„Wir sind hier in einer Mausefalle“ – Buch über Fritz Seemann, Journalist des Prager Tagblattes

Fritz Seemann 1940 oder 1941

Der Name Fritz Seemann dürfte nicht vielen ein Begriff sein. Er war nacheinander Komponist, Radio-Pionier und Journalist beim Prager Tagblatt. Als Deutschböhme jüdischen Glaubens geriet er in die Fänge der Nationalsozialisten und kam 1942 im KZ Flossenbürg ums Leben. Die frühere Radio-Prag-Redakteurin Annette Kraus hat sich mit dem Schicksal von Fritz Seemann beschäftigt und nun ein Buch über ihn herausgegeben. Im Mittelpunkt stehen rund 60 Briefe zwischen Seemann und seinem guten Freund Arthur Beer, der Astronom in Großbritannien war.

Das Prager Tagblatt war die größte Zeitung der deutschsprachigen Minderheit in der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei. Fritz Seemann war dort als Redakteur angestellt. Annette Kraus hat in ihrem Buch mit dem Titel „Wir sind hier in einer Mausefalle“ die Lebensgeschichte von Seemann nachgezeichnet. Im Interview beschreibt sie ihn etwas ausführlicher:

„Fritz Seemann war ein deutschsprachiger Komponist und Journalist, gebürtig aus Reichenberg, heute Liberec. Er war Jahrgang 1900 und verstarb 1942. Er hatte ziemlich viele Talente und war in allen möglichen Bereichen tätig.“

Komponist, Radio-Pionier und Journalist

Direkt nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik studierte Seemann Komposition an der Deutschen Musikakademie in Prag. Er sei dann selbständiger Komponist und Kapellmeister gewesen, schildert Kraus weiter, bevor er zu einem der Radiopioniere wurde.

Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Richard Seemann

„Er hat sich ab 1925 an den Programmen für die deutschsprachige Minderheit im Land beteiligt, hat dort moderiert und viele Beiträge gemacht – zu Anfang vor allem über Musik, weil das ja sein Spezialthema war. Es ging viel um deutschböhmische Komponisten, die später berühmt geworden sind, wie Hans Krása und Viktor Ullmann. Dazu war Seemann auch unterhaltend unterwegs und hat so etwas wie Revuen und Silvestersendungen moderiert. Also wirklich ein Tausendsassa, würde ich sagen“, so die Autorin.

Nicht zuletzt komponierte er die möglicherweise weltweit erste Rundfunkoperette, „Das Scheidungssouper“. 1928 uraufgeführt wurde sie auch von Radiosendern in Wien, München und Breslau übernommen.

„1929 ist er aber wieder umgestiegen und hat beim Prager Tagblatt angeheuert. Dort war er zehn Jahre lang, bis 1939 das Tagblatt von den Nazis eingestellt wurde. Danach hat er nur noch drei Jahre gelebt, konnte nicht mehr arbeiten, weil dies in der okkupierten Tschechoslowakei nicht möglich war. Er ist Ende 1941 verhaftet worden und im Juni 1942 im KZ Flossenbürg ums Leben gekommen“, schildert Annette Kraus.

Briefwechsel von 1934 bis 1939

Annette Kraus hat das Schicksal von Fritz Seemann in den Jahren 1934 bis 1939 in den Mittelpunkt ihres Buches gestellt. Weil ein Briefwechsel von ihm mit Arthur Beer erhalten ist, der Astronom in Großbritannien war…

Annette Kraus | Foto: Matthias G. Ziegler

„Es waren alte Freunde. Sie sind schon gemeinsam zur Schule gegangen, auf die Staatsrealschule Reichenberg. Arthur Beer war auch jüdisch. Da der Anteil der jüdischen Schüler an der Schule nicht so groß war, müssen sie spätestens im Religionsunterricht in derselben Klasse gewesen sein und sich kennengelernt haben. Das konnte ich aus den Jahresberichten der Staatsrealschule rekonstruieren“, so die studierte Kulturwissenschaftlerin.

Während des Ersten Weltkriegs dienen beide in den Jahren 1916 und 1917 auch gemeinsam in der österreichischen Armee. Nach der Gründung der Tschechoslowakei trennen sich aber die Wege, weil Arthur Beer ins Ausland geht. Er studiert in Wien und Berlin, ist in Leipzig und arbeitet in Breslau, um sich letztlich in Hamburg niederzulassen. Dort ist er zunächst Gezeitenastronom und dann Wissenschaftsjournalist. Trotz des Erfolges in seinem Metier flieht Beer nach Hitlers Machtergreifung dann aus Deutschland. 1934 geht er mit einem Stipendium nach Großbritannien und bleibt dort.

