Wie der Weihnachtsbaum nach Böhmen kam

Foto: Martina Schneibergová

Eine Ausstellung im Museum der Karlsbrücke zeigt die Entwicklung der Christbaumtradition.

Foto: Martina Schneibergová

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Vor elf Jahren wurde am Fuß der Karlsbrücke ein Museum eröffnet. Zu sehen ist dort nicht nur eine Dauerausstellung über die Geschichte der Brücke. Im Dezember wird dort jedes Jahr auch eine Sonderausstellung mit einem weihnachtlichen Thema eröffnet. Diesmal steht die Christbaumtradition im Blickpunkt.

Die schmale Karlsgasse in der Prager Altstadt ist zu jeder Jahreszeit überfüllt. Sie schlängelt sich am Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegs Clementinum und an der monumentalen Salvatorkirche vorbei. Am Fuß der Karlsbrücke mündet die Gasse in einen kleinen Platz: den Křižovnické náměstí – auf Deutsch Kreuzherrenplatz. Neben der Barockkirche des heiligen Franziskus von Assisi führen einige Treppen hinunter, so gelangt man in das Museum der Karlsbrücke. Es ist in den Gewölben des früheren Kreuzherren-Spitals untergebracht. Vor dem Eingang wecken einige Schafsfiguren aus Stroh die Aufmerksamkeit der Passanten. Sie gehören zur größten Weihnachtskrippe, die im Museum zu sehen ist. Zdeněk Bergman ist Begründer des Museums. Er initiiert auch die weihnachtlichen Ausstellungen.

Strohfiguren von Andrzej Wrzecionek  (Foto: Martina Schneibergová)
„Ich halte den heiligen Franziskus von Assisi für besonders wichtig. Denn er war der erste, der das Weihnachtsgeschehen in Form einer Weihnachtskrippe dargestellt hat. Der Brauch, Krippen aufzustellen, hat sich im Laufe der Jahrhunderte verbreitetet. Im Museum sind viele Weihnachtskrippen zu sehen. Im Flur zeigen wir die vermutlich größte Weihnachtskrippe auf der Welt, die aus Stroh gestaltet ist. Der polnische Künstler Andrzej Wrzecionek, der sie geschaffen hat, bringt jedes Jahr neue Strohfiguren hierher und repariert die alten Krippenfiguren.“

Äpfel und Kerzen

Sicher ist es nicht einfach, jedes Jahr ein neues Thema für die weihnachtliche Sonderausstellung zu finden. Kurator Michal Cihla hat sich diesmal dafür entschieden, die Tradition des Christbaums zu beschreiben. Er macht auf einen bescheiden aussehenden Weihnachtsbaum aufmerksam.

Foto: Martina Schneibergová
„Dieser Baum ist so geschmückt, wie das in den ältesten erhaltenen schriftlichen Berichten über den Weihnachtsschmuck beschrieben wurde. Es handelte sich um eine Notiz von 1570 aus einer Chronik aus Bremen. Der Baum ist mit kleinen Äpfeln und mit Kerzen geschmückt. Die Kerzen wurden mit einem Draht an den Zweigen befestigt. Kerzenhalter für den Weihnachtsbaum, wie man sie heute kennt, wurden erst ab 1870 hergestellt.“

Der Brauch, das Haus mit grünen Zweigen zu schmücken, stamme hingegen noch aus vorchristlicher Zeit, sagt der Kurator. Die Römer etwa drapierten zum Jahreswechsel Lorbeerzweige in ihren Häusern. In den nördlichen Gegenden Europas wurden im Winter wiederum Tannenzweige als Schutz vor den bösen Geistern aufgehängt.

Die Tradition des geschmückten Weihnachtsbaums stammt dem Kurator zufolge aus den deutschen Städten des 16. Jahrhunderts. Die ersten solchen Bäume seien in den Zunfthäusern aufgestellt worden, erzählt Michal Cihla.

