Zwischen Psychedelik und Kindermusik: Deutsches Klangprojekt „Die Lampe“ in Prag

Christoph Rothmeier ist in Lindau am Bodensee geboren und hat Bildende Kunst in Hamburg und Frankreich studiert. Am Dienstag ist er mit seinem neuen Klangprojekt in Prag. Es heißt „Die Lampe“. Dabei versetzt Rothmeier die Zuschauer in ein mystisches Wohnzimmer, in dem der Lampenschirm zu leben beginnt. Auf der Bühne trägt Christoph Rothmeier sogar einen Lampenschirm auf dem Kopf. Im Folgenden ein Interview mit dem Klangkünstler. Unter anderem verrät er, was unter dem Lampenschirm steckt und was die Besucher bei seinem Auftritt erwartet.

Herr Rothmeier, ich bin auf Ihr Projekt „Die Lampe“ aufmerksam geworden. Sie sind Ende September damit auch in Prag unterwegs. Vielleicht können Sie erst einmal erklären, was denn das Projekt „Die Lampe“ überhaupt ist?

Foto: Emilie Canalda

„Die Lampe gibt es eigentlich erst seit Kurzem. Davor stand ich aber mit demselben Kostüm auch schon auf der Bühne und war relativ viel auf Festivals unterwegs. Ich habe dann eine Einladung bekommen, ein DJ-Set in der Kunstbrücke in Berlin zu machen, und da kam dann die Idee, ganz viel Material zu verwenden, das ich selbst produziert hatte. Auf einmal war ‚Die Lampe‘ ein Live-Act. Seitdem spiele ich dieses Jahr relativ viel – sogar schon drei, vier Mal. Das ist gar nicht schlecht für das erste Jahr mit der Lampe. Ich spiele in Frankreich, Hamburg, Berlin und überall, wo es eine kleine Bühne gibt und wenig Licht natürlich.“

„Die Lampe“ ist also gar kein geplantes Projekt?

„Das ist einfach so entstanden. Ich stand mit zwei, drei Freunden an einer Bar und meinte: Ich bin diese Lampe. Wie soll ich das nennen? Und dann meinte irgendjemand einfach: Die Lampe? Und ich so: Ja, das hat Sinn. Dann heißt es jetzt ‚Die Lampe‘.“

Passend zu dem Namen tragen Sie bei ihren Performances einen Lampenschirm auf dem Kopf. Wie unterstützt das Ihre Darbietung?

„Das Schlimmste für mich ist, dem Publikum in die Augen zu gucken, wenn ich auf der Bühne stehe.“

„Das, glaube ich, hat mit meiner künstlerischen Arbeit zu tun und auch mit meiner Bühnenangst. Das Schlimmste für mich ist, dem Publikum in die Augen zu gucken, wenn ich auf der Bühne stehe. Es sei denn, man ist Profi. Und ich bin kein Profi. Ich bin auch kein Musiker. Ich komme aus der bildenden Kunst. Und auf der Bühne zu stehen, ist für mich immer sehr, sehr aufregend.“

Haben Sie denn schon öfter Projekte dieser Art gemacht, bei denen Sie vor Publikum aufgetreten sind?

„Damals fing alles mit einer Schulband an. Da hat mir jemand mal gesagt, dass ich aussähe wie ein Bassist. Und dann habe ich immer irgendwelche Instrumente gespielt, die gerade gefehlt haben. Später hatte ich auch meine eigene Band mit Jörg Hochapfel zusammen, die Hungerband. Wir haben jahrelang zusammen Musik gemacht, und es ging viel um musikalische Unfälle und wie man sie aus der Musik provozieren kann. Dann kamen die ersten Solo-Projekte, bei denen ich alleine auf der Bühne gespielt habe mit Schlagzeug, Keyboard und Gesang gleichzeitig. Damals hatte ich schon Masken, Kapuzen oder ähnliches auf. Allerdings hat das Wechseln der Kapuze länger gedauert als die Stücke selbst. Dadurch bin ich, glaube ich, auch ein bisschen abgehärtet, was das Alleine-auf-der-Bühne-Stehen angeht. Und ich liebe es natürlich auch, obwohl ich Angst davor habe.“

Sie haben es gerade schon einmal erwähnt: Auf ihrer Website reichen ihre Einträge bis 1996 zurück. Zu der Zeit waren Sie schon in Ihrer „Hungerband“ mit Jan Hochapfel. Ab da kam nahezu jedes Jahr ein neues Projekt von Ihnen zustande. Wie lange wollen Sie diese Art von Kunst noch weiterführen?