Ein bisschen „Antihitler-Reportage“

Der erhaltene Briefwechsel beginnt zwar schon 1931, doch wie Annette Kraus in ihrem Buch anmerkt, sei er zunächst rein privat oder geschäftlich gewesen. Von 1933 gebe es nur einen Brief, ab dem folgenden Jahr habe sich aber zunehmend die Politik in die Korrespondenz beider Schulfreunde eingeschlichen. Das erste Schreiben, das die Autorin in ihr Buch aufgenommen hat, stammt vom 9. Juli 1934. Fritz Seemann erwähnt da im Postskriptum, dass er vor ein paar Tagen mal wieder in Deutschland gewesen sei und ein bisschen „Antihitler-Reportage“ gemacht habe. Praktisch zeitgleich schreibt ihm Arthur Beer, dass dies der letzte Versuch sei, dem „sehr geehrten Herrn Redakteur Seemann“ in seiner „anerkannt 120%-igen Überbeschäftigung einige Zeilen zu entlocken“. Dabei schildert er:

Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

„Davon abgesehen berichte ich, lieber Fritz, dass es uns allen jetzt ausgezeichnet geht, wir als waschechte Engländer hier Fuss fassen, zunächst jedenfalls mit der Absicht, ein Jahr hierzubleiben, jene Zeit, für die ich zu einer Forschungsarbeit an die Universität Cambridge eingeladen wurde.“

Im Antwortbrief frotzelt Seemann etwas zurück:

„Dich, als treudeutschen Germanen-Hitlerianer wird es interessieren, dass ich bei den letzten Skandalen wieder einen kleinen Rutsch nach Deutschland gemacht habe, ohne dass mich die Herren erwischt hätten.“

Prager Tagblatt 1936 | Foto: Archiv von Archiv Taťána Lukešová

Annette Kraus hat den Briefwechseln auch einige Texte von Fritz Seemann aus dem Prager Tagblatt hinzugestellt – vor allem die Reportagen aus dem Grenzgebiet zu Sachsen. Über einen Besuch in Zittau nach Hitlers Machtergreifung schreibt Seemann am 30. Juli 1933:

„Sie liegt in der Nähe der nordböhmischen Grenze und zählt zu den mittleren, ziemlich stillen alten Provinzstädten Sachsens. Seit wohl vierhundert Jahren wurde mit der Bevölkerung der benachbarten Grenze freundschaftlicher Austauschverkehr getrieben, Die Grenzübergänge waren überfüllt; es genügte ein Grenzübertrittsschein und man konnte hinüber und herüber. Bei Einkäufen drückten die Zöllner alle Augen zu, es war Gewohnheitsrecht, die Vorteile der beiden Länder auszunützen. Jetzt ist es gründlich anders. Die Grenzbewachung ist verschärft, die Züge sind leer, niemand kauft ein, alte Verbindungen, geschäftliche oder freundschaftliche, sind jäh abgerissen. In dem urgemütlichen, fast siebenhundert Jahre alten Zittau ist die Gleichschaltung eingezogen.“

Sudetenkrise und Zukunftsängste

In den Briefen geht es auch um Persönliches, besonders um die Familie, also um Fritz Seemanns Frau Marta und den gemeinsamen Sohn Richard, der am 8. September 1933 geboren wurde. Doch ab 1938 greift die Politik noch einmal stärker in die Korrespondenz ein, nun auch mit der Frage nach dem künftigen Schicksal der Familie Seemann. Inmitten der von Hitler und der Sudetendeutschen Partei geschürten Sudetenkrise berichtet Fritz Seemann Folgendes in seinem Brief vom 22. September des Jahres:

Fritz Seemann 1932 | Foto: Privatarchiv Richard Seemann

„Die lieben Eltern in Reichenberg waren leider starrköpfig und wollten uns bzw. mir nichts glauben. Sie blieben in Reichenberg und dachten, ich wollte sie nur schrecken. Nun werden sie natürlich nach Prag kommen.“

Denn Hitler greift damals nach den Sudetengebieten. Und damit ist auch Seemanns Arbeitsplatz bedroht. Er schätzt, dass das Prager Tagblatt mit dem Abtritt der Sudetengebiete die Hälfte der Auflage und Dreiviertel der Inserate verlieren könnte. Er bittet daher Arthur Beer um einen Tipp, welche englische Zeitung vielleicht Interesse hätte an Berichten von ihm über die Vorgänge in der Tschechoslowakei. Und es scheint, dass er erstmals eine Ausreise erwogen hat. Denn er schreibt:

