Waldorfschulen

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Willkommen zu unserer regelmäßigen Rubrik - dem Themenkaleidoskop, liebe Hörerinnen und Hörer. In heutiger Ausgabe werden wir uns einer der nicht traditionellen Arten der Schulausbildung in Tschechien widmen.

Bereits seit mehr als zehn Jahren gibt es in der Tschechischen Republik neben den klassischen Schulen auch sog. experimentale Schulen. Zu denen zählen auch Waldorfschulen. In Europa, und vor allem in deutschsprachigen Ländern, sind sie keine Neuheit. Die erste Waldorfschule wurde bereits 1919 in Stuttgart eröffnet. Ihr Gründer war Rudolf Steiner, promovierter Philosoph, Gelehrte und geistlicher Vater der Waldorfpädagogik. In der Tschechischen Republik gibt es zur Zeit 8 Waldorfschulen und drei Waldorfkindergärten. In ganz Europa sind es etwa 600 Waldorfschulen, davon die Hälfte findet man in Deutschland und in den Niederlanden. Wodurch kennzeichnen sich die Waldorfschulen und wie unterschieden sie sich von den Schulen mit klassischem Unterricht, das erklärt jetzt der stellvertretende Direktor der Prager Waldorfschule, Ivan Smolka:

"Es sind etwa vier Hauptunterschiede. Der erste ist ein konzentrierter Epochenunterricht. Das heißt, dass ein Hauptgegenstand, wie z.B. Mathematik, Chemie oder Tschechisch, in den ersten zwei Stunden, also im sog. Hauptunterricht durchgenommen wird. So lernen die Schüler jeden Morgen den gleichen Gegenstand für drei oder vier Wochen und danach wird zu einer anderen Epoche gewechselt. So kommt jeder von diesen Hauptgegenständen maximal dreimal im Jahr an die Reihe. Diese Unterrichtsweise ermöglicht den Schülern, sich in die Problematik zu vertiefen, sie durchzuleben und zu verstehen. Der Lehrer hat wiederum die Möglichkeit, die Zusammenhänge zu erklären. Stellen Sie sich vor, dass Sie, als Erwachsene, morgens von 8 bis 9 etwas schreiben müssten, von 9 bis 10 würden Sie z.B. aufräumen und in der nächsten Stunde müssten Sie etwas zeichnen... Wenn Ihr Tag so in vollkommen unterschiedliche Aktivitäten zerstückelt wäre, wie könnten Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren? So aber leben und lernen die Kinder in den klassischen Schulen."

Während meines Besuchs hatte ich auch die Möglichkeit einen Blick in einige Schulhefte der "Waldorfkinder" zu werfen. Am meisten beeindruckte mich eine bunt illustrierte Seite eines Tschechischheftes, auf der der kleine Schüler tschechische Präpositionen lernte. Der Text mit unterstrichenen Präpositionen war von einem Bild begleitet, auf dem genau das zu sehen war, wovon im Text die Rede war. Auf den klassischen Schulen haben die Lehrer kaum Zeit, den gesamten Stoff durchzunehmen - und hier schaffen die Kinder im Tschechischunterricht sogar noch zu zeichnen. Wie ist das möglich? Die Antwort gibt wieder Ivan Smolka:

"Dies hat mit dem zweiten Unterschied zu tun, und zwar, dass der Unterricht in den Waldorfschulen mit verschiedensten künstlerischen, praktischen und mit Bewegungsaktivitäten durchdrungen ist. Während eines Tschechischunterrichtes können beispielsweise die Kinder zeichnen oder etwas basteln, in der Mathematik werden Leibesübungen durchgeführt, denn Mathematik ist gleich Rhythmus. Damit die Schüler z. B. besser Geographie beherrschen, erschaffen sie selber einen Globus oder die Landkarte der Tschechischen Republik. Kleinere Kinder modellieren aus Wachs Häuser und Straßen aus der Umgebung, um ihre Umwelt gut kennen zu lernen und tatsächlich wahrzunehmen."

