Von Minnesängern, Palästen und Volkshelden

Mani Matter (Foto: YouTube)

Drei überaus interessante Veranstaltungen führen in eine bayerische Pfalzgrafenstadt, in ein japanisches Palais und zum Schluss in die heimliche Hauptstadt der Schweiz.

Neunburg vorm Wald (Foto: Richard Huber, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Für unseren ersten Kulturtipp werfen wir einen Blick über den Böhmerwald nach Bayern. Das charmante Städtchen Neunburg vorm Wald liegt etwa auf halber Strecke zwischen Regensburg und Plzeň / Pilsen. Am kommenden Wochenende wird dort das Altstadtfest gefeiert. Veranstalter ist der Neunburger Kunstverein. Dieser beweist schon bei der Wahl seines Namens Kreativität: „Unverdorben“ nennt er sich, in Anlehnung an einen sagenumwobenen Minnesänger aus der Oberpfalz. Zum Programm des Altstadtfests gehört eine Ausstellung im Kunstquartier zwischen Kirche und Rathaus. Neben zwei deutschen Künstlern sind mit Alžběta Skálová und František Skála auch zwei namhafte Tschechen zu Gast. Skálová und Skála? Die Ähnlichkeit der beiden Namen lässt wohl nicht nur Tschechisch-affine Hörer aufhorchen. Karl Stumpfi, Vorstandsmitglied des Kunstvereins:

František Antonín Skála (Foto: Archiv des Kunstvereins Unverdorben)
„Da kann ich aufklären: Das sind Geschwister, die aus einer arrivierten böhmischen Künstler-Dynastie stammen. Ich glaube, sie sind schon die vierte Generation einer Familie, die solche herausragenden Kunstschaffenden hervorbringt. Dieses Geschwisterpaar – František Antonín Skála und Alžběta Skálová – sind sozusagen ihre aktuellen Vertreter.“

Kaum sind die Festlichkeiten in der Altstadt vorbei, nimmt der Kunstverein Unverdorben bereits das nächste Projekt in Angriff – und dieses ist laut Karl Stumpfi gleich zwei bis drei Nummern größer: Der „Neunburger Kunstherbst“ bringt eine ganze Reihe internationaler Künstler in die Pfalzgrafenstadt – darunter auch wieder tschechische. Im August und September zeigt der Fotograf Martin Milfort aus Klatovy in der Schwarzachtalhalle melancholisch-romantische Aufnahmen aus dem Böhmerwald. Ab dem 26. September findet das dreiwöchige Hauptprogramm des Kunstherbsts statt: die Ausstellung „Ahoj 13“ mit Werken von tschechischen und deutschen Künstlern. Und am 2. Oktober kommen dann auch Musikfans auf ihre Kosten. Karl Stumpfi:

Karl Stumpfi (Foto: Facebook-Fanpage der Schwarzachtalhalle Neunburg)
„Da können wir auf Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr aufbauen: Damals hatten wir eine Operngala und die war wirklich ein durchschlagender Erfolg. Wir hatten ausverkauftes Haus mit rund 700 Zuschauern. Gestaltet wurde der Abend von den Smetana-Philharmonikern Prag. Darum haben wir sie für 2013 natürlich gleich wieder eingeladen. Wir haben einen Wunsch aus der Bevölkerung aufgegriffen und werden diesmal Operettenmelodien präsentieren; einen wirklich schönen Querschnitt aus dem Schaffen von Johann Strauss, bis zu Franz Lehár, Emmerich Kálmán, Jacques Offenbach... Der Vorverkauf läuft sehr gut, wir gehen davon aus, dass wir auch dieses Jahr wieder ausverkauftes Haus haben werden.“

Die Ausstellung mit den Skála-Geschwistern bildet somit den Auftakt für eine Vielzahl böhmisch-bayerischer Begegnungen. Man darf also gespannt sein, was sich die „unverdorbenen“ Neunburger in den nächsten Monaten noch so alles einfallen lassen.