„Wir sind hier in einer Mausefalle und können nicht heraus. Leider bin ich einem Ruf nach Stockholm nicht gefolgt, da mir dort die Zukunft zu ungewiss erschien.“

Hoffnung auf Emigration nach Großbritannien

Mit dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 reißt sich Nazi-Deutschland dann die Sudetengebiete unter den Nagel. Aber Hitler will auch den Rest der Tschechoslowakei kontrollieren. Für Fritz Seemann als Jude und Journalist rückt die Gefahr immer näher. Seine tschechische Frau Marta ist hingegen nicht direkt gefährdet. Annette Kraus:

Richard Seemann | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Er wollte nach Großbritannien. Es war ihm wichtig, dass er arbeiten kann. Da war natürlich die Sprache ein großes Problem. Er spricht auch immer wieder an, dass er jetzt dabei sei, Englisch zu lernen, er aber so dumm sei und es nicht könne. Er sei ‚ein Hornochs‘, sagt er einmal wörtlich. Aber es gab ja eben diesen Arthur Beer, der dort schon relativ gesettelt war. Er hatte wieder einen guten Job gefunden und stand kurz davor, nach fünf Jahren in Großbritannien eingebürgert zu werden. Fritz Seemann hat in der Zeit eigentlich alles versucht, aber erst ab dem Münchner Abkommen. Er hat vielleicht relativ lange gewartet. Andere sind schon früher weggegangen, weil sie das antizipiert haben, Kontakte hatten oder vielleicht nicht diese familiäre Bindung wie Fritz Seemann. Er war in Prag einfach sehr verwurzelt, hatte dort seinen Job und seine Eltern, die nach dem Münchner Abkommen aus Reichenberg zu ihm geflohen waren. Er hatte also auch sie zu versorgen, ebenso wie den kleinen Richard und die Ehefrau. Und er hat wohl auch immer gehofft, dass es so schlimm nicht kommen würde.“

Dabei war Fritz Seemann schon nach Hitlers Machtergreifung informiert und hat sich sicher keine Illusionen gemacht. Dennoch habe er natürlich nicht ahnen können, wie weit es gehen würde, meint Annette Kraus. Allerdings verließen nach dem Münchner Abkommen bereits viele jüdische Angestellte das Prager Tagblatt. Und während der sogenannten Zweiten Republik wurde auch in der Tschechoslowakei die Politik immer rigider und antisemitischer. Dennoch harrt Seemann damals aus.

„Das Tagblatt hat im Herbst 1938 seine Leserschaft verloren und auch die Unterstützung des Staates, der sich schon den deutschen Forderungen unterordnete. In dieser Zweiten Republik war nur noch eine halbe Unabhängigkeit gegeben. Im Januar 1939 wurden tatsächlich allen jüdischen Mitarbeitern des Tagblatts gekündigt. Trotzdem hat Fritz Seemann als freier Mitarbeiter noch bis April weitergeschrieben. Es haben sich wohl immer wieder kleine Hoffnungsschimmer ergeben, die dann dazu führten, dass er vielleicht doch die Perspektive im Land gesehen hat“, glaubt die Forscherin.

Am 15. März 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht jedoch in Prag ein und etabliert das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“. Einen Tag zuvor hat sich die Slowakei abgespalten und zu einem klerikal-faschistischen Marionettenstaat von Hitlers Gnaden gewandelt. Das heißt, dass auch gewisse Pläne von Seemann, in diesen Landesteil zu gehen, zunichtewerden.

Aufschrecken bei jedem Klingelzeichen

Im weiteren Verlauf versucht Fritz Seemann, alle möglichen Kanäle zu nutzen, um sich doch noch ins Ausland abzusetzen. Er bemüht sich vor allem, einen sogenannten Permit (also eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis) für Großbritannien zu bekommen. Doch dies ist schwierig und zunehmend aussichtsloser. Am 28. Juni 1939 schreibt Seemann an Arthur Beer:

„Die Unsicherheit schwebt weiterhin über mein Schicksal. Du, in einem freien Land, kannst ja gar nicht ermessen, was es bedeutet, voller Schaffenskraft und Arbeitslust vollkommen lahmgelegt zu sein, ohne jede Aussicht auf einen Erwerb, der Gnade oder vielmehr Ungnade ausgeliefert zu sein. Du kennst mich ja, wie nervenstark ich war. Nun bin ich zermürbt, schrecke bei jedem Klingelzeichen auf, ist der Tag schon gekommen?“

