Vlny Štvanice – Surfen auf der Moldau

Janek Moleš - Flussurf-Champion

Von der Hlávka-Brücke ist sie schon sehen. Die Welle. Mitten auf der Moldau. Vor drei Jahren wurde dort ein Surfclub gegründet, der Riversurfing, also auf deutsch Flusssurfen anbietet. Sowohl im Sommer als auch im Winter kann man dort auf der Welle reiten.

Janek Moleš in Aktion | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

Die Wellen von Štvanice: ein Ort für leidenschaftliche Flusssurfer direkt in Prag. Wenn ich an Surfen denke, dann fallen mir sofort weiße Strände, türkisfarbenes Wasser und Surfer mit Muschelketten ein. Das ist bei „Vlny Štvanice“, der Surferwelle auf der Moldau, nicht ganz der Fall. Langärmlige Neoprenanzüge, Helme und Flusswasser sind hier gängiger.

Vor drei Jahren wurde der Surferclub „Vlny Štvanice“ gegründet. Übersetzt heißt das: die Wellen von Štvanice. Janek Moleš, tschechischer Flusssurf-Champion, ist Trainer und einer von zwei Festangestellten in dem Verein. Alle anderen arbeiten freiwillig hier und sind Vereinsmitglieder. Ich darf heute zum allerersten Mal surfen. Bevor es für uns ins Wasser geht, erläutert Janek, wo genau der Unterschied zwischen Oceansurfing und Riversurfing liegt:

Emely Sander und Janek Moleš nach einer erfolgreichen Surfstunde | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

„Beim Oceansurfing hat man den ganzen Aspekt, dass man die passende Welle fangen muss. Man muss sich positionieren, paddeln, überleben und den Elementen trotzen. Wenn es dann ums tatsächliche Aufstehen geht, da ist es beim Riversurfing so, dass die Welle horizontaler liegt. Die Welle bewegt sich in dem Sinne nicht, sie steht mehr oder weniger. Außerdem hat die Riversurfing-Welle keine ‚Lippe‘. Das ist der schaumige Teil oberhalb der Welle, wenn sie bricht. Beim Oceansurfing kann man sich mithilfe der ‚Lippe‘ wieder in die Welle drücken. Beim Riversurfing ist das nicht nötig.“

Das kann ich bestätigen, denn die Welle in Prag verläuft ganz glatt. Das heißt aber nicht, dass sie weniger Power hat. Janek ist einer der sogenannten Wavemaster an dieser Welle. So nennt er die Trainer. Mit ihm werde ich später auch surfen gehen. Aber zuerst bekomme ich eine Führung durch das Vereinshaus.

An den Wänden hängen Stangen voller Neoprenanzüge und Helme für die Surfer, Pokale von gewonnenen Wettbewerben und natürlich Surfboards. Es gibt eine große Dusche und einen Fitnessraum, wo Yogastunden stattfinden und trainiert wird. Ich bekomme einen Cappuccino von Janek, und er erklärt mir, wie dieser Verein entstanden ist:

„Es fing alles mit Martin Leskovjan an. Er ist der Gründer und unser philosophischer Guru. Er hat Potenzial in der Kanu-Anlage auf der Moldau gesehen, die seit den 1980er Jahren vernachlässigt wurde und dem Militär gehörte. Vor ungefähr drei Jahren hatten wir die Möglichkeit, eine Wellenkonstruktion durch Crowdfunding zu finanzieren, zu bauen und zum Laufen zu bringen. Für uns ist diese Welle eine Art Pilot-Projekt. Unsere Vision ist, die Welle besser zu machen und sie beispielsweise näher an das Karlín-Ufer zu bringen.“

Denn bisher steht nur das Vereinshaus am Karlín-Ufer. Die Welle aber befindet sich in der Moldau gegenüber des Gebäudes und ungefähr 200 Meter flussaufwärts vor der Hlávka-Brücke.

So langsam ist es Zeit, sich den Neoprenanzug anzuziehen, und ich kann wirklich sagen, dass das gar nicht so einfach ist. Jetzt noch die Weste an und den Helm auf. Janek gibt mir eine Sicherheitseinweisung zum Surfen. Dazu gehört: Wie ich richtig falle und dass alles gut wird, solange ich das beherzige, was der Trainer sagt.

