Von der Elbe bis in die Alpen: tschechische Kultur hoch drei

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Was haben sächsische Schüler, eine untreue Ehefrau und gelangweilte Schauspieler gemeinsam? Sie alle gehören zu tschechischen Kunstprojekten, die diesen Sommer in Deutschland und in der Schweiz stattfinden.

Unser erster Kulturtipp verschlägt uns in die Sächsische Schweiz, genauer gesagt nach Pirna. Die Stadt an der Elbe war vom diesjährigen Hochwasser stark betroffen; große Teile der Altstadt standen tagelang unter Wasser. Dies hält die Einwohner jedoch nicht davon ab, das kulturelle Leben an ihrem Wohnort aufrecht zu erhalten – im Gegenteil: Bis Ende September wird in Pirna der so genannte „Skulpturensommer“ gefeiert. Gut 40 Kunstobjekte haben die Organisatoren in den Bastionen des Schlosses Pirna sowie am verschiedenen Stellen in der Innenstadt installiert. Zum Programm des Skulpturensommers gehört auch eine Ausstellung im Rathaus mit Fotografien und Gemälden von sieben tschechischen Künstlern. Entstanden ist diese in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein der Partnerstadt Děčín / Tetschen. Die Stadt liegt knapp 50 Kilometer südlich von Pirna an den tschechischen Ufern der Elbe. Die Initiatorin Christiane Stoebe hat ihre Nachbarn etwas näher kennengelernt:

Christiane Stoebe (Foto: PTV)
„Ich habe den Eindruck, dass das eine Mischung ist von Amateuren und professionellen Künstlern, die ein Kunststudium hinter sich haben. Auch verschiedene Genres sind vertreten. Das heißt, es sind Profi-Fotografen aber auch Laienfotografen darunter. Es handelt sich um einen Kunstverein, der sehr wach ist, sowohl für die Autodidakten als auch für die Professionellen; da findet ein reger Austausch statt. Es sind zum Beispiel auch Musiker darunter. Es ist also nicht so festgelegt, wie bei anderen Kunstvereinen, wo vielleicht nur Bildhauer, Maler oder Grafiker beteiligt sind. Deswegen haben wir zur Eröffnung einen Saxofonisten eingeladen, der ebenfalls Mitglied dieses Kunstvereins ist.“

Skulpturensommer Pirna (Foto: PTV)
Entsprechend breit ist auch das Spektrum der Arbeiten, die nun im Rathaus zu sehen sind: Fotografien, bunte Acrylbilder, Reliefs aus Holz und Leder sowie Gemälde, die aus Filz angefertigt sind und laut Christiane Stoebe schon fast impressionistisch anmuten. Eine Arbeit ist der Veranstalterin am stärksten in Erinnerung geblieben. Sie passt thematisch zu den dramatischen Verhältnissen, die in den vergangenen Wochen in Pirna geherrscht haben.

„Ich fand die Arbeit, in der verschiedene Leder gespannt sind, außergewöhnlich. Durch Einschnitte entsteht eine unterschiedliche Farbigkeit, eine Landschaft. Indem die Künstlerin das Leder eingeschnitten hat, taucht beim Betrachter – oder zumindest bei mir – eine Assoziation von Regen über dem Land auf. Ich fand das sehr spannend, wie man mit diesem Material auch arbeiten kann.“

Rathaus von Pirna (Foto: Norbert Kaiser, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Christiane Stoebe, die in Pirna eine Galerie betreibt, zieht aus der Annäherung an die tschechische Partnerstadt eine durchweg positive Bilanz. Deshalb soll es auch nicht bei einer einmaligen Kooperation bleiben: Anfang Oktober wird der gesamte Skulpturensommer nach Děčín verlagert. Und schon einen Monat darauf sollen je 80 bis 100 Schüler aus den beiden Partnerstädten gemeinsam eine Ausstellung auf die Beine stellen. Diese wird dann in den Rathäusern von Děčín und Pirna parallel ausgestellt.

