Liberec 1946: Wie eine Villa zum Schauplatz von Erinnerung und Rechtfertigung wurde
„Gewalt ausstellen“ heißt eine neue Schau im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Sie beschäftigt sich mit Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa, die nach 1945 vielerorts eröffnet wurden – unter anderem im nordböhmischen Liberec.
London, Paris, Warschau, Bergen-Belsen und Liberec. Das sind die fünf Orte, um die es derzeit im Deutschen Historischen Museum in Berlin geht. Die Ausstellungen, die an diesen Orten und auch anderswo nach 1945 stattfanden, sollten die Gräuel der nationalsozialistischen Besatzung aufzeigen.
„Das ist ein vernachlässigtes Forschungsfeld“, sagt Agata Pietrasik. Die promovierte Kunsthistorikerin forscht zur Geschichte der Nachkriegsausstellungen und ist die Kuratorin der Schau in Berlin. Was war ihr bei dem Konzept wichtig?
„Als wir uns mit der Frage beschäftigt haben, wie wir eine Ausstellung ausstellen können, war es für uns wichtig, dass der Besucher sich das Ganze gut vorstellen kann. Wir wollten die Ausstellungen aber nicht nachbauen oder rekonstruieren. Das geht aus heutiger Perspektive wohl auch gar nicht – schon allein, weil man die Ausstellungselemente mittlerweile ganz anders anordnen würde.“
Die Besucher sollen aber ein Gefühl dafür bekommen, wie sich ein Besuch der Ausstellungen angefühlt haben könnte. Verwendet werden deshalb Fotografien, Lagepläne, aber auch Filme.
„Jede der Ausstellungen wurde gefilmt. Und wir zeigen diese Aufnahmen, auf denen man die Besucher und die Räumlichkeiten sehr detailliert erkennen kann.“
Zudem konnten die Organisatoren einige Objekte an Land ziehen, die in den 1940er Jahren Bestandteil der Ausstellungen waren. Dass sie überhaupt erhalten geblieben sind und damals gezeigt wurden, hängt häufig damit zusammen, dass sie als Beweismaterial aufbewahrt wurden. Denn sie sollten bei Kriegsverbrechertribunalen verwendet werden können.
Theresienstadt und Pankrác wurden in Liberec nachgebaut
Bei der Auswahl der Ausstellungen hat sich Agata Pietrasik auf Beispiele konzentriert, zu denen es viele potentielle Exponate gibt. Sie wollte zudem Fälle präsentieren, die sich mehr oder weniger in der Nähe von Berlin befanden. Zugleich sei es ihr darum gegangen, sagt sie im Interview für Radio Prag International, eine west- und eine osteuropäische Perspektive aufzuzeigen:
„Dahingehend sind etwa Warschau und Liberec interessant. Denn man sieht, wie unterschiedlich diese Orte waren. Oftmals, wenn von Osteuropa oder Ostmitteleuropa die Rede ist, geht man davon aus, dass es dort viele Gemeinsamkeiten gibt. Aber diese zwei Beispiele zeigen, wie verschieden diese Orte und ihre Geschichten waren.“
Die Ausstellung in Liberec, das bis Kriegsende Reichenberg hieß, wurde am 8. September 1946 eröffnet. Bereits im Juli 1945 hatte man in der Stadt darüber verhandelt. Sie stand unter dem Titel „Památník nacistického barbarství“, was man als „Gedenkstätte der Nazi-Barbarei“ übersetzen könnte. Die Ausstellung war eine der größten und überregional bedeutsamsten in der Tschechoslowakei. Interessant sei sie vor allem durch den Ort gewesen, an dem sie stattgefunden habe, sagt Pietrasik:
„Das Haus hatte vor dem Krieg nämlich einer jüdischen Familie gehört. Nach der deutschen Besatzung wurde es ‚arisiert‘, das heißt, die Besitzer mussten es abtreten. Dann zog Konrad Henlein ein, der örtliche Nazi-Chef und Gauleiter der Region. Das Gebäude wurde deshalb später sehr stark mit dem Täter in Verbindung gebracht.“
In dem Gebäude wurden ab 1946 Dokumente gezeigt, die Hitlers Streben nach Macht und Henleins Rolle im Reichsgau Sudetenland belegten. Zudem gab es Fotografien von Verhaftungen und Konzentrationslagern sowie teils makabre Exponate wie Zähne von Häftlingen oder Bücher, die angeblich in Menschenhaut eingebunden waren.
