Massenhafte Rückkehr der Wolhynien-Tschechen steht nicht bevor – Beweggründe für Gesuch vom März sind unklar

Foto: Szender László, CC BY-SA 3.0

Seit März ist öfter von dieser Minderheit zu hören. Die Wolhynien-Tschechen leben seit Jahrhunderten in der Ukraine. Seitdem die politische Lage in der Ukraine immer gespannter wurde, gab es Spekulationen, sie wollten in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren. Doch eine massenhafte Rückkehr der Wolhynien-Tschechen steht wohl nicht bevor. Dies ergab sich am Mittwoch beim Besuch des tschechischen Außenministers Lubomír Zaorálek im ukrainischen Schitomir.

Willkommen in Wolhynien (Foto: Szender László, CC BY-SA 3.0)
Der tschechische Außenminister Lubomír Zaorálek hat am Mittwoch die Westukraine besucht. In Schitomir, einer Stadt etwa 120 Kilometer westlich von Kiew, informierte er sich über die Lage der dort lebenden tschechischen Minderheit, der so genannten Wolhynien-Tschechen. Zaorálek folgte mit seiner Reise einer Aufforderung von Staatspräsident Miloš Zeman. Vergangene Woche hatte der tschechische Staatspräsident dazu aufgerufen, den ukrainischen Tschechen die Rückkehr in ihre frühere Heimat zu ermöglichen. Nach dem Treffen vom Mittwoch sagte Zaorálek jedoch, er habe nicht den Eindruck, dass die Wolhynien-Tschechen aufgrund der politischen Situation die Ukraine verlassen wollten:

Lubomír Zaorálek (Foto: ČTK)
„Ich habe kein massives Interesse gesehen. Sie wollen die Tschechische Republik lediglich besuchen und eventuell langfristige Aufenthaltsgenehmigungen erhalten. Die Lage und die Atmosphäre, die hier herrscht, macht es aber nicht notwendig, dass wir einen Massenexodus organisieren.“

Präsident Zeman hatte vergangene Woche erklärt, dass angesichts der unruhigen Lage in der Ukraine rund 40 tschechische Familien von dort nach Tschechien zurückkehren wollten. Er würde ihre Repatriierung unterstützen, so Zeman. Daraufhin wandte er sich an Innenminister Milan Chovanec und bat darum, dem Wunsch der 40 Familien zu entsprechen. Minister Chovanec:

Milan Chovanec (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Wir haben die Forderung des Staatspräsidenten ernst genommen. Von entscheidender Bedeutung ist für uns aber der Standpunkt des Außenministeriums. Ich würde die Position des Außen- und des Innenministeriums im Moment als sehr zurückhaltend bezeichnen.“

Unklar sind nun die Hintergründe für das Gesuch von Wolhynien-Tschechen vom März dieses Jahres. Damals hatten 40 Familien die tschechische Regierung um eine erleichterte Rückkehr nach Tschechien gebeten. Ein Vertreter der Vereinigung der Wolhynien-Tschechen, von der das Gesuch ausging, sagte am Mittwoch, er wisse nichts von diesen Familien. Die Absenderin des Gesuchs war die ehemalige Vorsitzende der Vereinigung in der Region Schitomir. Sie hat ihren Wohnsitz jedoch bereits in Tschechien.

Wolhynien (Quell: Francis McLloyd, Wikimedia)
Die Tschechen in der Ukraine wünschen sich heute vor allem einfachere Bedingungen für Reisen nach Tschechien und die Aussendung eines weiteren Tschechisch-Lehrers in die Ukraine. Für einen Umzug sehen sie aber keinen Grund. Der 77jährige Stanislav Sláma:

„Jüngere Menschen wünschen sich vielleicht ein besseres Leben und wollen nach Tschechien oder anderswohin fahren. Wir, die ältere Generation, haben keinen Grund dazu.“

Von dem Gesuch der 40 Familien, die aus Sicherheitsgründen eine Repatriierung beantragt hatten, weiß Sláma nichts. Lena Lagowska arbeitet beim Radiosender der Wolhynien-Tschechen. Sie hat sich mit dem Antrag beschäftigt und wollte die Beweggründe herausfinden:

Lena Lagowska (Foto: Archiv Radio Prag)
„Ich habe nachgeforscht, ob jemandem etwas Böses getan wurde. Ich habe mich an die Polizei gewandt und dort festgestellt, dass es keine Fälle von Bedrohung gab.“

Dem tschechischen Außenministerium zufolge leben in der Ukraine rund 5.000 Menschen, deren Vorfahren aus den Böhmischen Ländern stammen und sich überwiegend im 19. Jahrhundert in Wolhynien niederließen. Der ukrainische Historiker Petro Oleschko:

„Mit den Tschechen hat sich der Lebensstandard der hiesigen Bevölkerung verbessert. Sie waren ein Beispiel für die europäische Kultur. Mit ihnen ist schon damals ein wenig Europa in diese Gegend gekommen.“

Ein Teil der in der Ukraine lebenden Tschechen kehrte später in die Heimat ihrer Vorfahren zurück. Die ersten Wolhynien-Tschechen kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tschechoslowakei. In den Jahren 1991 bis 1993 gab es eine zweite Rückkehrer-Welle.