Der dritte Unterschied ist die Absenz von Noten. Das übliche Zensurensystem ist also abgeschafft. Anstatt Noten bekommen die Schüler möglichst detaillierte Charakterisierung, die die Leistung, den Leistungsfortschritt, die Begabungslage und das Bemühen in den einzelnen Fächern durchsichtig machen.

Und der vierte Unterschied besteht in der Autorität jedes Lehrers. Autorität an den Waldorfschulen bedeutet, einen Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schülern zu bilden. Außerdem hat jeder Lehrer - wie seltsam dies auch klingen mag - seine Klasse von dem ersten bis zum neunten Schuljahr. Damit hat er die Möglichkeit, die Schüler gut kennen zu lernen und die Entwicklung der Kinder innerlich zu begleiten.

Wie schwierig ist es, in einer Waldorfschule zu unterrichten? Diese Frage stellte ich Frau Lehrerin Becvarova, die sich zur Zeit um die Viertklässler kümmert:

"Die Arbeit eines Lehrers in der Waldorfschule ist meiner Meinung nach viel schwieriger als in einer klassischen Schule. Der Lehrer hier hat bloß einen groben Lehrplan und es kommt nur auf ihn an, was und wie er sich für den Unterricht vorbereitet. Hier unterrichtet man mit Händen, mit der Stimme... - man könnte sagen, es ist eine tagtägliche - ich würde sagen - Theatervorstellung. Das heißt, dass der Lehrer ständig überlegen muss, wie er den Lehrstoff seinen Schülern vermittelt. Wir lernen mit Hilfe von Rhythmus und Musik, mit Hilfe von Bildern und Geschichten, und vor allem im Raum und in Bewegung."

Und wie ist Frau Lehrerin Becvarova mit ihrer Klasse zufrieden?

"Meine Kinder sind sehr lebendig. Das haben wir gemeinsam, denn man sagt, wie der Lehrer ist, so wird seine Klasse. Diese Regel ist vor allem in der Waldorfschule absolut wahr. Bei seiner Arbeit erfährt der Lehrer hier sozusagen eine Persönlichkeitstaufe. Er oder sie muss ständig mit dem Temperament der Schüler konfrontiert werden. Es gibt hier keine Noten oder andere Maßnahmen der klassischen Schulen, die die Kinder in Ruhe halten würden. Das einzige, was hier die Disziplin aufrechterhält, ist die Autorität des Lehrers und dessen Ordnung. Meine Kinder sind mir sehr ähnlich, und gerade deshalb ist es schwierig. Wir lachen gerne und manchmal passt es gar nicht. Manchmal ist es schwierig wieder ernst zu sein und zu verstehen, dass man in diesem Moment keinen Spaß machen kann. Je länger aber wir zusammen sind und einander kennen lernen, um so besser verstehen wir einander.

Natürlich sprach ich auch mit den Schülern. Einer der Viertklässler ist in die Waldorfschule erst jetzt übergetreten und, wie er mir sagte, möchte nicht mehr zurück in die klassische Schule. Auf meine Frage Wodurch unterscheidet sich diese Schule von der ursprünglichen? Gab er mir folgende Antwort:

"In der dortigen Schule hatten wir Lehrbücher und hier gibt es keine. Hier haben wir nur Schulhefte und wir gestalten unsere eigenen Bücher."

Die Kinder sind in Waldorfschulen meistens sehr zufrieden. Es gibt aber doch auch Kinder, denen diese Unterrichtsart nicht passt. Bevor sich also die Eltern entscheiden, ihren Sprössling in eine Waldorfschule zu schicken, sollten sie sich mit der Schule in Kontakt setzen und möglichst ausführliche Informationen über die Waldorfpädagogik sammeln. Aus diesem Anlass können wir uns nur wünschen, dass in der Zukunft jedes Kind die passende Schule zu sich findet.