Michal Cihla  (Foto: Martina Schneibergová)
„Der Brauch verbreitete sich allmählich in den Familien der evangelischen Handwerker. Erst später hielt er auch beim Adel Einzug. Im 19. Jahrhundert hatten dann bereits viele Bürgerfamilien diese Tradition übernommen. Den überhaupt ersten Weihnachtsbaum in Böhmen schmückt der Direktor des Ständetheaters, Johann Carl Liebich, im Jahr 1812 auf Schloss Šilboch im heutigen Prager Stadtteil Libeň. Außer seinen Freunden lud Liebich auch die Schauspieler vom Ständetheater ein. Es wird erzählt, dass die Schauspieler sich für die Einladung revanchieren wollten. Angeblich hatte ihnen zuvor der Direktor nämlich anstatt der ausstehenden Honorare ungedeckte Wechsel gegeben. Die Schauspieler bezahlten aber die Wechsel und brachten sie ihrem Chef mit.“

Gedeckte Wechsel für den Tannenbaum

Der Weihnachtsschmuck am Tannenbaum sah früher anders aus als heute. So wurden die ersten Glaskugeln erst Mitte des 19. Jahrhunderts in der thüringischen Stadt Lauscha hergestellt.

Mit Wertpapieren geschmückter Weihnachtsbaum  (Foto: Martina Schneibergová)
„Davor bestand der Weihnachtsschmuck aus Papier, Watte oder Draht. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es mehrere Handbücher, in denen beschrieben wurde, wie man diesen Schmuck anfertigt. In Böhmen kam dann ein spezieller Baumschmuck aus Glasperlen in Mode – die ersten Beispiele stammen von 1870 aus Josefův Důl (Josephsthal, Anm. d. Red.) im Isergebirge.“

In der Museumsausstellung ist eine prächtige Fichte relativ ungewöhnlich drapiert. Bei einem genaueren Blick entdeckt man, dass an ihr Wertpapiere hängen. Der Kurator:

„Die Fichte stellt den ersten in Prag geschmückten Weihnachtsbaum dar, den der Direktor des Ständetheaters Liebich 1812 aufgestellt hat. Am Baum hängen Originalwechsel aus dem 19. Jahrhundert und aus der Ersten Republik. Natürlich sind es nicht jene Wechsel, die die Schauspieler dem Direktor angeblich gebracht haben. Aber es sind Originalwechsel, die wir für die Museumssammlungen gekauft haben.“

Jesuskind mit dem Besen

Jesuskind mit dem Besen  (Foto: Martina Schneibergová)
Neben Christbäumen werden in der Ausstellung zahlreiche Weihnachtskrippen gezeigt. Das Museum arbeitet dabei mit dem Ethnographischen Museum in Prag zusammen. Von diesem seien einige Kastenkrippen geliehen worden, sagt Michal Cihla.

„Neu sind im Museum zu sehen einige Krippen aus der Region von Králíky (Grulich, Anm. d. Red.). An einer von ihr ist interessant, dass die Heilige Familie recht ungewöhnlich dargestellt ist: Joseph wird bei der Tischlerarbeit gezeigt, und der kleine Jesus hat einen Besen in der Hand. Zum ersten Mal zeigen wir auch mechanische Krippen. Zu sehen sind zudem Papierkrippen von bekannten Künstlern wie Josef Lada oder Marie Kvěchová. In der Ausstellung werden zudem unterschiedliche Sorten Weihnachtsschmuck gezeigt. Zu den ältesten Exponaten gehört Schmuck aus Draht. Sehr gefragt ist der Baumschmuck aus Glasperlen. Aus den kleinen Glaskugeln wurden beispielsweise zierliche Sterne gefertigt.“


Die weihnachtliche Ausstellung ist im Museum der Karlsbrücke ist noch bis 2. Februar 2019 zu sehen. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. An Heiligabend schließt das Museum schon um 16 Uhr.