Vor 80 Jahren: Der letzte organisierte Vertreibungstransport aus Karlsbad
Am 29. Oktober 1946 fuhr aus Karlovy Vary / Karlsbad der letzte Vertreibungszug nach Bayern los. Einen Tag zuvor hatte die tschechoslowakische Regierung das Ende der Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung verkündet.
Rudolf Hannawald stammt aus dem Dorf Sittmesgrün / Mezirolí nahe Karlsbad. Auch er wurde 1946 zusammen mit seiner Familie aus seiner Heimat vertrieben. Damals war er 14 Jahre alt. Für das tschechische Zeitzeugenprojekt Paměť národa (Memory of the Nation) hat er vor einiger Zeit seine Geschichte erzählt:
„Ich war mit meinem Großvater in unserem Wald und wollte einen Baum fällen. In dem Moment kommt meine Schwester Helga und sagt, wir sollen nach Hause kommen, wir müssen fort von unserem Eigentum ins Lager Karlsbad-Meierhöfen.“
Abgemagert von der Unterernährung
Sie seien dort in einer ehemaligen Kavallerie-Kaserne untergebracht worden, schildert Hannawald weiter…
„Es dauerte 14 Tage, bis wir einen Befehl bekommen haben und weitergekommen sind – in einen Viehwaggon, verladen am Bahnhof. In diesen 14 Tagen, die wir dort gelebt haben, war das Essen ganz knapp: nur eine Suppe und ein Stück Brot am Tag. Wir waren alle sehr abgemagert und haben zum Teil Ausschlag bekommen von der Unterernährung.“
Rudolf Hannawald und seine Familie wurden bereits im Juni 1946 zwangsausgesiedelt. Bis zum letzten Zug aus Karlsbad am 29. Oktober des Jahres blieb aber für alle deutschsprachigen Bewohner das Prozedere der Internierung im Sammellager in Karlsbad-Meierhöfen das gleiche. Und das begann immer mit einer Gesundheitskontrolle. Karel Řeháček ist Historiker am Staatlichen Gebietsarchiv in Plzeň / Pilsen und erläuterte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Teil der Gesundheitskontrolle war auch die Entlausung. Diese wurde mit DDT durchgeführt. Das war nicht sehr human, aber damals gängig in solchen Sammellagern wie eben jenem in Meierhöfen.“
Im Viehwaggon nach Bayern
Das Lager war für 1200 Insassen konzipiert. Und in jedem Transport aus Karlsbad waren ebenso viele Menschen. Das Ziel war entweder die US-amerikanische oder die sowjetische Besatzungszone in Deutschland. Rudolf Hannawald sagt daher auch:
„Nach dem Befehl zur Abfahrt mit dem Viehwaggonzug kamen wir an die bayerische Grenze nach Schirnding. Meine Mutter hat damals gerufen: ‚Kinder, wir sind in Bayern. Gott sei Dank!‘ Weil sie Angst gehabt hat, dass wir in die Ostzone kommen.“
Die Familie gelangte letztlich nach Fristingen, einen Ortsteil des bayerisch-schwäbischen Städtchens Dillingen an der Donau.
Spätere Transporte
„Aus der Region Karlsbad mit seinen elf Verwaltungsbezirken sind insgesamt 257 reguläre Transporte gefahren, mit denen rund 310.000 Deutsche abtransportiert wurden“, weiß Historiker Řeháček.
Nachdem am 28. Oktober 1946 die tschechoslowakische Regierung das Ende der geordneten Zwangsaussiedlung verkündet hatte, fuhr der letzte Transport aus Karlsbad einen Tag später ab. Doch der Experte sagt:
„Für uns Westböhmen ist zwar der 29. Oktober das Ende des organisierten Bevölkerungstransfers. Aber die geregelten Abschiebungen in die US-amerikanische Besatzungszone wurden erst am 31. Oktober eingestellt und jene in die sowjetische Besatzungszone sogar erst am 13. November.“
Der erste dieser geregelten Transporte war am 25. Januar 1946 aus Mariánské Lázně / Marienbad gestartet und hatte Bayern zum Ziel. Zur Gesamtzahl der vertriebenen Sudetendeutschen gibt es unterschiedliche Angaben, sie bewegen sich um drei Millionen – eingerechnet die wilde Vertreibung. Nur rund 240.000 deutschsprachige Bewohner blieben in der Tschechoslowakei.
Zahl der Todesopfer unklar
Nachdem der letzte Zug Karlsbad verlassen hatte, hätten die Offiziellen gefeiert, schildert Karel Řeháček:
„Damals gab es im Stadttheater von Karlsbad eine monumentale Jubelansprache. Zugegen waren Innenminister Václav Nosek und weitere Ressortleiter. Sie feierten, dass man sich endlich von den Deutschen verabschiedet hatte.“
Doch es wurden viele Todesopfer gezählt. Wie viele es wirklich waren, das ist bis heute nicht geklärt. Die Deutsch-Tschechische Historikerkommission kam 1996 bei ihren Schätzungen auf 19.000 bis 30.000 Menschen, die durch Gewalt und Krankheiten im Rahmen der Vertreibung gestorben sind. Sudetendeutsche Verbände sprechen hingegen von bis zu 250.000 Opfern.
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