Vom Versicherungsbeamten zu Gregor Samsa: Neues Ballett „Kafka“ im Nationaltheater Brünn

Das neue Ballett „Kafka“ hatte Ende Oktober im Nationaltheater Brno / Brünn die Weltpremiere. Martina Schneibergová hat sich eine der ersten Reprisen angesehen.

Foto: Nationaltheater Brno

Mit einem großen Beifall belohnte das Publikum die Tänzer im Janáček-Theater in Brünn. Das Ballett „Kafka“ schildert den Lebensweg des namhaften Schriftstellers. Es wird an Franz Kafkas komplizierte Beziehung zu seinem Vater und die Freundschaft mit Max Brod erinnert. Im Ballett treten zwei Frauen auf, die eine besondere Rolle im Leben des Literaten spielten: Felice Bauer und Dora Diamant. Auf der Bühne wird zunächst der Widerspruch zwischen der Beamtentätigkeit des Protagonisten und seiner Sehnsucht, dem Schreiben, dargestellt. Im zweiten Teil der Vorstellung erlebt das Publikum dann den Schriftsteller, der schon von der Krankheit gezeichnet ist.

Shoma Ogasawara | Foto: Nationaltheater Brno

Der japanische Tänzer Shoma Ogasawara tanzt Franz Kafka in der Inszenierung. Er sagte nach der Vorstellung gegenüber Radio Prag International, er habe sich sehr auf die Rolle des Schriftstellers vorbereitet.

„Ich habe ,Die Verwandlung‘, ,Das Schloss‘, den ,Prozess‘ und einige weitere seiner Werke gelesen. Außerdem habe ich mir einige Bücher über Kafka und seinen Vater beschafft.“

Shoma Ogasawara brillierte zuvor in der Hauptrolle des Balletts „Cyrano“ von Jiří Bubeníček. Er vergleicht die beiden Partien:

Anna Yeh und Shoma Ogasawara im Ballett „Cyrano“  | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen den beiden Protagonisten, zwischen dem romantischen Cyrano und Kafka. Kafka ist nicht imstande, seine Emotionen gegenüber den anderen zum Ausdruck zu bringen. Es ist sehr schwierig, mit Tanzbewegungen darzustellen, wie er sich fühlt. Mich auf die Rolle vorzubereiten, dauerte eine längere Zeit. Ich wollte versuchen, wirklich Kafka zu sein und seine Gefühle während der ganzen Vorstellung zu teilen.“

Das Ballett ist ein Gemeinschaftswerk von drei Choreografen: Markéta Pimek Habalová, Barbora Rašková und Glen Lambrecht. Jeder von ihnen steuerte einen Teil bei und bietet darin seinen eigenen Blick auf Kafka und sein Gefühl für die Regie. Die Vorstellung gewinnt an Tempo, wenn die Szene mit einem Beamtenensemble und klappernden Schreibmaschinen in die Handlung der Erzählung „Die Verwandlung“ übergeht. Die Verwandlung von Gregor Samsa in ein Insekt wird auch durch das Kostüm angedeutet, das den Körper des Tänzers deformiert. Wie erlebt der Tänzer diese Verwandlung? Shoma Ogasawara dazu:

„Es ist schwer, sich aus Kafka in Gregor Samsa zu verwandeln und zum Insekt zu werden. Ich versuche, es mit Bewegungen zu zeigen – und auch mit dieser sehr speziellen Verwandlung meines Körpers. Es ist eigentlich schmerzvoll, ein Insekt zu sein.“

Im zweiten Teil des Balletts wechseln sich an Kafkas Krankenbett die Schatten von verschiedenen Personen ab. Shoma Ogasawara dazu:

Shoma Ogasawara | Foto: Nationaltheater Brno

„Es ist nicht einfach, den kranken Schriftsteller darzustellen. Mein Körper soll müde aussehen, aber ich habe immer noch Energie.“

Eine Collage aus Musik von Gegenwartskomponisten sowie von Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbindet auf natürlich Weise das ganze Geschehen. Es erklingen Werke von Phil Glass, Caroline Shaw, Nils Frahm, Max Richter und Alfred Schnittke. Der Hauptdarsteller dazu:

„Die Musik ist für mich sehr wichtig. Auf der Bühne höre und fühle ich sie. Sie verwandelt sich in Bewegungen und Emotionen. Das hilft mir sehr.“

Shoma Ogasawara | Foto: Nationaltheater Brno

Das Ballett „Kafka“ wird im Brünner Nationaltheater weiterhin gespielt. Die nächste Vorstellung findet am 8. November statt. Es gibt noch Restkarten. Weitere Reprisen gibt es im März, im Mai und im Juni.

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