Hoffnung und Bestürzung im KZ Theresienstadt: Die Befreiung im Schatten einer tödlichen Seuche

Ghetto Theresienstadt

Theresienstadt beziehungsweise Terezín – eine militärische Festung mitten in Böhmen, die nie zu ihrem ursprünglichen Zweck gedient hat. Sie wäre im Laufe der Geschichte vielleicht unbemerkt geblieben, hätten die Nationalsozialisten aus Theresienstadt nicht ein Konzentrationslager für Juden gemacht. Erst am 8. Mai 1945 wurde die Stadt befreit. Doch die Hoffnung und Freude darüber wich schnell einem weiteren Schrecken: Tausende Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern kamen in die Stadt und schleppten Typhus ein.

„Plötzlich ritt ein russischer Soldat auf einem Pferd vorbei. Wir winkten, denn damals waren die Russen unsere Befreier. Er ritt heran und nahm ein Kind nach dem anderen in seinen Sattel. Das ist für mich das Symbol der Befreiung: Wie ich auf diesem Pferd reite, fest umschlungen, erfüllt von einem Gefühl der Sicherheit. Das Pferd trägt mich über die Wiese. Und ich spüre zum ersten Mal die Farben. Es ist, als hätte ich die Farben der Welt bis dahin nicht wahrgenommen. Plötzlich sehe ich grünes Gras und blauen Himmel. Und blühende Bäume. Und das Böhmische Mittelgebirge im Hintergrund. Ich sehe auf einmal die Welt. Ich glaube, das war das erste Gefühl von Freiheit.“

Grünes Gras und blauer Himmel

Michaela Vidláková | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Mit diesen Worten beschreibt Michaela Vidláková die Befreiung, die sie im Konzentrationslager beziehungsweise Ghetto Theresienstadt im Mai 1945 erlebte. Sie wurde 1942, kurz vor ihrem sechsten Geburtstag dort inhaftiert, und war eine der mehr als 140.000 jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die von 1941 bis 1945 nach und nach in Theresienstadt interniert waren. 87.000 von ihnen mussten in Transporte steigen, die sie in andere KZ oder in Vernichtungslager brachten. In Theresienstadt selbst starben etwa 35.000 Menschen. Nur ein Bruchteil der Häftlinge erlebte das Ende des Krieges. Im Studio bei mir ist Vojtěch Blodig, Historiker und stellvertretender Direktor der Gedenkstätte Terezín.

Theresienstadt respektive Terezín wurde am 8. Mai 1945 befreit. Herr Blodig, was war Theresienstadt eigentlich in den Kriegsjahren? Man spricht von einem Ghetto, von einem Sammellager, von einem Konzentrationslager. Welcher Begriff ist richtig?

Vojtěch Blodig | Foto:Hana Řeháková,  Radio Prague International

„In Theresienstadt und der nächsten Umgebung befanden sich die drei größten repressiven Einrichtungen der Okkupanten im ‚Protektorat Böhmen und Mähren. Das Ghetto war natürlich nicht ein Ghetto in der originalen Bedeutung des Wortes, sondern ein Konzentrationslager für Juden. Dort wurden sie versammelt, bevor sie zur sogenannten Sonderbehandlung deportiert, das heißt in den Tod geschickt wurden. Des Weiteren gab es in der Kleinen Festung in Theresienstadt seit 1940 ein Gefängnis der Gestapo. Und im Jahre 1944 wurde in der Nachbarstadt Litoměřice / Leitmeritz ein Konzentrationslager eingerichtet, dessen Gefangene in der dortigen unterirdischen Fabrik arbeiteten. Das Ghetto Theresienstadt wurde im November 1941 angelegt, ursprünglich für die Juden aus dem damaligen ‚Protektorat Böhmen und Mähren‘. Relativ kurz danach wurde entschieden, dass Theresienstadt auch als ein Altersghetto für die Juden aus dem sogenannten Reich dienen soll. Seit der Mitte des Jahres 1942 kamen auch Transporte mit Juden aus Deutschland und Österreich, damals der sogenannten Ostmark, und später ebenfalls aus den Niederlanden, Dänemark und kurz vor dem Kriegsende aus Ungarn und der Slowakei nach Theresienstadt. Von der Einrichtung des Ghettos im November 1941 bis Ende April 1945 wurden insgesamt 140.000 Gefangene dorthin geschickt. Und in den letzten Tagen des Krieges, beginnend am 21. April 1945, kamen noch die sogenannten Evakuations-Transporte und Todesmärsche hinzu.“