Foto: Emilie Canalda

„Ich weiß nicht, bis zum Umfallen? Es wird einfach nicht langweilig. Besonders weil ich selbst kein Musiker bin und die Instrumente, die ich in die Hand nehme, immer so neu für mich sind. Das ganze Ausprobieren hat auch etwas sehr Kindliches. Es macht unglaublich Freude, Sachen zu entdecken, sie zu verarbeiten und etwas damit zu machen. Gleichzeitig gibt es aber die Recherche für bestimmte Orte und Geschichten, die man so als Künstler auch macht. Man fängt Geschichten auf, verarbeitet sie in Audioinstallationen oder Audio-Walks. Die Lampe ist tatsächlich eher ein Spaßprojekt. Das funktioniert ein bisschen als ein Witz, weil es eigentlich immer komplexer und die Musik immer spannender wird.“

Wieso haben Sie sich Prag als Auftrittsort ausgesucht?

„Prag ist natürlich fantastisch. Ich bin ein totaler Fan von Karel Zeman, dem Animationsfilmemacher. Die Stadt hat auch so eine gewisse Aura. Es geht ein bisschen um Märchenfiguren, und die Stadt selbst strahlt etwas Fantastisches und Surreales aus. Konkret werde ich aber in Prag auftreten, weil ich die Musik für ein Theaterstück mache. Das Ganze ist eine Zusammenarbeit des Theaters Divadlo X 10 und der Schaubühne in Leipzig. Es gibt zwei Theaterstücke, und ich mache für den Regisseur, Andrej Stefanec, die Musik. Das Stück heißt 120 Ochsen und kommt hoffentlich im Mai 2026 auch nach Prag. Im Mai dieses Jahres fand schon die Uraufführung dieses Theaterstückes in Leipzig statt. Und da wir jetzt im September auch eine Session beim Theaterfestival in Kutná Hora hatten, dachte ich, ich versuche mal, mit der Lampe einen Gig in Prag zu bekommen. Das hat geklappt, und ich freue mich sehr darüber.“

Sie haben schon erwähnt, dass „Die Lampe“ eher ein Spaßprojekt ist. Haben Sie denn trotzdem eine bestimmte Message, die Sie rüberbringen wollen mit Ihrem Programm?

„Ich möchte vielleicht zu 30 Prozent die Leute ärgern, 30 Prozent sind zur eigenen Unterhaltung, und der Rest ist nicht so ganz klar.“

„Ich glaube, das ist immer schwierig zu sagen, ob es eine Message gibt. Wenn ich über meine Motivation nachdenke, dann ist das vielleicht zu 30 Prozent das Leuteärgern, 30 Prozent sind zur eigenen Unterhaltung, und der Rest ist nicht so ganz klar. Es geht schon darum, dass die Musik auch etwas Erfreuliches ist. Es geht nicht nur darum, irgendwelche Aggressionen auszuleben oder Ähnliches, sondern das Resultat ist schon etwas, über das die Leute ein bisschen schmunzeln oder lachen können. Besonders weil es musikalisch nicht perfekt ist. Die Musik von der Lampe ist voll von kleinen Unfällen, die aber durchaus musikalisch gedacht sind. Es handelt sich um eine musikalische Performance, aber es ist auch ein Experiment. Zugleich sieht man, dass ich Spaß habe an dem, was ich tue. Es gibt relativ wenig klare Messages, aber viel zu entdecken.“

Sie haben gerade erwähnt, dass „Die Lampe“ zu 30 Prozent die Leute ärgern soll. Was meinen Sie damit?

„Es ist vielleicht so ein Bauchgefühl, wenn man einen Track fertig hat und man an irgendeinen Freund denkt, der zum Beispiel Musiker ist. Oder man denkt an irgendeine Social-Media-Tendenz, die es gibt, und überlegt sich, dass man etwas genau gegen den Strich macht. Das verselbständigt sich auf irgendeine Art und Weise. Das ist auf jeden Fall eine Motivation. Ich denke, wenn man dranbleibt und es darauf ankommen lässt, dann kann man auch wirklich Musik zum Umfallen machen. Man kann niemanden enttäuschen, aber ärgern kann man fast alle.“

Was erwartet die Besucher, wenn sie Ende September hier in Prag zu ihrer Vorstellung kommen? Womit kann man rechnen, oder womit kann man vielleicht auch nicht rechnen?

