Weicher Stil und Schöne Madonnen

Ausstellung „Schöne Madonnen“ (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)
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Seit Anfang des Monats zeigt die Prager Nationalgalerie im Agnes-Kloster sogenannte „Schöne Madonnen“. Über die Ausstellung hatten wir bereits berichtet. Doch wie ist es zu den besonderen Marienbildern der Gotik gekommen? Und was ist bei der Ausstellung im Konkreten zu sehen?

Ausstellung „Schöne Madonnen“ (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)

Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag
Es sind rund zwei Dutzend Madonnen, die im Agnes-Kloster zu sehen sind. Entstanden sind sie im sogenannten „Weichen Stil“, einer Richtung der Gotik aus der Zeit um 1400. Deswegen werden diese Bildnisse der Maria mit dem Kinde auch „Schöne Madonnen“ genannt. Diesen Begriff und den Hintergrund der Ausstellung hat Marius Winzeler (im Interview für/ gegenüber) Radio Prag International erläutert. Er leitet die Sammlungen alter Kunst in der Nationalgalerie:

„Diese Madonnen entstanden aus einem theologischen Hintergrund heraus, bei dem es um Schönheit ging. Und zwar in einem absoluten Sinn – dass eben die Jungfrau Maria als Mutter Gottes die schönste aller Frauen sein muss. Und gerade im 14. Jahrhundert aus der mystischen Theologie heraus, in Kombination auch mit der Scholastik, entwarf man ganz konkrete Vorstellungen, was diese Schönheit beinhaltet. Es entstanden Gedichte, liturgische Texte sowie sehr viele Lieder, in denen sie dann besungen wurde. Natürlich ist Schönheit im weitesten Sinne etwas Abstraktes. Aber man versuchte, in der Regelmäßigkeit ihres Gesichtes, in der Eleganz ihrer Körperhaltung, der Lieblichkeit ihres Blickes und der Süße ihres Mundes das auch künstlerisch umzusetzen. Und vor diesem Hintergrund wuchsen im späten 14. Jahrhundert diese Madonnen-Bilder heran, die früh schon als ‚Schöne Madonnen‘ oder ‚Schöne Bilder‘ bezeichnet wurden und unglaublich begehrt waren.“

Suche nach dem Schönheitsideal

Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag
Doch längst nicht allen Kirchenvertretern gefiel dies. Unter anderem der tschechische Reformator Jan Hus kritisierte dies bereits Anfang des 15. Jahrhunderts.

„Er fand, da werde irdische Schönheit verklärt. Das war dann auch einer der Gründe für den Ikonoklasmus, also den damaligen Bildersturm. Aber für uns heute sind diese Madonnen auch ein Inbegriff der Suche nach einem Schönheitsideal im Mittelalter. Und es ist faszinierend, dass diese Figuren wie das Thema Mutter mit Kind einen emotional ansprechen können.“

Die Madonnen in der Ausstellung stammen allerdings nicht alle aus den Sammlungen der Prager Nationalgalerie. Ganz im Gegenteil, wie Winzeler aufzählt:

Hallstätter Madonna (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)
„Sie kommen aus verschiedenen Himmelsrichtungen. Am weitesten gereist sind die aus dem Louvre in Paris und ein weiteres Bildnis aus dem Museum in Moulins. Beide Figuren sind um 1400 in Salzburg entstanden. Die weiteren Leihgaben kommen aus Frankfurt am Main, München, Nürnberg und natürlich aus Österreich: Salzburg, Stift Nonnberg, Leogang, Stift Admont und Innsbruck. Es sind also illustre Leihgeber, darunter auch führende Museen für Bildhauerkunst wie das Liebighaus in Frankfurt am Main. Wir sind sehr froh, dass sie sich für die Zeit dieser Ausstellung von ihren Stücken trennen konnten, weil diese Werke sehr fragil sind und selten auf Reisen geschickt werden. Es ist schon etwas Besonderes, dass ein solches Gipfeltreffen Schöner Madonnen aus Kunststein oder gegossenem Stein möglich geworden ist.“

Doch auf eine der Schönheiten macht Marius Winzeler gesondert aufmerksam:

„Es ist die Hallstätter Madonna, die der Nationalgalerie in Prag gehört. Sie ist deswegen so interessant, weil sie auch im 20. Jahrhundert eine bemerkenswerte Geschichte hat. Sie ist eine der schönsten und kostbarsten Madonnen und gilt auch von ihrem Typus her als etwas Einzigartiges. Sie hat aber eine Schwester in Bad Aussee in der Steiermark. Zum ersten Mal ist es nun möglich, diese zwei Figuren nebeneinander hier in Tschechien zu sehen und zu vergleichen. Es überrascht vielleicht, dass schon im Mittelalter solche Kopien oder Repliken entstanden sind. Man kann sogar nach den zehn Unterschieden suchen – und findet sie auch.“

Hallstätter Madonna (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)
Die Hallstätter Madonna wurde in den Zeiten der Ersten Tschechoslowakischen Republik vom Staat erworben und zwar, wie Winzeler sagt, „für eine horrende Summe“.