Volker Sielaff (Foto: Rainer Böhme, Archiv von Volker Sielaff)
Bei den Protagonisten unseres nächsten Veranstaltungstipps besteht ebenfalls eine gewisse Verwandtschaft – zumindest im übertragenen Sinne. In diesem Fall teilen die beiden Künstler allerdings nicht den Nachnamen, sondern den Vornamen: Die tschechischen Schriftsteller Radek Malý und Radek Fridrich lesen am 21. und 22. August in Dresden aus ihren Texten – und dies an einem ganz besonderen Ort: im Barockgarten des japanischen Palais. Organisiert wird das zweitägige Lyrik-Festival „Palais.Poesie“ vom Literaturforum Dresden. Volker Sielaff ist selbst Dichter und Leiter des Projekts:

„Zwischen dem Palais und der Elbe befindet sich eine große Wiese. Dort findet jeden August – vom ersten bis zum letzten Augusttag – der „Palais-Sommer“ statt. Das ist ein Openair-Sommervergnügen mit Live-Malerei, Klavierkonzerten, Filmen und seit drei Jahren eben auch mit dem ‚Palais.Poesie', wo die Dichter auf einer kleinen Openair-Bühne vor ein paar Hundert Leuten ihre Gedichte vorlesen.“

Radek Fridrich (Foto: ČT24)
Das „Palais.Poesie“ ist ein verspieltes Gesamtkunstwerk: Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Garten von der Lichtkünstlerin Claudia Reh verzaubert. Mithilfe von Projektoren taucht sie die Fassade des Palais in farbiges Licht. Pro Abend lesen vier Autoren aus ihren Texten vor – Radek Fridrich am Mittwoch und Radek Malý am Donnerstag.

„Auf Radek Friedrich bin ich gekommen, weil ich ihn beim Dresdner Lyrikpreis lesen gehört habe und er mich sehr beeindruckt hat. Er hat zwar dann nicht den Preis bekommen, aber war eigentlich mein geheimer Favorit und Wunschpreisträger. An Radek Fridrich finde ich persönlich sehr interessant, dass er ja aus dem Nordböhmischem kommt und die dortige Landschaft bei ihm eine große Rolle spielt.“

Sarah Rehm (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses)
Radek Fridrich schreibt seine sowohl auf Tschechisch als auf Deutsch; Radek Maly wird in Dresden die deutschen Übersetzungen seiner Gedichte vortragen. Eine weitere lyrische Brückenbauerin ist Sarah Rehm, die zusammen mit Malý am Mittwoch auf dem Programm steht. Die 30-Jährige ist in Dachau geboren, lebt in Dresden und war 2011 Stipendiatin des Prager Literaturhauses.

„Auch da gibt es umgekehrt vom Deutschen zum Tschechischen einen Bezug, so dass es ein Abend werden dürfte der deutsch-tschechischen Korrespondenzen. Und das ist mit einem Budweiser Bier in der Hand ganz schön, glaube ich.“

Gemütlichkeit wird beim „Palais.Poesie“ großgeschrieben. Der Eintritt ist kostenlos, und laut Volker Sielaff ist auch keine Reservation nötig: Man spaziert einfach in den Garten, breitet seine Picknickdecke aus oder schnappt sich einen Liegestuhl und lässt sich von den Autoren in fremde Welten entführen.


Gebäude des Landesmuseums Zürich (Foto: Roland zh, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Genauso poetisch dürfte es – ebenfalls am 21. August – in Zürich zu- und hergehen. Im Nationalmuseum beim Hauptbahnhof huldigt derzeit eine Ausstellung dem größten Schweizer Volkshelden. Wer bei diesem ehrenvollen Titel gleich an Wilhelm Tell und seinen Apfelschuss denkt, der hat vermutlich noch nie etwas von Mani Matter gehört.