„Mich hat es sehr, sehr gefreut. Und letztlich ist das ein Start; das ist alles noch sehr am Anfang. Aber die Stadt Pirna und die Stadt Děčín haben beschlossen, ihre Zusammenarbeit zu intensivieren. Und bis jetzt hat das sehr gut geklappt.“


Für unseren nächsten Tipp folgen wir dem Flusslauf bis in den hohen Norden Deutschlands: nach Hamburg. In der letzten Juli-Woche weht die Regenbogenfahne über der Hansestadt. Mit einem bunten Mix kultureller Veranstaltungen setzen sich die Organisatoren der „Hamburg Pride“ für Toleranz und Offenheit gegenüber sexuellen Minderheiten ein. Im Rahmen des Festivals finden sich auch zwei Beiträge aus der tschechischen Kulturszene: Am 24. Juli zeigt das Kino 3001 an der Schanzenstraße den Film „Jiná láska“ (A different kind of love) des tschechischen Regisseurs Martin Dolenský. Marc-Pierre Hoeft, Pressesprecher der Hamburg Pride, zum Inhalt des Films:

„Es handelt sich um eine Lehrerin namens Eva und ihren Mann. Sie haben zwei Kinder und führen ein ganz ruhiges, besinnliches Leben, wäre da nicht die Tatsache, dass Eva sich schon länger von ihrer Kollegin Daniela angezogen fühlt. In der Geschichte geht es darum, wie sich hieraus eine leidenschaftliche Affäre zwischen den beiden Protagonistinnen entwickelt und Evas sehr ruhiges und wohlgeordnetes Leben langsam zerbröckelt. Aber Eva sieht keinen Weg zurück, es stärkt also ihre Rolle als lesbische Frau.“

„Jiná láska“ (Foto: TV Nova)
„Jiná láska“ wird in Hamburg im tschechischen Original mit englischen Untertiteln gezeigt. Die Vorstellung wird von den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg mitorganisiert. Doch wie kommt es, dass es ausgerechnet ein tschechischer Fernsehfilm in ein Hamburger Kino schafft?

„Das ist eine über zwei, drei Ecken entstandene Kooperation. Wir haben schon im letzten Jahr mit der Prague Pride kooperiert. Danach haben wir uns darüber Gedanken gemacht, welche Möglichkeiten bestehen, einen verstärkten Austausch zu schaffen. Unser Ziel ist es, Verständnis für die Kultur und nachhaltige Verknüpfungen und Freundschaften herzustellen“, so Hoeft.

Verschiedene Familien, gleiche Rechte (Foto: ČT24)
Der Filmabend ist allerdings nicht die einzige Veranstaltung, die aus der Zusammenarbeit mit anderen europäischen Städten hervorgegangen ist. Vergangenes Jahr wurden die Hamburger von ihren tschechischen Kollegen auf eine Fotoausstellung in Prag aufmerksam gemacht. Sie trägt den Titel „Různé rodiny, stejná práva“ (Verschiedene Familien, gleiche Rechte) und sorgte vergangenen Sommer auf dem Vorplatz des Nationaltheaters für Aufmerksamkeit. Ab kommendem Donnerstag ist die Ausstellung nun eine Woche lang im ersten Stock des Einkaufszentrums „Hamburger Meile“ zu Gast – ergänzt um Aufnahmen aus Hamburg, Kopenhagen und St. Petersburg.

Verschiedene Familien, gleiche Rechte (Foto: ČT24)
„Wir in Hamburg haben zum Bespiel nochmals acht Regenbogenfamilien vor die Kamera gebracht; also nicht das klassische Modell – Mutter, Vater, Kind –, sondern ganz andere Lebens- oder Familienmodelle. So zum Beispiel zwei Mütter, zwei Väter und deren Kinder oder Transsexuelle und deren Kinder.“

Wenn in Hamburg die Regenbogenfahnen wieder eingeholt werden, geht es in Prag erst richtig los: Ab dem 12. August wird auch in der tschechischen Hauptstadt eine Woche lang in vollen Zügen gefeiert, demonstriert und diskutiert. Marc-Pierre Hoeft und sein Team wollen sich die Prague Pride auf keinen Fall entgehen lassen:

Marc-Pierre Hoeft (Foto: Google+)
„Es gibt wie im letzten Jahr wieder eine Delegation, die wir aus Hamburg entsenden. Da sind auch Vorstandsmitglieder von Hamburg Pride e.V. dabei. Sie werden versuchen, die Kollegen in Prag von der Paradeneröffnung bis zur Paradenteilnahme und auch an weiteren Veranstaltungen tatkräftig zu unterstützen. Dies soll ein sichtbares, starkes Signal aus anderen europäischen Ländern sein, da wir ja wissen, dass in Prag – oder in Tschechien an sich – noch eine ganz andere Basis oder Grundvoraussetzung herrscht.“