Insgesamt 140.000 Häftlinge wurden im Laufe des Krieges nach Theresienstadt deportiert. Wie viele sind in der Stadt geblieben? Und wie viele mussten weiter in die Vernichtungslager im Osten?

„Ein Viertel der Häftlinge starb noch in Theresienstadt. Es blieben nur wenige. Das waren Leute, die für den Betrieb des Lagers nötig waren, vor allem technische Kräfte. Des Weiteren gab es die sogenannten Privilegierten, also die Leute, die man aus verschiedenen taktischen Gründen ausnützen wollte. Aber auch sie traten fast alle am Ende des Krieges die ‚Reise Richtung Osten‘ an und wurden in Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet.“

Foto repro:  Neznámí hrdinové Krotitel esesáků/ČT

Wie sah das Leben in Theresienstadt aus?

„Es gab dort Gruppen, in denen die Häftlinge Arbeit für das Funktionieren des Lagers ausüben mussten. Aber Theresienstadt war nie ein bedeutender Ort der Produktion. Ein Viertel der Häftlinge, das heißt etwa 35.000 Menschen starben in Theresienstadt. Weitere fast 88.000 Häftlinge wurden in die schon genannten Orte des Schreckens deportiert. Von ihnen haben nach bisherigen Forschungen nicht ganz 4000 überlebt. Die Todesrate war wirklich drastisch.“

Bewohnten die Häftlinge die früheren Kasernen in der Stadt, oder wie wurde das organisiert?

„Anfangs, in der Zeit bevor Theresienstadt auch zum Reichsaltersghetto wurde, waren die Häftlinge nur in den Gebäuden der Kasernen untergebracht. Theresienstadt war früher eine Festung- und Garnisonstadt, und es gab dort elf große Kasernengebäude. Die Internierten durften sich nur unter Eskorte in der Stadt bewegen. Aber nach Ende Juni 1942 wurde die ganze Stadt zu einem Konzentrationslager, und die einheimischen Bewohner mussten sie verlassen.“

Waren das Tschechen oder Deutsche?

Theresienstadt | Foto repro: Neznámí hrdinové Krotitel esesáků/Czech television

„Vor dem Krieg wohnten 3000 Tschechen und etwa 300 Deutsche in Theresienstadt. Alle mussten die Stadt verlassen, aber natürlich geschah dies für die Deutschen unter ganz anderen Bedingungen. Denn die Tschechen, die ihr Eigentum in Theresienstadt hatten, bekamen nur eine kleine Entschädigung. Für die Deutschen war es hingegen möglich, bessere Wohnungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu finden und auch eine größere Entschädigung zu bekommen. Die Entschädigungen wurden aus dem sogenannten Auswanderungsfonds bezahlt. Dieser wurde von der Gestapo verwaltet und entstand aus dem konfiszierten Vermögen der Juden. Man könnte zynisch sagen, dass die Juden selbst die Errichtung des Konzentrationslagers für sich bezahlen mussten.“

Befreit, aber nicht freigelassen

Die Befreiung sollte der glücklichste Moment nach langen Jahren des Krieges und des Leidens sein. Doch obwohl der Krieg zu Ende war, ging der Kampf ums Leben weiter. Theresienstadt wurde von einem anderen Feind beherrscht – dem Flecktyphus. Trotz aller Bemühungen des medizinischen Personals erlagen auch nach der Befreiung noch etwa 1500 Menschen der Typhusepidemie, die dort ausbrach. Michaela Vidláková erinnert sich:

