Vom Einkaufspalast zum Stadtmuseum: Gočárs Wenke-Haus in Jaroměř

Foto: Martina Schneibergová

Josef Gočár gilt als Autorität in der Entwicklung der tschechischen modernen Architektur. Sein bekanntester Bau ist das kubistische Haus zur Schwarzen Mutter Gottes in Prag. Kurz bevor dieser Bau entstanden ist, erstellte der Architekt im ostböhmischen Jaroměř ein einzigartiges Haus, das zu den bedeutenden Baudenkmälern der modernen europäischen Architektur gehört.

Wenke-Haus (Foto: Martina Schneibergová)
Jaroměř liegt etwa 15 Kilometer nordöstlich der Kreisstadt Hradec Králové / Königgrätz am Zusammenfluss der drei Flüsse Úpa / Aupa, Metuje / Mettau und Labe / Elbe. Die Altstadt von Jaroměř war schon vor mehr als 1000 Jahren besiedelt. Neben verschiedenen Sehenswürdigkeiten aus dem Mittelalter und der Barockzeit zieht auch ein modernistisches Gebäude die Aufmerksamkeit der Stadtbesucher auf sich. Das so genannte Wenke-Haus liegt etwa 20 Minuten vom Bahnhof entfernt und steht heute an der Hauptverkehrsader der Stadt. Unzählige Lkws, Busse und Pkws fahren täglich an dem wertvollen Bau vorbei. Doch als das Haus vor mehr als einem Jahrhundert erbaut wurde, ging es an diesem Ort zweifelsohne viel ruhiger und idyllischer zu. Olga Mertlíková leitet das Stadtmuseum von Jaroměř, das im Wenke-Haus untergebracht ist.

Foto: Archiv des Stadtmuseums von Jaroměř
„An dieser Stelle hier stand zuvor kein Gebäude. Aber gleich nebenan gab es zwei Häuser, die den Wenkes gehörten. Die Familie war hier seit den 1870er Jahren tätig. Die Wenkes besaßen einen Versand-Großhandel. Sie verkauften Kurzwaren. Daneben waren sie zudem in einem etwas speziellen Bereich tätig: sie kauften Muscheln und klebten sie auf kleine Schachteln. Auch stellten sie verschiedene Souvenirs aus Muscheln her. Diese verkauften sie in der ganzen k. u. k. Monarchie und sogar in Übersee. Mit dieser Ameisenarbeit konnte die Familie eine Menge Geld verdienen. Der Besitzer der Firma, Josef Wenke, beauftragte Architekt Josef Gočár mit dem Bau eines Kaufhauses. Und so entstand auf dem freien Grundstück in den Jahren 1910-1911 die architektonische Perle der Stadt Jaroměř.“

Josef Gočár (Foto: Josef Binko)
In keiner kleineren Stadt hat es damals ein derartiges Kaufhaus gegeben. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte nicht einmal das bedeutend größere Hradec Králové ein Kaufhaus. Josef Wenke suchte in einigen Ländern Europas nach Inspiration für sein Warenhaus, darunter auch in Berlin oder Leipzig. Es sind einige Zeichnungen mit Notizen von Josef Wenke erhalten geblieben, in denen er seine Vorstellung des geplanten Kaufhauses skizziert hat. Er wollte dort unter anderem eine ausgeschnittene Decke haben, durch die das Erdgeschoss mit der ersten Etage verbunden ist. Der Architekt hat die Idee dann in die Tat umgesetzt:

„Gočár war damals fast 30 Jahre alt. Er hat zuvor zwei Häuser in Hradec Králové gebaut. Josef Wenke war tief beeindruckt vom Treppenhaus, das Gočár für die Marienkirche in Hradec Králové entworfen hatte. Daher lehnte Wenke die Entwürfe von anderen Architekten ab, die noch vom ausklingenden Jugendstil beeinflusst waren. Der Unternehmer forderte Gočár auf, das Haus zu bauen und das war eine gute Idee.“

Foto: Martina Schneibergová
Da mehrere Fotos erhalten geblieben sind, kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie es im Kaufhaus Wenke ausgesehen hat. Die Waren wurden nicht nur auf den Regalen im Erdgeschoss, sondern auch in der ersten Etage ausgestellt. Die Museumsleiterin:

„Es gab hier damals mehr Räumlichkeiten als heute. In einigen davon hat das Stadtmuseum, das seit 1947 hier untergebracht ist, sein Archiv und Depot. Damals wurden auch in diesen Räumlichkeiten Waren angeboten. Es sind Kataloge sowie Preislisten erhalten geblieben, sodass wir wissen, was hier verkauft wurde. Das Sortiment der Firma Wenke war sehr vielfältig: von Kinderwagen, über Haushaltsausstattung und Stoffe, bis zu Schuhen. Auf einem Foto aus der Ersten Republik ist der Schuhladen zu sehen, der sich auf der Galerie im ersten Stock befand.“