„Es war Vincenc Kramář, der damalige Direktor der Staatsgalerie, der sie erstehen konnte. Sie stellte einen Ersatz dar für die berühmteste der Schönen Madonnen, nämlich der Krumauer Madonna. Diese ist im Kunsthistorischen Museum in Wien. Sie war Ende des 19. Jahrhunderts vom Kaiserhaus angekauft worden und wäre vom neu entstandenen tschechoslowakischen Staat gerne als nationales Kulturgut beansprucht worden. Dies war aber nicht möglich, sie ist nie hierher gegeben worden und wird bis heute auch nicht für eine Ausstellung ausgeliehen.“

Böhmen und Salzburg

Doch dann kam in den 1920er Jahren eine willkommene Gelegenheit. Bei einem Kunsthändler in Wien tauchte eine Madonna auf, die von der Qualität und der Ausstrahlung der Krumauerin sehr ähnlich war. Und weiter der Kunsthistoriker von der Nationalgalerie:

„Das ist eben gerade jene Madonna, die der Überlieferung nach aus Hallstatt kommt. Weil man damals allerdings vermutete, es handle sich um einen Gipsabguss jüngeren Datums, hat der österreichische Staat weder die Ausfuhr verhindert, noch einen Versuch gemacht, sie zu erwerben. Das war ein Glück für die Tschechoslowakei. So ist diese Madonna praktisch als Ersatz für die verlorene Krumauerin nach Prag gekommen.“

Franziskaner-Madonna, Salzburg, um 1400, Franziskanerkloster Salzburg (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)
Dass selbst die mittelalterliche Kunstgeschichte in die nationalen oder politischen Verwirrungen des 20. Jahrhunderts geriet, bezeichnet Winzeler als interessant.

„Diese Madonnen sind hier versammelt, weil Salzburg und Böhmen im Mittelalter eine intensive wirtschaftliche Beziehung miteinander pflegten. Und die Madonnen sind auch als Ergebnis eines ökonomischen Austauschs zu sehen. Damals war das Salz lebenswichtig, aber dies gab es in Böhmen nicht. Daher wurde es aus Salzburg hier hergebracht. Im Gegenzug wurde unter anderem auch Kunst aus Böhmen nach Salzburg exportiert.“

Heute knüpfen tschechische und österreichische Institutionen für die Ausstellung im Agnes-Kloster sozusagen an diese damaligen Kontakte an. Besonders betrifft das das Bergbau- und Gotikmuseum in Leogang. Hermann Mayrhofer ist dort Kustos. Er verweist darauf, dass man schon vor einigen Jahren mit dem Kunstmuseum in Olomouc / Olmütz zusammen eine Schau gestaltet hat. Und zwar wurden damals sogenannte gotische Löwenmadonnen gezeigt. Bei diesen Bildern sitzt die Mutter Gottes auf einem Thron, der von Löwen getragen wird. Initiator der Ausstellung war damals der renommierte tschechische Kunsthistoriker Ivo Hlobil. Dazu Hermann Mayrhofer:

Die Ausstellung „Schöne Madonnen“ ist im Prager Agnes-Kloster zu sehen. Sie läuft bis 19. April kommenden Jahres. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr und am Mittwoch bis 20 Uhr.

„Professor Ivo Hlobil kam am 28. September 2011 nach Leogang. Er wollte unsere Löwenmadonna anschauen – eine von sieben Salzburger Löwenmadonnen. Er war von dem Bildnis sowie unserem Museum begeistert und schlug vor, in Olmütz erstmalig auf der ganzen Welt eine Ausstellung über die wenigen vorhandenen Löwenmadonnen zu machen. Ich war von diesem Vorschlag begeistert. Daraus hat sich ein sehr erfolgreiches Projekt entwickelt. Die jetzige Schau ist eine logische Folge, weil in Salzburg sehr bedeutende Schöne Madonnen geschaffen wurden und Prag kaiserliche Hofkunst präsentiert hat. Die Verbindung in der Zeit um 1400 war sehr intensiv. Der Erzbischof von Salzburg, Pilgrim von Puchheim, und der Erzbischof von Prag waren Studienkollegen. Sie haben sich gegenseitig besucht. Einmal kam auch der Finanzminister des Stiftes Salzburg mit nach Prag. Und er sah dort eine wunderschöne Madonna, die er ins Salzburger Land mitnahm. Es ist die weltberühmte Altenmarkter Madonna. Wir freuen uns, dass diese historischen Verbindungen jetzt wieder zu neuer Blüte gekommen sind.“

Autor: Till Janzer
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