Mani Matter – in Schweizer Schulen gehören die Lieder des Berner Troubadours quasi zum Pflichtprogramm: „Dene wos guet geit“, „S Zundhölzli“ oder „Dr Ferdinand isch gstorbe“ dürften einem Großteil der Schweizer Bevölkerung weit besser bekannt sein als die eigene Nationalhymne. Matter – ursprünglich Jurist und Staatsbeamter – wurde in den 60er Jahren landesweit bekannt. Seine berndeutschen Chansons bestechen durch feine Poesie und scharfsinnigen Humor. So wird eine alltägliche Situation wie ein Friseurbesuch oder der Genuss eines belegten Brötchens ganz unvermittelt zu einem philosophischen Problem. 1972 kam Mani Matter auf dem Weg zu einem Konzert bei einem Autounfall ums Leben. Seither haben sich zahlreiche Musiker an die Neu-Interpretation seiner Werke gewagt: einige berühmte Schweizer und ein junger Tscheche.

Mani Matter (Foto: YouTube)
Am kommenden Mittwoch spielt der Prager Musiker Jan Řepka am Schlussabend der großen Matter-Ausstellung in Zürich. Doch wie kommt ein junger Tscheche dazu, Schweizer Kulturgut zu seiner großen Leidenschaft zu erklären? Für Jan Řepka war es quasi Liebe auf den ersten Blick.

„Als ich zum ersten Mal mit meiner Gitarre als Musiker in die Schweiz zu Besuch gekommen bin, habe ich jemanden gefragt, ob er mir irgendeinen Schweizer Liedermacher zeigen könne. Die Wahl fiel natürlich auf eine Schallplatte von Mani Matter. Das war vor sechs Jahren. Seither komme ich immer wieder in die Schweiz, und ich habe sein Werk mehr und mehr kennengelernt. Seit etwa drei Jahren übersetze ich seine Lieder ins Tschechische.“

Jan Řepka (Foto: YouTube)
25 Matter-Chansons hat Řepka mittlerweile im Repertoire – also schon mehr als genug für ein eigenes Album. Dieses soll in rund zwei Jahren erscheinen. Eine Schweiz-Tournee hat der 30-Jährige hingegen schon hinter sich: Im Sommer 2011 durchquerte er mit einem speziell umgebauten Fahrrad das Land und spielte insgesamt zwölf Konzerte. Nachdem eine Schweizer Tageszeitung einen Artikel über Řepkas Konzertreihe publiziert hatte, mauserten sich seine Lieder zu einem echten Hit auf dem Video-Portal YouTube. Tausende Klicks und wohlwollende Kommentare bestärkten Řepka in seiner Begeisterung.

Prisca Senn (Foto: Archiv des Grossmünsters Zürich)
„Je länger ich mich mit Mani Matter befasse, desto mehr Ebenen entdecke ich in seinen Liedern: Erstmal ist da der Ton, der Akzent, der Rhythmus, dann auf einer zweiten Stufe der Inhalt, der Witz und danach die politische und philosophische Seite. Die Themen haben zwar einen Schweizerischen Hintergrund – zum Beispiel Verweise auf Schweizer Namen –, aber der Kern, die Pointen sind universell.“

Jan Řepkas Konzert ist im Eintritt zur Mani-Matter-Ausstellung inbegriffen. Aber Achtung: Die Platzzahl ist auf etwa fünfzig Leute beschränkt. Wer sich diesen besonderen Abend also nicht entgehen lassen will, sollte auf alle Fälle ein Ticket reservieren. Prisca Senn, Leiterin der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ des Nationalmuseums, ist für die Veranstaltung verantwortlich.

„Soweit ich das vom Hören her beurteilen kann, versucht er ja die Texte so zu übersetzen, dass sie sich auch im Tschechischen reimen. Das ist eine ziemliche Herausforderung. Aber ich hoffe natürlich, dass auch Gäste kommen, die Tschechisch sprechen – ich bin gespannt, wie die Lieder bei ihnen ankommen. Er wird auch einige Lieder auf Berndeutsch singen, und da bin ich natürlich gespannt, wie ihm das gelingt.“

Ein einmaliges Erlebnis, so viel steht fest. Bleibt also nur zu hoffen, dass der sympathische Tscheche in Zürich mit genauso offenen Armen empfangen wird, wie bei seinen Konzerten in den Kaffeehäusern von Prag.