Wer lacht zuletzt? Zum 17. Mal deutschsprachiges Theater in Prag

´Der zerbrochene Krug´ (Foto: Reinhard Werner, Archiv des Burgtheaters)

Erneut stehen die Herbsttage in Prag im Zeichen des deutschsprachigen Theaters: Am kommenden Freitag wird das 17. Prager Theaterfestival deutscher Sprache eröffnet. Es ist eine einzigartige Veranstaltung, die es so in anderen Ländern nicht gibt. Dabei werden die besten Inszenierungen, die in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Luxemburg und der Schweiz in der vergangenen Saison aufgeführt wurden, in Prag gezeigt. Beteiligt sind unter anderem die Berliner Volksbühne, das Wiener Burgtheater, das Münchner Residenztheater, aber auch das Traffik Theater aus Luxemburg oder das TAK Theater Liechtenstein. Ein Interview mit dem Dramaturg des Festivals, Petr Štědroň.

Herr Štědroň, in einer Woche wird das Prager Theaterfestival deutscher Sprache eröffnet. In den vergangenen Jahren hat das Festival immer einen Untertitel getragen. Gibt es auch diesmal ein gemeinsames Motto des Festivals?

„Ja, wir haben auch in diesem Jahr ein gemeinsames Motto, und das heißt: Wer lacht zuletzt?“

Bedeutet das etwa, dass hauptsächlich Komödien in diesem Jahr gespielt werden - oder warum haben Sie dieses Motto gewählt?

„Wir bringen natürlich nicht nur Komödien. Das Festival wird mit dem großen Drama ´Die bitteren Tränen der Petra von Kant´ eröffnet. Aber es gibt auch Komödien im Programm, die haben allerdings einen dunklen Unterton. Deswegen haben wir dieses Motto auch mit einem Fragezeichen ausgestattet.“

´Die bitteren Tränen der Petra von Kant´  (Foto: Archiv des Festivals)
Im Programm finden sich mehrere Persönlichkeiten und Bühnen, die auch im vergangenen Jahr in Prag zu sehen waren. War das Ihre Absicht, oder ist es eher ein Zufall?

„Eigentlich ist es ein Zufall. Denn die Inszenierungen von Matthias Hartmann, Herbert Fritsch und Stefan Kaminski, die im Rahmen des diesjährigen Festivals gezeigt werden, sind ästhetisch absolut anders als frühere. Wir haben sie deswegen ausgewählt, weil sie qualitativ sehr hochwertig und dramaturgisch sehr interessant sind.“

Wie erstellt man eigentlich die Dramaturgie eines solchen Festivals? Haben Sie als Chefdramaturg viele Städte und Theater in den deutschsprachigen Ländern bereist und die dortigen Inszenierungen gesehen? Oder arbeiten Sie mit jemandem in Deutschland zusammen, der Ihnen Empfehlungen gibt?

Jitka Jílková  (Foto: Lukáš Kamen,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Ich muss natürlich jede Vorstellung, die ich nach Prag einlade, live sehen. Die Direktorin Jitka Jílková und ich bereisen die deutschsprachigen Städte und Theaterhäuser und versuchen, möglichst viel zu sehen. Die Planung der nächsten Ausgabe des Festivals fängt eigentlich schon jetzt an. Seit Anfang der Theatersaison im September haben wir schon einige Stücke in Deutschland und Österreich gesehen. Das heißt, dass wir fast jede Woche irgendwo unterwegs sind.“

Die erfolgreichste Vorstellung beim Prager Theaterfest im vergangenen Jahr war wahrscheinlich die des Wiener Burgtheaters mit Tolstois „Krieg und Frieden“. Diesmal kommt das Burgtheater mit einem klassischen Stück von Kleist. Womit hat „Der zerbrochene Krug“ Sie angesprochen?

´Der zerbrochene Krug´  (Foto: Reinhard Werner,  Archiv des Burgtheaters)
„Das Stück ist zwar, wie Sie sagen, klassisch, aber eigentlich ist Kleist sehr modern. Die Konflikte, die dargestellt werden, sind sehr gegenwärtig, würde ich sagen. Die Regie und die Interpretation des Textes sprechen auch den zeitgenössischen Zuschauer stark an. Diese Inszenierung ist in Wien sehr beliebt, nicht nur wegen der Schauspieler – in der Hauptrolle können wir Michael Maertens sehen -, sondern meiner Meinung nach auch deswegen, weil das Thema sehr aktuell ist.“

