Existenzrecht absprechen – eine Aussage, für die die Altkanzlerin mit Szenenapplaus belohnt wurde, das erste und einzige Mal an diesem Abend.
Entlassen wurde Merkel nach anderthalb Stunden Interview mit minutenlangen Standing Ovations, wobei Jubel aufbrandete, als Merkel einige Worte auf Tschechisch sprach.
Wie fanden die Besucher die Veranstaltung? Die junge Tschechin Julie sagt:
„Es war faszinierend, eine Weltpolitikerin zu sehen und ihre Gedanken zu hören.“
Vor allem habe sie gefreut, dass Merkel auch über den Klimaschutz gesprochen habe, so Julie weiter. Eine andere Besucherin hebt lobend hervor, dass Merkel nicht nur als Politikerin, sondern auch als Mensch aufgetreten sei und auf persönliche Fragen geantwortet habe. Und Pavel ergänzt:
„Merkel war für mich in den letzten 30 Jahren eine der wichtigsten Politikerinnen in Europa. Sie live zu erleben, war sehr inspirierend. Und besonders schön war für mich zu sehen, dass sie sich immer noch einbringt und nicht in Italien lebt und den ganzen Tag nur Pizza isst. Ich drücke ihr für die Zukunft weiterhin die Daumen.“