Surfen auf der Moldau an der Hlávka-Brücke | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

Jetzt geht es los. Zu Beginn einmal durch die Welle springen und am Rand langlaufen, um aus dem Wasser zu kommen. Die Strömung ist doch recht stark. Und dadurch, dass mein Helm mir immer wieder ins Gesicht rutscht, sehe ich nicht, wohin ich schwimmen muss. Bevor es losgehen kann, soll ich einmal rückwärts in die Welle fallen, um ein Gefühl für den Fall zu bekommen. Das ist gar nicht so gruselig wie erwartet. Während die anderen schon surfen, erklärt mir Janek die Funktionsweise der Konstruktion:

Die Flusswelle auf der Moldau | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

„Das hier ist eine stillstehende Welle, oder wissenschaftlich auch hydraulischer Sprung genannt. Diese Wellen entstehen an der Schnittstelle von schnell und langsam fließendem Wasser. Es hängt alles davon ab, wie man das Wasser formt. In anderen Einrichtungen gibt es auch einen zweiten hydraulischen Sprung, der einen unter Wasser ziehen kann. Aber das haben wir nicht, da sind wir auch sehr stolz drauf. Die Welle kontrollieren wir durch den sogenannten Pool davor. Die Menge an Wasser darin kann erhöht oder gesenkt werden. Wenn das Optimum der Wassermenge erreicht ist, dann existiert eine perfekte Welle zum Surfen.“

Wie kommt man vom Brett wieder runter?

Foto: Vít Pohanka,  Radio Prague International

Endlich geht es ans Wellenreiten. Von einer der zwei Holzplattformen links und rechts neben der Welle steige ich mit Janeks Hilfe auf mein Board. Er erklärt mir noch kurz, wie meine Füße am besten stehen und wie meine Haltung sein sollte. Das ist erst einmal ein ungewohntes Gefühl. Aber ich bin selbst überrascht, wie einfach es dann doch ist, auf dem Board zu stehen. Nebenbei halte ich mich noch an Janeks Arm fest, und er gibt mir weitere Anweisungen, wie ich auf dem Board bleiben kann: also Blick nach vorne, Knie beugen und darauf achten, dass die sogenannte „Nose“, also die vordere Spitze des Boards, über Wasser bleibt. Sonst würde ich nach vorne fallen.

In mir kommt langsam ein mulmiges Gefühl auf. Schön und gut, dass ich auf dem Board stehe. Aber wie komme ich wieder runter? Die Angst vor dem Fall ist auf einmal wieder da. Aber dann muss ich an Janeks Worte denken: Solange du dich an die Sicherheitseinweisung hältst, passiert dir nichts. Und damit hat er Recht! Einmal kurz ins Wasser plumpsen, an den Rand schwimmen, und dann kann ich auch schon wieder zur Holzplattform laufen, denn das Wasser geht mir gerade einmal bis zum Schlüsselbein.

Ich frage Janek, ob die Surfer hier auch eine Art Surfslang haben…

„Den englischen Surfslang nutzen wir hier auch. Es gibt tausende Wörter, Tricks und Manöver. Aber wir haben auch unser eigenes Vokabular auf Tschechisch. Es ist eigentlich ganz lustig. Wir sagen zum Beispiel čaptoš, so nennen wir die Anfänger. Ein čaptoš ist einfach nur eine etwas ungeschickte Person. Aber sobald man hier die erste Session hatte, ist man kein čaptoš mehr, sondern ein zertifizierter Surfer.“

Dass ich so schnell zu einer zertifizierten Surferin werde, hätte ich am Anfang auch nicht gedacht. Nach ein paar weiteren erfolgreichen Versuchen auf dem Board sind erst einmal die Profis und Erfahrenen an der Reihe.

Foto: Roman Rudakov,  Vlny Štvanice

Drehungen auf dem Board, Jumps und scharfe Kurven. Dabei kommen der Spaß und die Community nicht zu kurz. Man teilt hier eine Leidenschaft und freut sich für die anderen, wenn sie einen neuen Trick lernen. Und das, obwohl hier Konkurrenz herrscht. Bei „Vlny Štvanice“ tummelt sich nämlich der ein oder andere Champion herum. Im September steht die nächste Runde der tschechisch-slowakischen Wettkämpfe an, und hier wird fleißig geübt. Aber von Feindseligkeit spürt man nichts. Oder doch?

