Von der Tontafel zum Tablet: Ausstellung über Schreibkultur in Pardubice

Foto: Martina Schneibergová

Mit der Entwicklung der einzelnen Sprachen entstanden auch verschiedene Schriftarten und deren visuelle Formen. Zudem haben sich die Schreibutensilien während der Jahrhunderte verändert, und ihre Entwicklung geht weiter. Das Ostböhmische Museum hat im Schloss von Pardubice vor kurzem genau dazu eine Ausstellung eröffnet.

Foto: Martina Schneibergová
„Von der Tontafel zum Tablet“ – so heißt die Ausstellung, die im Kaňka-Saal des Schlosses in Pardubice zu sehen ist. Gleich am Eingang steht eine uralte Schreibmaschine, die die Besucher auch ausprobieren können. Ladislav Nekvapil ist Historiker des Ostböhmischen Museums. Es war seine Idee, die Entwicklung der Schreibkultur zu dokumentieren:

„Seit einigen Jahren sammle ich Schreibutensilien, vor allem Füllfederhalter, meine Sammlung ist aber noch klein. Daher kam mir die Idee, eine Ausstellung über Schreibutensilien und Stoffe zusammenzustellen. Zudem weiß ich, dass dieses Thema in Tschechien in der Form einer Ausstellung bislang kaum bearbeitet wurde.“

Ladislav Nekvapil (Foto: Martina Schneibergová)
Gezeigt werden zunächst Kopien von Ton- und Wachstafeln, aber auch einige archaische Schreibinstrumente aus der Zeit der Kelten. Im Mittelalter war für die Schreiber dann die Tinte wichtig. Diese wurde damals aus Galläpfeln produziert. Es bestanden unterschiedliche Rezepte für die Tintenherstellung. Kurator Nekvapil:

„Ich fand es interessant zu beschreiben, wie und aus welchen Ingredienzen diese Tinte hergestellt wurde. Zu sehen sind hier zudem einige Bambus- und Gansfedern. Vom Frühmittelalter bis zum 19. Jahrhundert wurde mit Gansfedern geschrieben. Tinte aus Galläpfeln wurde Jahrhunderte lang benutzt, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Firma Leonhardi die sogenannte permanente Tinte erfand. Die Tinte aus Galläpfeln hatte aber einen großen Nachteil, weil sie zu einer Zersetzung des Papiers führte.“

Tintenfässer aus Porzellan (Foto: Martina Schneibergová)
Mit der Tinte aus Galläpfeln wurden zum Beispiel auch Noten auf Pergament geschrieben. Einige Beispiele von Notenmaterial aus den Sammlungen des Ostböhmischen Museums werden in der Ausstellung gezeigt.

Im Laufe der Zeit wurden aus den Schreibinstrumenten auch Handelsartikel, die verschiedene Formen haben und auch in Luxusversionen hergestellt werden. Zu den Schmuckstücken der Schau gehören einige Tintenfässer aus Porzellan. Die wertvollsten davon stammen aus dem 18. Jahrhundert und wurden vom Prager Nationalmuseum ausgeliehen.

Foto: Martina Schneibergová
Die älteste bekannte Beschreibung einer Schreibmaschine stammt aus einem Patent, das 1714 dem englischen Erfinder Henry Mill erteilt wurde. Ladislav Nekvapil:

„Die Beschreibung klang interessant: Henry Mill ließ sich eine Maschine patentieren, die einen Buchstaben nach dem anderen wie beim Schreiben drucken sollte, und zwar so klar und genau, dass man keinen Unterschied zum Buchdruck erkannt hätte. Nützlich sei die Maschine für offizielle Dokumente, hieß es in dem Patent. Die Erfindung geriet damals aber in Vergessenheit. Die Schreibmaschine ist eine sehr komplizierte mechanische Sache, die Einzelteile müssen sehr präzise geformt werden. Dies war erst dank der schnellen Entwicklung der Industrie im 19. Jahrhundert möglich. Erst dann wurde eine moderne Schreibmaschine konstruiert.“

Foto: Martina Schneibergová
Während sich die Schreibmaschine in den USA schnell verbreitete, blieb man in Europa und auch in der k. u. k. Monarchie lange misstrauisch gegenüber dieser Erfindung aus Übersee. In den Vereinigten Staaten wurde bereits in den 1880er Jahren Schreibmaschinenunterricht an Schulen angeboten. In einer Vitrine ist ein mit Schreibmaschine getippter Brief ausgestellt, den der Jesuitenpater tschechischer Abstammung Ferdinand Trojánek seinen Eltern nach Prag schickte. Im Brief versucht er, seinen Verwandten in Böhmen zu erklären, wie eine Schreibmaschine funktioniert. Er vergleicht ihre Tastatur mit der eines Klaviers. Ladislav Nekvapil:

Foto: Martina Schneibergová
„Das Schreiben mit der Schreibmaschine wurde in den USA eben an Jesuitenschulen unterrichtet. Und dieser Jesuitenpater hat unter anderem auch dieses Fach gelehrt. Der Brief stammt von 1893. Zu der Zeit importierte zwar auch schon Österreich-Ungarn Schreibmaschinen. Aber stärker verbreitet waren sie hierzulande erst in den 1920er Jahren.“

Erst ab 1903 wurden in der k. u. k. Monarchie Schreibmaschinenkurse an der Handelsakademie eingeführt, doch sie waren zunächst nur freiwillig. Einer der Gründe der Verspätung im Vergleich mit den USA war die konservative Haltung der Europäer. Die Tschechoslowakei importierte dann Schreibmaschinen vorwiegend aus den USA und auch Deutschland.

