Tschechisch-deutsches Schülerprojekt: Neue Gedenktafel in Theresienstadt für Opfer aus Halle
Seit 2022 findet jährlich ein Schüleraustausch zwischen einem Gymnasium in Halle (Saale) und Prag statt. Bei dem jüngsten Besuch beschäftigten sich Elftklässler mit dem Konzentrationslager Theresienstadt. Dorthin wurden zu Zeiten des Nationalsozialismus auch Menschen aus Halle deportiert. An ihr Schicksal erinnert nun eine Gedenkplatte, die von den Jugendlichen entworfen wurde. Radio Prag International hat mit Schülern, Lehrern und einer Nachfahrin eines Theresienstadt-Überlebenden aus Halle über das Projekt gesprochen.
In Theresienstadt wurden von 1940 bis zum Kriegsende über 141.000 Menschen in dem sogenannten Ghetto und dem Gestapo-Gefängnis in der Kleinen Festung interniert. Mehr als 121.000 von ihnen starben vor Ort oder wurden in Vernichtungslager der Nazis deportiert.
Das Kolumbarium in Terezín, so der tschechische Name von Theresienstadt, diente einst zur Einlagerung der Urnen, in denen sich die sterblichen Überreste der Inhaftierten befanden. Heute ist es ein Ort des Gedenkens. Miloslav Man leitet das Projekt Pragkontakt, das deutsch-tschechische Schüleraustausche organisiert. Vor Ort erläutert er:
„In diesen Räumlichkeiten sind verschiedene Gedenktafeln, die an Einzelpersonen erinnern oder an Opfergruppen – zum Beispiel die Bürger einer bestimmten Stadt.“
Wenn man sich umschaut, sieht man etwa Tafeln für Bürger aus Gera, Bremen und Magdeburg. Hinzugekommen ist nun die Tafel für Menschen aus Halle, die von Schülern gestaltet wurde. Man erklärt, wie es dazu kam:
„Pragkontakt betreut aktuell den Austausch zwischen dem Lyonel-Feininger-Gymnasium und dem Gymnasium Na Zatlance in Prag. Vor etwa zwei Jahren waren wir bereits mit Schülern aus Halle hier. Es kam die Frage auf, ob hier etwas fehlt. Und plötzlich war den Schülern klar, dass es keine Gedenktafel für Menschen aus Halle gibt, die nach Theresienstadt deportiert wurden. Norbert Böhnke vom Kulturreferat der Stadt und ich haben uns gedacht, dass es ein tolles deutsch-tschechisches Schülerprojekt sein könnte, eine Gedenktafel zu entwickeln.“
Die Tafel, die nun dort hängt, besteht aus hellem Stein mit Bildern und Schrift in schwarzer Farbe. Lui Schneider hat sich das Konzept überlegt. Er besucht wie die anderen deutschen Teilnehmer des Schüleraustauschs die elfte Klasse des Lyonel-Feininger-Gymnasiums.
„Sehr symbolisch für meine Tafel sind die Rose, das Wappen der Stadt Halle und die Koffer. Wir hatten uns vorher mit den Schicksalen beschäftigt und erfahren, dass die jüdischen Menschen aus Halle abgeholt wurden und jeder nur einen einzigen Koffer mitnehmen durfte.“
Die bildliche Darstellung hebt die Tafel deutlich von den anderen Denkmälern ab, welche zumeist sehr textlastig sind. Aber auch auf der Platte aus Halle gibt es eine Inschrift. Sie wurde auf Tschechisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch in den Stein gehauen.
Entwürfe für Gedenkplatte entstanden im Geschichtskurs
Entstanden ist der Entwurf für die Gedenkplatte im Geschichtskurs von Anja Eckstein:
„Es gab 24 Ideen, da wir 24 Schüler haben. Eigentlich waren es sogar 27 Entwürfe, da von einigen mehrere kamen. Wir haben dann ein Ranking in der Klasse erstellt sowie eines in der Schulleitung. Und schließlich hat die Stadt eine Reihenfolge festgelegt und den Entwurf ausgewählt.“
Wie sahen die Skizzen der anderen aus? Eine Schülerin schildert:
„Meine Idee war eine relativ einfache Gedenktafel mit einem Kranz aus Blumen drumherum. Auf die Blütenblätter wollte ich die Namen der einzelnen Opfer schreiben, und in der Mitte sollte ein Gedenkspruch stehen.“
Im Vorfeld haben sich die Elftklässler lange mit dem jüdischen Leben in Halle und den Deportationen nach Theresienstadt beschäftigt. Sie mussten dabei auch erfahren, dass mit SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich einer der Hauptorganisatoren des Holocaust aus ihrer Stadt kam. Laut dem Verein Zeit-Geschichte(n) stammten 114 der in Terezín inhaftierten Menschen aus Halle, wobei zu ihnen auch Menschen gehörten, die unter den Nazis gezwungenermaßen in die Stadt umziehen mussten.