Zwischendrin geht es aber auch immer wieder um Privates aus der Familie. So etwa im Februar 1939:

Richard Seemann  | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Bilder von Klein-Richard folgen. Ich habe Pech: Der Lump schneidet stets solche Gesichter, dass er wie ein Halbidiot aussieht, obwohl er – ohne Vaterstolz – ein hübscher klugaussehender Bub ist. Zwei Fotoversuche sind auf diese Weise misslungen.“

Der Briefkontakt bricht im August 1939 ab. Annette Kraus:

„Die letzten Briefe waren eigentlich vorsichtig positiv, durch einen Kontakt zur Barbican Mission. Das war eine christliche Hilfsorganisation, die sich auf die jüdische Bevölkerung konzentrierte und ihr bei der Ausreise half – aber unter der Bedingung, dass sich die Menschen missionieren lassen. Das war also nicht unumstritten. Aber Fritz Seemann hatte zu ihnen Kontakte und gehofft, dass ein Geistlicher von der Barbican Mission auch Geld besorgen kann, damit Seemann dieses Permit bekommt, Arthur das Geld hinterlegen und er einreisen kann.“

Allerdings ist der Geistliche verreist, und bevor er zurückkehrt, bricht der Zweite Weltkrieg aus. Annette Kraus sagt, es sei etwas rätselhaft, warum der Briefkontakt schon im August und nicht erst mit dem Kriegsbeginn ausgelaufen ist. Doch zum September 1939 änderte sich die Lage eben dramatisch.

„Dann war es unglaublich kompliziert, sich noch auszutauschen. Die Fluchtwege waren abgeschnitten. Und Arthur Beer war dann auch nicht mehr in der Position, Fritz Seemann zu helfen, weil er erst einmal ein ‚enemy alien‘ war und beweisen musste, dass er selbst vor den Nazis geflohen war. Das ist ihm zwar gelungen, aber es gab den Weg nach Großbritannien nicht mehr“, so Kraus.

Zwar prüft Fritz Seemann wohl auch noch die Ausreise in entferntere Weltgegenden. So versuchte er laut Autorin Kraus, ein Visum für die USA zu erhalten, aber der Andrang sei immer größer gewesen als die Kapazitäten. Deswegen ist er letztlich dazu gezwungen, im Protektorat zu bleiben. Fritz Seemann wird am 12. Dezember 1941 von der Gestapo in seiner Wohnung festgenommen. Nach der Haft im Prager Gefängnis Pankrác kommt er in die „Kleine Festung“ in Theresienstadt, ein Gefängnis vor allem für politische Häftlinge. Von dort wird er nach Deutschland deportiert und am 28. April 1942 ins Konzentrationslager Flossenbürg eingeliefert, wo er keine zwei Monate später – am 14. Juni – stirbt. Die genauen Umstände seines Todes lassen sich laut Kraus nicht aus den Akten rekonstruieren.

Sohn Richard Seemann bei Radio Prag

Wenig später werden seine Eltern zunächst ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und am 19. Oktober 1942 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Dort werden sie wohl in den Gaskammern ermordet.

Marta Seemannová trifft der Tod ihres Mannes sehr schwer, sodass sie unter psychischen Problemen leidet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird aber Fritz Seemann vom tschechoslowakischen Staat als Widerstandskämpfer anerkannt, was Marta Seemannová nicht nur finanziell etwas hilft – sie bekommt dann eine kleine Hinterbliebenenrente –, sondern auch moralisch. Und der Sohn?

Richard,  Marta und Fritz Seemann 1938 in Franzensbad | Foto: Privatarchiv Richard Seemann

„Richard Seemann hat auch eine journalistische Karriere eingeschlagen und war dann bei den Auslandssendungen, also bei Radio Prag. Und das sicher auch deswegen, weil er durch seinen Vater perfekt Deutsch konnte und eben in einer bilingualen Familie aufgewachsen war. Er wurde aber 1968 nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes rausgeworfen und hat sich anschließend irgendwie durchgebracht. Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 konnte er zum Rundfunk zurückkehren und war dann dort sehr erfolgreich. Das hat die Mutter Marta Seemannová wohl sehr gefreut. Sie ist im Übrigen sehr alt geworden und starb erst im Jahr 2000“, schildert Kraus.