Michaela Vidláková | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Es gab eine Quarantäne, also durften wir nicht weg. Eines der traurigen Dinge, an die ich mich erinnere, waren diese lebenden Leichen der Todesmärsche, die in Viehwaggons dort ankamen. Ich erinnere mich an das Ende des Krieges: Wir hofften schon, dass die Russen kommen würden, aber es war die letzte Gruppe von Deutschen, die vorbeizogen. Sie warfen eine Handgranate über den Zaun. Ich hörte, dass jemandem ein Bein weggesprengt wurde, das war für mich kaum vorstellbar. Das sind also meine Kindheitserinnerungen an das Kriegsende. Und dann mussten wir weiter in Theresienstadt bleiben, aber immerhin gab es mehr Essen und solche Dinge.“

Herr Blodig, werfen wir jetzt einen Blick auf die letzten Monate des Krieges. Sie haben es schon erwähnt: Je weiter die Front nach Westen vorrückte, desto mehr Konzentrationslager im Osten und in Deutschland wurden geräumt, und es kamen neue Häftlinge nach Theresienstadt. Wie viele waren es, und woher kamen sie konkret?

„Sie kamen aus praktisch allen Konzentrationslagern, die durch die heranrückende Front aus der Sicht der SS und des Staatsapparates in Gefahr gerieten. Die erste größere Einrichtung dieser Art war das KZ Majdanek, in dem die Rote Armee eine Menge an Beweisen über die dort verübten Verbrechen sammelte. SS-Reichsführer Heinrich Himmler befahl damals, dass unbedingt alle Konzentrationslager vor der heranrückenden Front geräumt werden müssen. Es wurden Evakuationstransporte und Todesmärsche organisiert, und mit diesen kamen mehr als 15.500 Menschen nach Theresienstadt. Inklusive der etwa 17.000 Häftlinge, die schon dort waren, befanden sich dann mehr als 30.000 Personen vor Ort. Und die Menschen aus den Transporten waren in einem schrecklichen Zustand, sie waren hungrig, und viele von ihnen litten an verschiedenen Krankheiten, die sie nach Theresienstadt einschleppten. Am 6. Mai traf zum Beispiel ein Transport ein, bei dem man mehrere Dutzend Tote aus den Waggons zog. Für die Häftlinge in Theresienstadt war das sehr schockierend. Besonders für diejenigen, deren Verwandte und Familienmitglieder früher in den Osten deportiert worden waren, war es ein Schock, weil sie sahen, was sie in den Zielstätten der Transporte erwartet hatte.“

Davon wussten die Inhaftierten zuvor nichts? Sie hatten keine Ahnung, was da weiter passiert hat?

Zug von Bergen-Belsen nach Theresienstadt befreit von der amerikanischen Armee | Foto: US Army Signal Corps,  public domain

„Nicht in diesem Ausmaß. Man konnte schon zuvor hören, was in der Todesfabrik in Auschwitz-Birkenau geschehen war, weil die slowakischen Transporte, die nach Theresienstadt kamen, bereits Informationen darüber hatten. Die Leute in Theresienstadt wollten es nicht glauben, aber nach der Ankunft dieser Evakuationstransporte war es ganz klar. Zudem kamen manche ehemalige Häftlinge aus dem Ghetto Theresienstadt, die den Arbeitseinsatz im Osten überlebt haben, zurück und wurden aber von ihren früheren Mithäftlingen nicht erkannt, weil sie in so einem erbärmlichen Zustand waren.“

Welche Stimmung herrschte damals in Theresienstadt? Einerseits näherte sich das Kriegsende, das hätte Hoffnung bringen können, andererseits war man mit solchen schrecklichen Sachen konfrontiert…