„Es wurden dort auch Teile des Lagers in Theresienstadt nachgebaut. Und es gab die Kopie von Galgen aus dem Gefängnis in Prag-Pankrác.“
Zudem baute man eine originalgetreue Nachbildung der Guillotine aus der Prager Haftanstalt auf.
Die Opfergruppe, die im Zentrum der Ausstellung stand, waren vor allem politische Gefangene und verfolgte Widerstandskämpfer. Dies habe laut Pietrasik auch daran gelegen, dass die Schau neben der Stadt Liberec vom Verband der befreiten politischen Gefangenen organisiert wurde. Wenig Aufmerksamkeit kam hingegen den Juden zu, die in der Tschechoslowakei 75 Prozent der Todesopfer während der nationalsozialistischen Besatzung ausmachten. So sagt die Historikerin Pietrasik:
„Der Holocaust wurde durchaus erwähnt, und wir wissen durch Fotografien, dass es dort auch Bilder dazu gab. Aber er war keinesfalls das zentrale Narrativ. Und das verbindet all die Ausstellungen – mit Ausnahme von denen, die von Holocaust-Überlebenden organisiert wurden. Aber überall sonst wurde der Holocaust zwar nicht aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht, er stand jedoch keinesfalls in dessen Zentrum. Stattdessen fand er seine Stelle am Rande der nationalen Narrative.“
Im Fall Liberec bedeutete dies auch, dass die einstigen Besitzer der Villa, der jüdische Textilunternehmer Julius Hersch und seine Frau Paula, die 1938 fliehen mussten, weitestgehend unerwähnt blieben. Und auch Opfergruppen wie die Roma und weitere Minderheiten blieben in der Ausstellung von 1946 fast gänzlich unbeachtet.
Rechtfertigung für die Vertreibung der Sudetendeutschen
Zu den damaligen Besuchern zählten Schulklassen und Betriebsgruppen – aber auch diejenigen Sudetendeutschen, die noch nicht vertrieben worden waren, sondern deren Ausweisung erst noch bevorstand. Denn sie wurden gezwungen, sich die Schau anzusehen.
Zentrale Aufgabe der Ausstellung war es dann auch, die im März 1946 erlassenen Beneš-Dekrete und damit die Vertreibung der Sudetendeutschen zu rechtfertigen. So schreibt der Historiker Peter Hallama im Katalog zur aktuellen Ausstellung in Berlin, der Zweite Weltkrieg sei in der Nachkriegszeit als „Höhe- und Endpunkt einer jahrhundertelangen Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen“ gesehen worden. Die Schau in Liberec habe in diese Kerbe geschlagen und die Notwendigkeit einer ethnisch homogenen Tschechoslowakei vor Augen führen wollen. Die Sudetendeutschen, so die damalige Lesart, wären dem Nationalsozialismus per se zugeneigt gewesen und müssten deshalb verschwinden, um keine weitere Gefahr darzustellen.
Ab 1955 wurde die Gedenkstätte in Liberec in „Muzeum odboje proti fašismu“ (Museum des antifaschistischen Kampfes) umbenannt und entsprechend umgestaltet. 1964 schloss die Ausstellung. Denn mit dem ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt hatte man einen anderen Gedenkort mit größerer Strahlkraft gefunden. Und wie Peter Hallama in seinem Text ausführt, sei fast zwei Jahrzehnte nach der vollendeten Vertreibung der Sudetendeutschen eine Gedenkstätte wie die in Liberec auch nicht mehr nötig gewesen. Agata Pietrasik betont aber, dass zahlreiche der Exponate erhalten geblieben seien:
„Die meisten Objekte befinden sich heute in den Sammlungen des Nordböhmischen Museums in Liberec. Einige davon sind sogar Teil der dortigen Dauerausstellung.“
Und das Gebäude? Das diente bis in die 1990er Jahre hinein als Kindergarten, später übernahm das Gesundheitsamt des Kreises Liberec die Villa. Vor zehn Jahren wurde das Haus dann von einem Privatinvestor aufgekauft, der Arztpraxen und Büroräume einrichten wollte. Bisher ist die geplante Renovierung aber noch nicht abgeschlossen.
Die Ausstellung „Gewalt ausstellen“ ist noch bis 23. November 2025 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Im Rahmen des Begleitprogramms werden regelmäßig Expertenführungen angeboten.