Vom Prager Gymnasium Na Zatlance hat unter anderem Kristýna am Schüleraustausch teilgenommen. Sie habe sich darauf gefreut, neue Menschen kennenzulernen, sagt sie. Zudem interessiert sie sich für Geschichte. Über die NS-Zeit spreche man viel, sagt Kristýna, und dennoch schaue man sich die entsprechenden Schauplätze nur selten an. Was hält die Schülerin von der Gedenktafel für Juden aus Halle?
„Ich finde die Idee, dass Schüler eines Gymnasiums ein Mahnmal für die ganze Stadt aufhängen durften, einfach super. Und auch die Platte an sich gefällt mir. Ich mag das Design, und da der Text in vier Sprachen verfasst ist, kann ihn jeder verstehen.“
Bericht einer Zeitzeugin der zweiten Generation
Die Plakette in Theresienstadt wurde feierlich am 22. März enthüllt. Tomáš Výchopeň ist stellvertretender Leiter der Gedenkstätte und war bei dem Festakt anwesend:
„Die Enthüllungen sind oft eine ziemlich formale Angelegenheit, bei der ein Kulturstadtrat seine Pflicht erfüllt. Ein ernster und pietätvoller Moment ist es immer. Aber dieser Akt war außergewöhnlich.“
Dies habe Výchopeň zufolge unter anderem daran gelegen, dass zu den zahlreichen Gästen auch Michal Saar Bleiweiss gehörte. Sie ist die Tochter von Manfred Katz, der 1945 nach Theresienstadt deportiert wurde. Katz überlebte den Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er nach Israel, wo seine Tochter Michal Bleiweiss geboren wurde und bis heute lebt.
Die Geschichte ihres Vaters hat Michal Bleiweiss im Vorfeld des Schüleraustauschs den Jugendlichen des Lyonel-Feininger-Gymnasiums erzählt. Vermittelt wurde die Begegnung durch den Verein Zeit-Geschichte(n) in Halle. Im Interview für Radio Prag International schilderte Bleiweiss, dass es für sie bewegend, aber auch schockierend gewesen sei, Theresienstadt zu besuchen:
„Ich war überrascht, als ich dort ankam. Es gibt viele Filme, und man hat zahlreiche Geschichten darüber gehört. Aber als wir dort standen, hat uns diese riesige Dissonanz zwischen dem, was unsere Augen sahen, und dem, was dort passiert ist, überrascht. Mein Vater musste dort Zwangsarbeit leisten. Und nun dazu stehen und eine ganz normale Stadt zu sehen, das war irgendwie ein Schock. Mit 18 Jahren war ich in Dachau, was damals dramatisch für mich war. Auch in Majdanek, Auschwitz und an anderen Orten sieht man das, was man bereits weiß. Aber in Theresienstadt ist das anders.“
Novemberpogrome veränderten alles
Der Vater von Michal Bleiweiss, Manfred Katz, wurde 1928 geboren. Mit elf Jahren wurde er von der Schule ausgeschlossen. Bleiweiss berichtet:
„Seine Welt veränderte sich rapide mit der ‚Kristallnacht‘. Mein Großvater, Willy Katz, wurde von Gestapo-Leuten aus der Wohnung abgeholt. In diesem Moment kam mein Vater gerade aus der Schule zurück. Er fragte seinen Vater, wohin er gehen würde. Der meinte nur, er müsse verreisen. Die Wahrheit konnte er ja nicht verraten. Mein Großvater wurde zu Tode geprügelt. Er erlag fünf Wochen später seinen Verletzungen.“
Manfred Katz verließ Halle und besuchte fortan die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem bei Hannover.
„Im September 1939 kam er zurück nach Halle. Er war elf Jahre alt und musste Zwangsarbeit auf dem jüdischen Friedhof leisten. Er wurde gezwungen, Gräber für die Juden auszuheben, die gestorben waren. Er musste Menschen bestatten. Das ist keine leichte Kindheit. Das ist eine furchtbare Kindheit.“
Laut den Informationen auf der Webseite der Stadt Halle wurden Manfred Katz und seine Schwester Ruth am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. An den Moment der Abreise in Halle erinnerte sich Katz später in seinen Memoiren:
Meine Mutti verlangte, mit uns zusammen deportiert zu werden, doch die Gestapo genehmigte dies nicht. Nach unserer Verladung in Güterwagen, während des Rangierens im Güterbahnhof, sah ich noch einmal meine Mutti durch die Luftluke, wie sie von der SS weinend, mit Maschinengewehren zurückgestoßen wurde, denn sie hatte unseren Waggon erkannt.