„Die Stimmung war natürlich sehr dramatisch. Manche Häftlinge haben versucht, die Stadt zu verlassen, sobald es möglich war. Die Anderen hatten das Gefühl, etwas tun zu müssen und zu helfen. Dies traf besonders auf jüdische Ärzte und Sanitäter zu, die schon zuvor im ärztlichen Dienst des Ghettos gedient hatten und auch nach dem Kriegsende dort blieben. Die Lage änderte sich dann dramatisch, und man musste eine strenge Quarantäne für 15 Tage verhängen. In dieser Zeit kamen auch tschechische Ärzte und Sanitäter von der Tschechischen Hilfsaktion (Česká pomocná akce) nach Theresienstadt, und zwischen 11. und 13. Mai ebenso Mitglieder des sowjetischen Militärsanitätsdienstes. Es gab provisorische Feldkrankenhäuser, Entlausungsstationen, Desinfizierungsstätten und so weiter. Das verhalf dazu, dass kurz vor Ende Mai 1945 die Quarantäne beendet und mit der Repatriierung begonnen werden konnte. Die Zusammensetzung der Häftlinge war durch die Evakuationstransporte sehr international. Während der Repatriierung wurden ehemalige Bürger von 30 Staaten gezählt. Die Todesrate sank langsam, aber trotzdem waren die Verluste an Leben sehr hoch. Insgesamt 1566 Menschen starben erst nach der Befreiung. Die Repatriierung lief sehr langsam. Es gab jüdische Menschen aus Deutschland, Österreich oder Polen, die in vielen Fällen nicht in ihre früheren Wohnorte zurückkehren wollten. Manche kamen in die sogenannten Camps for Displaced Persons und blieben bis 1947 in diesen Lagern. Die meisten emigrierten dann nach Nordamerika, vor allem in die Vereinigten Staaten, und manche, besonders ehemalige Häftlinge aus Polen, nach Palästina.“

Das Konzentrationslager Theresienstadt wurde am 8. Mai befreit. An dem Tag erreichte die Rote Armee die Stadt. War das eigentlich ein Umbruch, oder wie verlief dieser Tag? Die Häftlinge wurden zwar befreit, aber danach nicht freigelassen, sie mussten da bleiben. Was bedeutete die Befreiung also?

Befreiung von Theresienstadt | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

„Es war natürlich eine sehr komplizierte Lage, aber im Großen und Ganzen waren alle glücklich, dass es vorbei ist. Noch am Nachmittag des 8. Mai zogen Truppen von Wehrmacht und SS vorbei und schossen einfach aus Wut in die Stadt. Es gab einige Schwerverletzte und zwei Tote. Der Krieg endete auf diese sehr dramatische Weise, und die ersten sowjetischen Panzer kamen am späten Nachmittag des 8. Mai. Sie fuhren nicht in die Stadt, sondern weiter Richtung Prag, aber es war klar, dass man jetzt frei ist. Wie ich schon erwähnt habe, verließen einige Tausend Menschen  Theresienstadt. Dann wurde aber die Quarantäne verhängt. Der Kampf gegen die Epidemie kostete auch mehrere Menschenleben auf Seiten der Ärzte und Sanitäre. Es waren 43 verbliebene jüdische Ärzte und Sanitäter sowie vier Personen aus den tschechischen Freiwilligen-Hilfskorps. Sicher starben auch mehrere Mitglieder des Sanitätsdienstes der Roten Armee, aber diese Zahlen werden von den Russen verheimlicht.“

Was für Quellen stehen heute zur Verfügung, wenn es um Informationen über das KZ Theresienstadt geht? Hat zum Beispiel die Gestapo im Protektorat vor dem Kriegsende ihre Dokumente, Materialien, ihr Archiv vernichtet?

„Es ist nicht so schlecht, weil die jüdische Selbstverwaltung damit gerechnet beziehungsweise gehofft hatte, dass man eines Tages die Wahrheit über das Leben im Ghetto veröffentlichen darf. Sie verbarg die Materialien, die in der KZ-Verwaltung entstanden sind, und hob sie für die Zukunft auf. Zudem existiert eine Menge von Zeitzeugenaussagen in aller Welt. Und es gibt heute ein Netzwerk von Institutionen, die sich mit dieser Problematik beschäftigen und die Archivmaterialien, die digitalisiert sind, der breiteren Forschergemeinschaft zur Verfügung stellen. Das ist also viel besser, als manche denken.“

Vojtěch Blodig | Foto:Hana Řeháková,  Radio Prague International