Eine andere Persönlichkeit, die ebenfalls im vergangenen Jahr in Prag zu sehen war, ist Stefan Kaminski. Er stellt sich diesmal sogar mit einer Tetralogie vor…

´Kaminski ON AIR´  (Foto: Alexej Sauer)
„Das ist ´Der Ring des Nibelungen´. Stefan Kaminski hat mit seinem Team, dem ´Kaminski ON AIR´, das Riesenepos von Richard Wagner einstudiert. Er wird es in Prag an vier Abenden zeigen. Seine Interpretation ist eine sehr nüchterne und witzige Sichtweise dieses Riesenwerkes von Richard Wagner. Sie ist sehr sarkastisch, sehr ironisch, aber auch sehr tief.“

Eine wichtige Stellung im Programm hat auch die Berliner Volksbühne…



´Die  (s)panische Fliege´  (Schwank von Franz Arnold und Ernst Bach - Copyright Thomas Aurin)
„Die Berliner Volksbühne ist schon seit Jahren die Spielstätte des progressiven Theaters in Berlin. Wir haben sie im Laufe von 17 Ausgaben des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache daher mehrmals eingeladen – sei es mit den Vorstellungen von Frank Castorf, von Christoph Schlingensief, von René Pollesch oder von Christoph Marthaler. Diesmal haben wir zwei Inszenierungen von Herbert Fritsch genommen. ´Murmel, murmel´ diente als Prolog des Festivals. Mit dem Prolog meine ich einen Theaterausflug nach Berlin-Mitte im Oktober. Und das Festival wird mit Fritschs jüngster Arbeit abgeschlossen, mit dem Titel ´Die (s)panische Fliege´. Es ist eigentlich eine Boulevard-Komödie im besten Sinne des Wortes, mit tollen schauspielerischen Leistungen, fulminanter Regie und einem wunderschönen Bühnenbild.“

Petr Štědroň | Foto: Vladimír Kiva Novotný,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Traditionell ist auch eine tschechische Bühne im Programm vertreten, und zwar mit der Inszenierung eines Stückes eines deutschsprachigen Autors. Diese Inszenierung erhält auch den Preis des Festivals, den Josef-Balvín-Preis. Wie ist die Lage: Gibt es hierzulande ein reiches Angebot an Aufführungen deutschsprachiger Autoren und ihrer Stücke?

„Das Angebot ist ziemlich reich. Es ist vielleicht auch der Verdienst unseres Festivals, weil wir bemerken, dass sich die Dramaturgie des Prager Theaterfestivals in den tschechischen Theatern widerspiegelt. Deswegen möchte ich hervorheben, dass sich ziemlich viele zeitgenössische deutschsprachige Stücke in den Spielplänen der tschechischen Theater befinden und auch realisiert werden. Die Auswahl ist also ziemlich groß.“

´Arabische Nacht´  (Foto: Jiří Doležel,  Archiv des Mährischen Theaters Olomouc)
Welche Inszenierung wurde in diesem Jahr ausgewählt und preisgekrönt?

„Ausgewählt wurde die Inszenierung der ´Arabischen Nacht´ von Roland Schimmelpfennig in der Regie von Martin Glaser, einem ziemlich jungen tschechischen Regisseur. Er ist Leiter der Schauspielabteilung des Theaters in Budweis, aber diese Inszenierung hat er als Gastregisseur in Olmütz vorbereitet.“

Zum Festival gehören nicht nur die Theatervorstellungen, sondern auch ein Begleitprogramm.

„Wir versuchen, auch Begleitveranstaltungen zu organisieren. Das heißt, wir wollen das tschechische Publikum ins Gespräch mit den Theaterschaffenden bringen. Wir veranstalten nach den Aufführungen Publikumsgespräche mit Dramaturgen, mit Regisseuren und mit Schauspielern. Sie werden in der Regel sehr gut besucht, und was uns sehr freut: Das tschechische Publikum stellt sehr gerne Fragen an Theaterschaffende aus dem deutschsprachigen Raum.“


Das Festival wird am 2. November in den einzigartigen Filmateliers Barrandov eröffnet. Bis 13. November werden 15 Vorstellungen von sechs ausländischen und einem tschechischen Theaterensemble zu sehen sein, und zwar in den Filmateliers, im Prager Theater Komedie sowie auf mehreren Bühnen des Pragers Nationaltheaters. Insgesamt kommen 5000 Karten in den Umlauf. Bestandteil des Programms sind auch eine schweizerische Videoinstallation sowie eine Führung hinter die Kulissen der Ateliers und in den Fundus der Barrandov-Studios.