Foto: Martina Schneibergová
Von der Originalausstattung des Kaufhauses ist nicht viel erhalten geblieben. Einige der historischen Schränke nutzt das Museum in seinem Archiv. Den Eingangsraum dominiert ein herrlicher Kronleuchter, der genauso wie das ganze Haus vor etwa 25 Jahren renoviert wurde. Zur Originaleinrichtung des modernistischen Gebäudes gehört auch ein Fahrstuhl. Dieser war fast 50 Jahre lang außer Betrieb. Anlässlich des 90. Jubiläums des Wenke-Hauses gelang es, den historischen Fahrstuhl, der früher als Lasten- und Personenaufzug genutzt wurde, wieder zu reparieren.

Foto: Martina Schneibergová
Das Kaufhaus der Firma Wenke weckte bei seiner Eröffnung im Jahr 1911 natürlich Aufmerksamkeit nicht nur in Jaroměř. Olga Mertlíková:

„Wir haben viele Reaktionen auf die Eröffnung des Hauses in der damaligen Tagespresse gefunden. Die Verfasser dieser Zeitungsartikel waren wirklich hellauf begeistert. Schade, dass sich damals nicht wie heute übers Internet noch mehr Menschen äußern konnten. Die Stadt stand damals immer noch im Zeichen des Jugendstils. Der Kubismus setzte sich dann aber sehr schnell durch. Dies haben aber die Durchschnittsbürger damals noch nicht geahnt. Das Wenke-Haus mit viel Glas und einer ganz einfachen Fassade hat wahrscheinlich nicht allen gefallen.“

Die Firma Wenke überlebte zwar die Wirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren, musste sich aber bald danach mit den Folgen der Krise auseinandersetzen. Zweigstellen für den Warenversand hatten die Wenkes auch in Hradec Králové sowie in Prag. 1938 verkaufte die Firma das Kaufhaus und das nebenstehende Bürogebäude an die Stadt Jaroměř.

„In diesem historischen Haus richtete bald danach die deutsche Firma Mix & Genest eine Kantine ein. Während der Kriegsjahre wurden die Wände im Inneren übermalt, aber sonst wurde das Interieur zum Glück nicht beschädigt. Zwei Jahre nach dem Kriegsende wurde das Stadtmuseum mit seinen Sammlungen im Wenke-Haus untergebracht.“

Das Museum der Stadt Jaroměř gehört zu den ältesten Museen der Region. Gegründet wurde es 1883. Die Museumssammlungen wurden Jahre lang in einem Schulgebäude aufbewahrt. Den Umzug des Museums ins Wenke-Haus hält Olga Mertlíková für eine glückliche Entscheidung. Sie erläutert den Aufbau der Sammlungen:

Foto: Martina Schneibergová
„In diesem Haus wurde eine Dauerausstellung mit Werken von drei Künstlern eingerichtet, die aus Jaroměř stammen: Zu sehen sind hier Gemälde von Josef Šíma, Statuen von Josef Wagner sowie Plastiken und Entwürfe von Medaillen von Otakar Španiel. Im Gebäude des ehemaligen Rathauses im Stadtteil Josefov / Josefstadt zeigen wir zudem eine Auswahl der wertvollsten historischen Exponate aus den Museumssammlungen. Diese Dauerausstellung ist nur von April bis Oktober geöffnet. Bis 2011 hat das Stadtmuseum auch noch die Ende des 18. Jahrhunderts erbaute Festung in Josefov verwaltet. In der Sommersaison werden dort Führungen durch die unterirdischen Gänge der Festungsstadt angeboten. Jaroměř ist eigentlich eine Museumsstadt, denn neben unserem Museum gibt es hier ein Eisenbahnmuseum. Zudem hat hier ein Freund und passionierter Fan des tschechischen Pop-Sängers Waldemar Matuška im Sommer ein Museum eröffnet, das dem verstorbenen Musiker gewidmet ist. Und nicht zuletzt gibt es hier ein kleines Museum für Magie.“


Das Stadtmuseum im Wenke-Haus ist von April bis Mitte Dezember von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Unter der Woche sind die Öffnungszeiten von 9 bis 17 Uhr, am Wochenende von 13 bis 17 Uhr. Das Wenke-Haus befindet sich in der Husova-Straße Nr. 295 unweit des Eisenbahnviaduktes.


Dieser Beitrag wurde am 9. November 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.

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