Warum geht nur ein Drittel ukrainischer Jugendlicher in Tschechien auf Sekundarschulen?
In Tschechien finden dieser Tage die Aufnahmeprüfungen für die weiterführenden Schulen statt. Rund 98.000 Schülerinnen und Schüler der neunten Grundschulklassen nehmen daran teil und ringen um einen Platz in der gewünschten Schule. Auch in diesem Jahr übersteigt beispielsweise in Prag das Interesse die Kapazität der Schulen.
Die Aufnahmeprüfungen für die weiterführenden Schulen bestehen in Tschechien aus Tests in Tschechisch und Mathematik und verlaufen in zwei Phasen. Bereits am vergangenen Freitag nahmen die Neuntklässler am ersten Versuch teil, und an diesem Montag bekamen sie die zweite Chance.
Mathe sei schwieriger gewesen, denn die Zeit dafür habe nicht gereicht, sagt die 14-Jährige Antonie Paseková. Tschechisch sei hingegen in Ordnung gewesen. Antonie hat zwei Gymnasien und eine medizinische Schule in Brno / Brünn in ihre Anmeldung eingetragen.
Für ihre Platzierung im Aufnahmeverfahren ist das jeweils bessere Ergebnis der zwei Versuche entscheidend. Die Prüfung in Mathematik dauert 70 Minuten, die in tschechischer Sprache und Literatur 60 Minuten.
Das staatliche Zentrum für Schulprüfungen Cermat wertet die Testleistungen in den folgenden Tagen aus und benachrichtigt dann die einzelnen Schulen über die Ergebnisse, erläutert Pavel Škoda. Er ist Direktor des Gymnasiums in der ostböhmischen Stadt Náchod.
„Die Schulen stufen die Bewerber nach ihrer Punktzahl ein und veröffentlichten anschließend die Reihenfolge. Am 15. Mai wird jeder erfahren, ob er an seiner Wunschschule angenommen wurde. Ist dem nicht so, muss man an einer zweiten Zulassungsrunde teilnehmen.“
Unter den 98.000 Bewerbern sind auch mehrere Tausend Jugendliche aus der Ukraine. Manche von ihnen leben seit längerem hierzulande und legen dieselben Prüfungen wie ihre tschechischen Mitschüler ab. Rund 3500 von ihnen haben hingegen den vorübergehenden Schutzstatus, aus dem sich gewisse Erleichterungen ergeben. Die Mathe-Aufgaben wurden etwa ins Ukrainische übersetzt und statt des schriftlichen Tests in Tschechisch ist eine mündliche Prüfung erlaubt.
Martina Běťáková leitet die Abteilung für Unterstützung der Schulen am Bildungsministerium:
„Im vergangenen Jahr wurden etwa 70 Prozent der Ukrainer in der ersten Runde aufgenommen, und die Hälfte der zuvor Erfolglosen in der zweiten Runde. Etwa 500 junge Ukrainer fielen durch. Die Erfolgsquote war etwas niedriger als bei den tschechischen Bewerbern. Wenn man aber in Betracht zieht, dass die ukrainischen Schüler ein anderes Bildungssystem absolviert haben und die Prüfungen in einer Fremdsprache ablegen, ist die Erfolgsrate immer noch recht hoch.“
Für die Gescheiterten wurde im Laufe der dritten und vierten Runde ein Platz an einer Oberschule, in der Regel außerhalb von Prag, gefunden, ergänzt Běťáková.
Die Zahl der ukrainischen Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen in Tschechien liegt aktuell bei 7300. Das entspricht etwa einem Drittel aller ukrainischen Jugendlichen hierzulande.
„Das ist viel besser als im vergangenen Jahr, und der Trend ist steigend. Andererseits ist es logisch, dass die Heranwachsenden hierzulande nicht zur Oberschule gehen. Denn im ukrainischen Bildungssystem schließen sie ihre Ausbildung mit 16 Jahren ab und sind dann bereits berechtigt, eine Hochschule zu besuchen. Das ist für sie manchmal attraktiver, als hierzulande zur Oberschule zu gehen und das relativ schwere Abitur ablegen zu müssen.“
Manche Experten führen das relativ geringe Interesse der Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine dennoch auf eine mangelnde Unterstützung bei der Überwindung der Sprachbarriere zurück. Martina Běťáková verweist auf eine Neuigkeit in der tschechischen Gesetzgebung:
„Seit September 2024 hat man an allen Schulen der Sekundarstufe hierzulande Anspruch auf Unterstützung und Vorbereitung in Tschechisch. Bis dahin war dies im Gesetz nicht verankert. Meiner Meinung nach ist das System der Unterstützung nun viel stärker, nicht nur für die Ukrainer, sondern für alle Ausländer. Dank der Neuerung können sie nicht nur an einer weiterführenden Schule aufgenommen werden, sondern dort auch bestehen und sie gut abschließen.“