Richard Seemann leitete zunächst die Inlandsredaktion und stieg dann sogar zum Intendanten des Tschechoslowakischen Rundfunks auf. Er ist heute 93 Jahre alt.

Gedenkstätte Flossenbürg

Annette Kraus kam mit Richard Seemann erstmals vor rund 15 Jahren in Kontakt. Sie war damals in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg angestellt. Und eines Tages sei eine Anfrage von Richard Seemann aus Prag eingetrudelt, der sich zuvor zusammen mit seiner Familie die Ausstellungen dort angeschaut hatte…

Fritz Seemanns Brille,  nach seinem Tod zurückgeschickt aus dem KZ | Foto: Annette Kraus

„Richard Seemann wollte wissen, ob es im Archiv der Gedenkstätte noch mehr Dokumente zu seinem Vater gebe. Üblicherweise ist es nicht viel. Es gibt ein Nummernbuch, in dem die SS die Nummern an die Häftlinge vergeben hat. Und es gibt eine ‚Effektenkarte‘, in der eingetragen ist, welche Gegenstände ihm abgenommen wurden. Bei Fritz Seemann war es zum Beispiel ein Ring. Und es besteht eine Liste der US-Armee, die nach der Befreiung erstellt wurde“, erzählt Annette Kraus.

Sie schickte dieses Wenige an Richard Seemann mit der Bitte ihrerseits, ob er der Gedenkstätte noch Materialien über seinen Vater zur Verfügung stellen könnte. Zurückkam die Bachelor-Arbeit von Richard Seemanns Nichte an der Prager Karlsuniversität, die sich mit Fritz Seemann beschäftigt. Und die Lektüre weckte bei Kraus das Interesse an dessen Lebensgeschichte.

Der Nachlass von Arthur Beer

2021 setzte sie sich dafür ein, dass Fritz Seemann in eine Ausstellung in der Gedenkstätte Flossenbürg aufgenommen wurde. In der Schau wurden die Schicksale tschechoslowakischer Häftlinge des Konzentrationslagers dargestellt. Über weitere Nachforschungen, in dem Fall zu Arthur Beer und seiner Familie, fand Annette Kraus heraus, dass es den Briefwechsel gegeben hatte. Letztlich ergab sich ein Kontakt zu Nova Husbands Beer in England, der Tochter von Arthur Beer:

„Ich habe sie auf LinkedIn angeschrieben, eigentlich ohne große Hoffnung auf Erfolg. Aber sie hat mir schnell geantwortet und gemeint, sie selbst habe nie etwas von Fritz Seemann gehört. Sie ist übrigens Jahrgang 1935 und war damals ein kleines Mädchen. Als ich sie angeschrieben habe, ist sie in ihre Garage gegangen und hat den Nachlass ihres Vaters durchsucht. Er war wohl ziemlich groß, und sie hatte ihn in dieser Zeit dort zwischengelagert. Dann hat sie mir einfach das Paket mit dem Briefwechsel zugeschickt.“

Fritz Seemann  (Mitte) und Arthur Beer  (rechts) beim Militär 1918 | Foto: Privatarchiv Richard Seemann

Die Forscherin verwendete Teile des Briefwechsels zunächst für einen Zeitschriftenartikel über Fritz Seemann. Zudem schlug sie der Gedenkstätte Flossenbürg vor, ein Buch zu veröffentlichen. Und dieses wird Annette Kraus kommende Woche bei der Frankfurter Buchmesse präsentieren, wenn Tschechien dort Gastland ist:

„Wir haben die Gelegenheit, es auf dem Stand des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds vorzustellen, der das Buch gefördert hat. Und dann gibt es noch eine längere Veranstaltung bei Open Books. Das ist ein Programm mit Lesungen in der Stadt.“

Das Buch von Annette Kraus über den Journalisten Fritz Seemann vom Prager Tagblatt und seine gescheiterte Flucht aus der Tschechoslowakei heißt „Wir sind in einer Mausefalle“. Es ist beim Wallstein Verlag erschienen. Die Autorin, unsere ehemalige Kollegin, wird es an drei Terminen bei der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Und zwar zweimal am Stand des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Halle 3.1, Stand C74: am Donnerstag, 8. Oktober, ab 10:15 Uhr und am Freitag, 9. Oktober, ab 15:15 Uhr. Am 8. Oktober um 17 Uhr gibt es zudem den Auftritt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Open Books im Presse- und Informationsamt Frankfurt, Römerberg 32. Dort ist der Eintritt frei, anders als für den Besuch der Messe.

Autor: Till Janzer
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