„Man sollte bei einer Ein-Mann-Show nicht damit rechnen, dass eine Band aufspielt. Ich weiß auch nicht, ob einem musikalisch wahnsinnig viel geboten wird. Die Lampe ist ein Experiment, und ich experimentiere auch auf der Bühne. Man soll aber eine Art Wohnzimmer-Szenario erleben, in dem die Stehlampe sich verselbstständigt und anfängt, den Unterhalter zu machen. Die Musik an sich ist etwas zwischen Kindermusik und Psychedelik und auch manchmal relativ wild. Es gibt viele Brüche. Ich hoffe, dass die Überraschungen in der Musik funktionieren. Wenn man gerne auf ein Blueskonzert geht und eineinhalb Stunden eine bestimmte Stimmung zelebrieren möchte, dann wird man es wahrscheinlich nicht mögen. Aber auch das ist noch nicht gesagt.“

Gibt es denn bestimmte Künstler oder andere Faktoren, die Sie persönlich in Ihrer Kunst beeinflussen?

„Die gibt es natürlich. Was die Einflüsse angeht, sind das Wichtigste die Menschen, die man selber kennt. Die Freunde, mit denen man sich unterhält, mit denen man Spaß hat und mit denen man sich gemeinsam Sachen zeigt oder Sachen anhört. Was allerdings Musik konkret angeht, wüsste ich gar nicht, wen ich erwähnen sollte. Es gibt einfach so wahnsinnig viel tolle Musik. Aber tatsächlich Einfluss auf das, was ich mache, hat das unmittelbare Gespräch. Zum Beispiel nach einem Konzert, wenn mir jemand direktes Feedback gibt. Ich merke mir das auch und versuche zu verstehen, was die Leute meinen.“

Noch einmal zurück zu Ihrem Live-Auftritt am 30. September in Prag: Wie bereiten Sie sich darauf vor? Geht es mehr um Planung oder um Spontaneität?

„Ich überlege mir vorher, welche Stücke ich spielen will. Und dann habe ich eigentlich auch eine Idee, was ich bei jedem Stück in etwa umsetze. Der Rest ist tatsächlich spontan und beruht darauf, wie ich mich fühle. Generell probe ich selten. Mit unserer Hungerband haben wir auch nur improvisiert. Diese Aufregung oder diese Spannung vor dem Konzert, die einen dann durch das Konzert getragen hat, ist bei der Lampe nicht mehr in dem Ausmaß da. Ich weiß, welche Tracks kommen und wann sie kommen. Die Reihenfolge ist auch überlegt, so dass es einen Spannungsbogen gibt, der sich aufbaut oder abbaut oder zerstört wird. Man fühlt sich hinein in das, was man da aufführt.“

Arbeiten Sie aktuell an einem neuen Projekt?

„Für die Lampe bin ich dabei, ein paar neue Tracks zu produzieren. Außerdem habe ich auf dem Flohmarkt eine große alte Heimorgel gefunden. Ich bin gerade sehr fasziniert von diesem Instrument. Es gibt auch weitere Projekte mit meiner Hungerband. Zum Beispiel eines im November in Berlin, bei dem wir andere Musiker beauftragen, Stücke zu spielen, die wir improvisiert haben. Das bedeutet, dass Jan Hochapfel und ich gar nicht auf der Bühne sein werden, sondern es sind andere Musiker, die das spielen. Dann gibt es noch ein weiteres kleines Performance-Projekt von uns in Berlin mit Filomeno Fusco und Marte Kiessling zusammen. Wir haben eine Art Menü für Bettwanzen erstellt. Das heißt, es wird eine große Bettwanze gebacken, gegessen, und dazu machen wir Musik. Es gibt also einige neue Projekte, die jetzt bald kommen. Die Lampe ist natürlich eines davon. Ich freue mich auf jeden Fall über jedes Konzert, auf dem ich performen kann.“

„Die Lampe“, Palác Akropolis in Prag, Dienstag, 30. September, ab 21 Uhr

Autor: Emely Sander
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