Zeman versus Zaorálek: Wolhynien-Tschechen werden zum Politikum

Foto: ČT24

Etwa 5000 Menschen mit tschechischen Wurzeln leben in der Ukraine, die meisten davon in der Region Wolhynien im Nordwesten des Landes. Seitdem in der Ukraine der bewaffnete Konflikt tobt, gibt es Spekulationen, Dutzende der Wolhynien-Tschechen wollten in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren. Rechtlich steht dem Nichts entgegen, Einreisewillige können sich ganz regulär an die tschechischen Behörden wenden. Doch ob die Wolhynien-Tschechen ausreichend Unterstützung erhalten, darüber ist sich die Politik hierzulande uneins.

Lubomír Zaorálek (Foto: Petra Čechová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Als Außenminister Lubomír Zaorálek Mitte September die Wolhynien-Tschechen im ukrainischen Schitomir besuchte, sah es nach einer Kehrtwende aus. 40 Familien hatten im März bei Staatspräsident Zeman um eine Repatriierung ersucht. Doch nach seinem Ortsbesuch sagte Zaorálek, dass weitaus weniger Personen Interesse an der Rückkehr nach Tschechien hätten. Vergangene Woche erneuerte nun Věra Doušová das Repatriierungsgesuch. Sie ist eine Fürsprecherin der Wolhynien-Tschechen hierzulande. Adressat war wiederum Staatspräsident Zeman, der sich bereits mehrmals vehement für die tschechische Minderheit aus der Ukraine eingesetzt hat. Věra Doušová im Tschechischen Rundfunk:

Věra Doušová (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Nun haben sich auch Familien aus den Kriegsgebieten angeschlossen, das heißt aus den Gebieten Simferopol, Mariupol, Donezk und Saporoschje. Das sind noch einmal etwa 37 Familien. Das heißt, ich habe nun eine Liste von etwa 75 Familien beisammen, die nach Tschechien umsiedeln wollen, und ich wäre froh, wenn ihnen die Tschechische Republik helfen würde.“

Zeman reagierte prompt. Nach Meinung des Staatspräsidenten erhalten die Wolhynien-Tschechen hierzulande zu wenig Unterstützung. Die Schuld dafür gibt er dem tschechischen Botschafter in Kiew:

„Ich habe dem Außenminister schon gesagt, dass ich tief enttäuscht bin von der Arbeit der tschechischen Botschaft in Kiew. Sie hat kein gutes Verhältnis zu den Wolhynien-Tschechen. Darum habe ich mich entschlossen, die Liste von 232 Personen, die um eine Repatriierung ersuchen, am 18. Oktober Innenminister Chovanec zu übergeben.“

Wolhynien-Tschechen (Foto: ČT24)
Botschafter Ivan Počuch wies die Kritik zurück. Die Wolhynien-Tschechen seien ihm ein großes Anliegen. Doch er habe erst aus den Medien von der Rückkehrerliste erfahren, sagte er dem tschechischen Nachrichtenserver idnes. Sein Dienstherr Zaorálek stellte sich hinter Botschafter Počuch. Die Türen für Wolhynien-Tschechen stünden offen, so Zaorálek wörtlich.

Dem Außenministerium lägen keine glaubwürdigen Informationen vor, die irgendeinen Zweifel an der Arbeit der Botschaft in Kiew aufkommen ließen, ergänzte eine Ministeriumssprecherin am Sonntag im Tschechischen Fernsehen. Das Ressort prüfe derzeit das erneute Gesuch. Auch Premier Bohuslav Sobotka schaltete sich am Wochenende ein. Im Tschechischen Fernsehen äußerte der Premier Zweifel an der Glaubwürdigkeit der vorliegenden Liste:

Wolhynien (Quelle: ČT24)
„Zunächst muss man alle Umstände in dieser Sache genau prüfen. Denn derzeit liegen ganz unterschiedliche Angaben darüber vor, wie diese Unterschriftensammlung der Menschen, die aussiedeln wollen, zustande gekommen ist.“

Der Vertreterin der Wolhynien-Tschechen in Schitomir, Ludmila Čiževská, etwa ist zum Beispiel gar keine Liste von emigrationswilligen Landsleuten bekannt, wie sie auf Nachfrage von idnes mitteilte. Fraglich ist weiterhin, ob Zeman so sehr am Wohl der Wolhynien-Tschechen interessiert ist, wie er vorgibt. Die Tageszeitung Lidové noviny berichtete im August, dass Zeman gegen den Willen von Außenminister Zaorálek lieber einen anderen Botschafter in Kiew sähe. Es handelt sich um Antonín Murgaš, den Sprecher der Brünner Firma Alta. Sie stellt Werkzeugmaschinen und technologische Anlagen her und liefert diese hauptsächlich nach Russland und in die Ukraine.