Foto: Roman Rudakov,  Vlny Štvanice

„Nein, definitiv nicht. Ich meine, die Wettkämpfe sind immer noch ein Ort zum Abhängen und einfach Zusammenkommen. Das Hauptziel der Wettkämpfe ist es auf der anderen Seite, den Sport zu pushen. Das hat auch schon gut funktioniert. Über die letzten vier Jahre sind wir extrem gewachsen. Aber vor allem ist das Ziel, die Leute der anderen Wellen zusammenzubringen. Wir besuchen uns gegenseitig. Natürlich vergleichen wir auch, wer etwas Neues gelernt hat und was wir noch aus uns herausholen können. Aber vor allem geht es darum, mit guten Leuten eine gute Zeit zu haben.“

Janek Moleš | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

Und das spüre ich auch. Ich bin total begeistert von den Leuten hier und freue mich mit, wenn jemand einen Trick erfolgreich ausführt. Nebenbei interessiert mich, warum Janek so gerne ein Wavemaster ist…

„Es ist das Größte zu sehen, wie viel Freude es anderen macht. Die Leute, die hier zum ersten Mal herkommen, gehen zu 99 Prozent mit einem Lächeln im Gesicht – weil sie gerade etwas Neues gelernt und herausgefunden haben, dass auf dem Wasser zu gleiten das beste Gefühl überhaupt ist. Zumindest wenn es nach mir geht. Die andere Sache ist das direkte Feedback. Eine Person kann in Sekunden ein viel besserer Surfer werden, wenn man einen guten Ratschlag gibt, der auch für die andere Person Sinn macht.“

Die Zeit auf der Welle vergeht wie im Flug: ins Wasser fallen, zum Rand schwimmen, wieder aus dem Wasser raus und zurück auf das Surfboard. Nach einiger Zeit wird einem aber doch etwas kalt. Janek erzählt mir nebenbei, dass Leute zu jeder Jahreszeit auf der Welle sind, egal bei welchem Wetter. Surfen ist hier eigentlich immer möglich, solange das Wasser fließt.

Die Flusswelle ist aber nicht den ganzen Tag geöffnet. Da sich der Verein die Wasserzufuhr mit einem Kraftwerk teilt, müssen sie sich abwechseln. Trotzdem hat die Welle morgens, mittags, nachmittags und abends immer für anderthalb Stunden geöffnet. Ich stelle mir vor, dass es im Sommer deutlich angenehmer sein muss zu surfen, als im Winter.

Surfen auf Wettkampfniveau

Knapp vier Jahre gibt es den Verein schon. Dabei sind ungefähr 120 aktive Mitglieder mit eigenem Surfequipment und insgesamt 600 Mitglieder, die sporadisch teilnehmen. Das ist eine große Community, die bis über die Grenzen Prags hinausreicht. So hat auch Kiki ihren Weg zur Welle gefunden.

Gewonne Pokale frisch aus 2025 | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

„Ich bin zu Besuch bei einer Freundin, die hier arbeitet und oft surfen geht. Sie hat immer viel vom Surfen gesprochen, und deswegen hab ich mir gedacht, das können wir ausprobieren. Sie hat mich eingeladen, und jetzt bin ich hier.“

Kiki kommt zwar aus Tschechien, studiert aber in Wien. Ihre Freundin Kateřina surft schon seit zwei Jahren in diesem Verein und macht bei dem diesjährigen tschechisch-slowakischen Wettkampf „Finbreaker“ im September mit. Dafür trainiert sie zwei- bis dreimal die Woche und auch mehrmals am Tag. Die Sache wird hier also ernst genommen. Kateřinas Ziel für den Wettkampf ist ganz klar: Sie möchte gewinnen.

Nach knapp anderthalb Stunden surfen bin ich fix und fertig und auch etwas verkühlt, als Janek und ich uns auf den Weg zurück zum Vereinshaus machen. Und natürlich führt uns der Rückweg wieder durch das Wasser. Wir nehmen eine Abkürzung und springen aus knapp drei Metern Höhe ins kühle Nass. Zurück im Verein steht schon die nächste Herausforderung an. Ich muss den Neoprenanzug wieder ausziehen. Das funktioniert dann zum Glück aber doch besser als erwartet.

Eingangsschild zum Verein Vlny Štvanice | Foto: Emely Sander,  Radio Prague International

So neigt sich ein Tag bei „Vlny Štvanice“ dem Ende zu. Hunger habe ich nicht mehr. Mein Bauch ist voll mit Wasser aus der Moldau, und die nächsten zwei Tage spüre ich meinen Muskelkater. Trotzdem nehme ich mir fest vor wiederzukommen.

Autor: Emely Sander
schlüsselwort:
abspielen