Laut den Recherchen vom Verein Zeit-Geschichte(n) wurden in dem Transport zehn Menschen von Halle nach Theresienstadt gebracht. Da Dresden kurz vorher bombardiert worden war, musste der Zug einen Umweg nehmen und traf erst am 18. Februar in Theresienstadt ein.
An seine Zeit im Konzentrationslager erinnerte sich Manfred Katz später wie folgt:
In Theresienstadt arbeitete ich täglich 12 Stunden im Arbeitseinsatz im Tiefbau. Durch ungenügende Ernährung und harte Arbeit magerte ich schnell ab und verfiel an Kräften. Es war eine der Höllen auf Erden.
Hölle auf Erden
Die Hölle endete, als die Rote Armee am 8. Mai 1945 Theresienstadt befreite. Manfred Katz ging zunächst zurück in seine Heimatstadt. Kurz darauf zog die Familie nach Berlin um, wo Katz eine Anstellung fand. Später bekamen er, seine Schwester und die Mutter Gertrud die Gelegenheit, in die USA auszuwandern. Doch es kam anders, wie Bleiweiss schildert:
„Meine Großmutter sagte, jüdische Menschen sollten nach Israel gehen. Das Land wurde im Mai 1948 gegründet, und im August 1948 kam mein Vater dort an.“
Später begann Manfred Katz, seine Geschichte aufzuschreiben und Halle öfter zu besuchen. Vor seiner Tochter sprach er aber nur wenig über die Zeit in Theresienstadt…
„Ich wusste natürlich, dass er im Holocaust war und dass er eine schwierige Zeit durchgemacht hatte – aber nicht, weil er es mir erzählt hat, sondern einfach, weil ich nachts seine Schreie gehört habe, wenn er wieder Albträume hatte. Meine Eltern waren sehr liebevoll, und mein Vater hatte beschlossen, dass wir mit Liebe und Fürsorge aufwachsen sollen – und ohne all die Erinnerungen, die er durchmachen musste. Wir haben zuhause also nie darüber gesprochen. Aber es war immer da. Mein Vater hatte stets ein Stück Brot in seiner Hosentasche. Als wir älter wurden, tauschte er es gegen Waffeln und Süßigkeiten aus. Er tat dies, weil er im KZ Hunger leiden musste.“
Manfred Katz starb 2018 im Alter von 90 Jahren. Seiner Tochter hatte er vorher eine Kiste hinterlassen:
„Er hat immer gesagt, dass ich sie aufmachen soll, wenn er einmal nicht mehr da ist. Was wir darin gefunden haben, hat uns das Herz gebrochen. Da war der originale gelbe Stern, den er tragen musste, und Dokumente vom Dritten Reich.“
Auch das Tagebuch aus Theresienstadt hat Bleiweiss in der Box gefunden. Die Kraft, es ganz zu lesen, hatte sie bisher noch nicht.
Stolpersteinverlegung für Familie Katz in Halle
Vom Schicksal ihres Vaters zu erzählen, das sieht Michal Bleiweiss heute als ihre Aufgabe an.
„Er wollte, dass die Menschen seine Geschichte kennen und sie am Leben bleibt. Es erfüllt mich mit Glück, seinem Wunsch nachzukommen.“
Entsprechend viel bedeute es ihr, so Bleiweiss, dass sie die Schüler aus Halle und Prag bei der Beschäftigung mit dem Thema unterstützen konnte.
Am vergangenen Montag wurden in Halle Stolpersteine für Manfred und Ruth Katz sowie für ihre Mutter Gertrud verlegt. An Willy Katz, der 1938 von den Nazis ermordet wurde, wird am einstigen Wohnort in der Adolf-von-Harnack-Straße schon länger erinnert.
Michal Bleiweiss und ihr Ehemann Mark wohnten der Stolpersteinverlegung bei. Die Patenschaft für das Mahnmal haben die Elftklässler aus dem Geschichtskurs des Lyonel-Feininger-Gymnasiums übernommen. Ihr Austausch mit der tschechischen Partnerschule ist zwar offiziell beendet. Im September wollen einige Prager aber auf eigene Faust in die Saalestadt reisen. Im Gespräch äußerten die Schüler aus Halle große Vorfreude auf den Besuch aus Tschechien. Man wolle den Pragern die eigene Stadt vorstellen, hieß es. Vielleicht zeigen die Hallenser ihren Altersgenossen ja auch die Stolpersteine für Familie Katz.