Verscio (Foto: Crazy-Chemist, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Nicht weniger farbenfroh dürfte es auch bei der letzten Veranstaltung in unserem Kulturüberblick zugehen. Diese führt uns in südlichere Gefilde, und zwar in die italienische Schweiz. Im Tessiner „Centovalli“ liegt das verschlafene Dörfchen Verscio. Knapp tausend Einwohner, eine Piazza, eine Dorfkirche und enge Gassen, die sich durch die Steinhäuser schlängeln: Kaum einer würde vermuten, dass sich hier eine weltberühmte Theaterschule befindet. Doch tatsächlich: Studenten aus Brasilien, Japan und Norwegen lassen sich an der „Scuola Teatro Dimitri“ fürs Bewegungstheater ausbilden. Und auch tschechische Künstler spielen seit der Gründung der Schule eine Hauptrolle.

Clown Dimitri (Foto: Archiv Teatro Dimitri)
Mitte der 70er Jahre wurde die Schule vom bekannten Schweizer Clown Dimitri, dessen Frau Gunda und dem tschechischen Schauspieler Richard Weber aufgebaut. Weber gehörte viele Jahre zum Ensemble des bekannten Prager „Theaters am Geländer“. Er ist noch heute als Dozent für Pantomime an der Schule tätig und hat anderen tschechischen Theatermachern den Weg nach Verscio geebnet. So auch Pavel Štourač: Er ist Regisseur des Stücks „Spettatori“, das im Juli und im August im „Teatro Dimitri“ gespielt wird.

„Ich habe die Schule bereits länger gekannt, weil Ctibor Turba, einer meiner größten Vorbilder, dort unterrichtet hat. 2008 habe ich wie jeden Sommer in unserem Theater im südböhmischen Malovice einen vierwöchigen, internationalen Workshop veranstaltet. Und wie das Leben eben so spielt, kam völlig zufällig eine Dozentin aus Verscio zu einer Vorstellung. Kurz darauf fragte sie mich an, ob ich nicht Lust hätte, in die Schweiz zu kommen und mit den Absolventen der Schule ein Stück zu inszenieren. Daraus entstand die Aufführung mit dem Titel ‚Spettatori’, also ‚Zuschauer’. Eigentlich sollte es bloß das Abschlussstück des damaligen Jahrgangs werden. Aber irgendwie hat das alles viel besser geklappt, als erwartet. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie das passiert ist. Das hat sich ganz spontan und ungezwungen ergeben.“

Pavel Štourač (Foto: ČT24)
Was Pavel Štourač hier so bescheiden beschreibt, wurde in Wahrheit zu einem regelrechten Überraschungserfolg: Es folgten zahlreiche Auszeichnungen an internationalen Festivals und eine Tournee, die die Truppe über Deutschland und Luxemburg bis nach Russland und Burkina Faso führte. Diesen Sommer wird das Stück nun wieder aufgenommen. In Verscio ist es insgesamt dreimal zu sehen. Die erste Vorstellung findet bereits am Samstag, 20. Juli, statt. Am 28. Juli treten die „Spettatori“ zudem im deutschen Pforzheim auf, und zwar beim Kabarett- & Comedy-Festival „SWR 1 lacht“.

„Spettatori“ (Foto: YouTube)
„Spettatori“ handelt von acht Theatergästen, die sich eine Aufführung anschauen möchten. Diese ist allerdings so langweilig, dass sie schon bald einen Weg finden, sich den Abend etwas angenehmer zu gestalten: Die Zuschauer werden kurzerhand zu Schauspielern – nur um am Ende des Abends zu bemerken, dass sie sich von Anfang an auf die falsche Seite des Vorhangs gesetzt haben. Eine relativ einfache Geschichte – doch gerade darin liegt für Pavel Štourač das Geheimnis.

„Spettatori“ (Foto: YouTube)
„Das ist die ganze Geschichte, viel mehr ist da eigentlich nicht. Es wird auch überhaupt nicht gesprochen. Auch ohne Worte entstehen indes Situationen, die die Zuschauer berühren. Für mich besteht der Zauber darin, dass sich das Stück selbst nicht ganz ernst nimmt. Zudem ist es sehr körperlich, sehr tänzerisch und es gibt vor allem viel Musik. Sämtliche Darsteller waren ursprünglich Musiker und so haben sie selbst die Musik zu ihrem Stück komponiert. Es ist also fast eine Art Jamsession – oder halt einfach eine runde Sache.“