Neben historischen Schreibmaschinen verschiedener Marken sind in der Ausstellung auch einige historische Computer zu sehen. Ladislav Nekvapil macht auf ein besonders attraktives Exponat aufmerksam.

Foto: Martina Schneibergová
„Wir zeigen hier den Computer, den Präsident Václav Havel Ende der 1980er Jahre benutzte. Das Gerät ist uns von der Václav-Havel-Bibliothek geliehen worden und dazu auch einige Schriftstücke. Zu sehen ist beispielsweise die Handschrift des Stücks ´Der Abgang´ mit persönlichen Notizen des Dramatikers.“

Viel Aufmerksamkeit wird in der Ausstellung auch den Füllfederhaltern geschenkt. Besonders wertvolle Exponate sind in einem Sonderraum zu besichtigen. Der Kurator:

„Das ist ein exklusiver Teil der Ausstellung, den wir ´Feder als Schmuck´ genannt haben. Hier werden Luxus-Füllfederhalter und historische Stücke berühmter Firmen wie Parker, Waterman oder Pelikan gezeigt. Zu sehen sind auch Füllfederhalter, die in der Tschechoslowakei hergestellt wurden. In der Zwischenkriegszeit gehörte die Tschechoslowakei in der Produktion dieser Schreibinstrumente zur Weltspitze. Es gab da einige Firmen, die den Großteil ihrer Produktion exportierten – dazu gehörte die Firma Ibros aus Pardubice. Das Unternehmen wurde gleich nach der Okkupation durch die Nazis konfisziert, weil der Besitzer Jindřich Brod jüdischer Abstammung war. Er starb 1941 im KZ Mauthausen.“

Debashish Chaudhuri (Foto: Martina Schneibergová)
Viele der Exponate in der Ausstellung „Feder als Schmuck“ stammen vom indischen Dirigenten Debashish Chaudhuri, er ist ein passionierter Sammler von Füllfederhaltern und anderen Schreibutensilien. Der Musiker lebt seit 14 Jahren in Europa. Schon als Kind schrieb Chaudhuri gern mit einem Füllfederhalter:

„Ich glaube, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick war. Ich schreibe seitdem mit Füllfederhaltern. Natürlich hatte ich als Junge keine Sammlung wie heute. Aber wenn ich als Musiker jetzt auf Reisen bin, suche ich überall nach speziellen Füllfederhaltern.“

Als Debashish Chaudhuri noch in Indien Musik arrangierte, schrieb er die Noten mit einem speziellen Füllfederhalter. Auch dem Ostböhmischen Museum hat er einige Raritäten für Musiker zur Verfügung gestellt:

Foto: Martina Schneibergová
„Mit diesem Schreibinstrument aus dem 18. Jahrhundert wurden die Linien auf das Notenpapier gezeichnet. Möglicherweise benutzte Mozart etwas Ähnliches. Zu sehen sind hier Füllfederhalter mit einer speziellen Spitze, mit der man gut Noten schreiben kann. Ich spiele oft von Noten, die noch mit der Hand geschrieben wurden.“

Debashish Chaudhuri findet es schade, dass heutzutage nicht mehr so viel wie früher mit Füllfederhaltern geschrieben werde.

„Die Federn, die in den Vitrinen ausgestellt sind, sehen nicht nur alle anders aus, sie schreiben auch verschieden. Die Handschrift jedes Menschen gibt auch seine Emotionen wieder.“

Feder der Marke Montblanc (Foto: Martina Schneibergová)
Nebeneinander liegen in der Vitrine beispielsweise die größte Feder der Firma Waterman sowie deren kleinstes Produkt, beide haben eine Spitze aus Gold. Auch von der Marke Montblanc sind die größte sowie die kleinste Feder ausgestellt. Zu sehen sind zudem viele historische Füllfederhalter tschechoslowakischer Produktion. Diese habe er alle im Ausland gekauft, erzählt Debashish Chaudhuri, der seine Sammlung ständig erweitert.

„Egal, in welcher Stadt ich bin, gehe ich nach der Orchesterprobe gleich auf die Suche in die Antiquitätenläden, um interessante Füllfederhalter zu kaufen. Auch vor der Vernissage dieser Ausstellung war ich in einigen Geschäften in Pardubice und habe gleich ein paar Stücke erworben. Die Antiquitätenhändler und Verkäufer kennen mich schon und sagen gleich: ´Herr Dirigent, ich habe da etwas für Sie aufgehoben.´ Und ich kaufe das dann.“

Füllfederhalter mit biblischen Motiven (Foto: Martina Schneibergová)
Unter den im Museum ausgestellten Füllfederhaltern sind auch mehrere richtige Kunstwerke, die mit Schildpatt oder Perlmutt ausgelegt sind. Eine Rarität ist ein Füllfederhalter mit biblischen Motiven, dessen erstes Exemplar Papst Benedikt XVI. erhielt. In der Ausstellung wird zudem die Bleistiftproduktion dokumentiert. Die Firma Koh-i-Noor Hardtmuth mit Sitz in České Budějovice / Budweis ist weltweit genau dafür bekannt. Gegründet wurde sie schon im 18. Jahrhundert und ist damit der älteste Bleistifthersteller der Welt.

Die Ausstellung mit dem Titel „Von der Tontafel zum Tablet“ ist noch bis 22. Februar im Schloss Pardubice zu sehen. Das Ostböhmische Museum bietet zudem ein Begleitprogramm zur Ausstellung. Das Schloss ist täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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