Kommt ins „Hotel K“… Kafka-inspirierte Interventionen auf Straßen Prags und Hamburgs

„Hotel K“, so nennt sich eine Gruppe von Künstlern aus Prag und Hamburg. Sie arbeiten seit 2020 zusammen und zeigen nun erstmals eine performative Videoausstellung, in der ihre bisherige Tätigkeit dokumentiert ist. Die Vernissage im Kampus Hybernská in der Prager Innenstadt am vergangenen Freitag wurde zu einer weiteren Performance.

Foto: Kampus Hybernská

Der öffentliche Raum ist für „Hotel K“ eine Plattform für Performances und künstlerische Interventionen. Mal geschieht das auf der Piazetta vor dem Nationaltheater in Prag, mal am Moldau-Ufer und mal am Pulverturm. Die Auftritte des Schauspieler-Duos Olga Seehafer und Roman Horák zeigen eine von Franz Kafka inspirierte Welt. Die Performances finden unter den Menschen und ohne Worte statt, begleitet von Livemusik und Filmkamera. Auch in der Vorstellung anlässlich der Vernissage der Ausstellung „Hotel K“ im Keller des Kampus Hybernská ging es um Kafka, und zwar um seine Beziehungen zu Frauen. Diesmal wurde aus dem Briefwechsel Kafkas mit Felice Bauer vorgelesen.


Wir haben gerade eine Performance zur Eröffnung der Ausstellung „Hotel K“ gesehen. Was ist „Hotel K“?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Hotel K ist eine Gruppe, die aus Prager und Hamburger KünstlerInnen besteht. Wir kommen alle aus dem Bereich der darstellenden Kunst, aus dem Schauspiel, aus der Performancekunst, aus dem Tanz. Und wir treffen uns, um zusammen Interaktionen zu machen in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Raum.“

Bei mir am Mikrofon sind Olga und Roman, zwei Mitglieder der Gruppe. Wir haben jetzt eine Performance gesehen, die auf Briefen von Franz Kafka an seine Verlobte Felice Bauer basiert. Warum gerade dieses Thema?

Roman: „Franz Kafka ist für uns eine sehr starke Quelle der Inspiration. Ein bisschen kam das auch dadurch, dass 2024 ein Jubiläumsjahr war von Franz Kafka. Aber ebenso sind der versteckte Humor in Kafkas Literatur und auch die Lebenssituationen, die Kafka in seiner Literatur beschreibt, für uns eine sehr große Inspiration. Und die Heirat natürlich, weil jeder von uns in einer Beziehung lebt und schon darüber nachgedacht hat oder auch vielleicht noch nachdenkt, ob er einmal heiraten soll. Da war Kafka auch eine sehr große Inspiration, weil er ja insgesamt viermal verlobt war und am Ende doch nicht geheiratet hat. Also ein Kontrast und auch natürlich eine Inspiration in dem, wie schwierig es für einen Menschen sein kann, sich für etwas zu entscheiden.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Ihre Liebe auf Papier und die nie zustande gekommene Hochzeit war eine große Inspiration für Performances und auch die heutige Performance.“

Sie sprechen von Performances. Also gab es schon mehrere, und die werden nun auch in der Ausstellung dokumentiert, die hier heute eröffnet wird. Was zeigt sie?

Olga: „Performances zum Thema Beziehung, vielleicht auch zur Kapitalismuskritik, zum Thema ‚Ich mit mir‘ und vielleicht noch viel mehr Themen, die einen selbst ansprechen oder anspringen, wenn man sich die Videos anschaut.“

Roman: „Es geht um die Individualität, um das ‚Ich in der Gesellschaft‘. Wie verhalte ich mich? Wie finde ich meinen Weg in dieser Gesellschaft? Brauche ich jemanden, um zu existieren? Es gibt zum Beispiel ein Exponat, das heißt ‚Ohne dich strahle ich nicht‘. Es handelt sich um ein Fahrrad mit einem Dynamo. Da kann man sich eine Lampe auf den Kopf setzen, man muss aber jemanden dazu bewegen, dass er sich auf das Fahrrad setzt und für einen strampelt. Man strahlt also nur, wenn jemand anderes für einen arbeitet. Und so auch in einem humorvollen Sinne wollen wir eigentlich diese Themen näherbringen und ein bisschen öffnen für Gedanken und auch für Zwischenmenschlichkeit.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Diese Performances wurden auf Video dokumentiert. Ich habe Prag erkannt, aber bei welchen Anlässen fanden diese Interaktionen eigentlich statt und wo?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Das war alles letzten Sommer an verschiedenen Orten in Hamburg und Prag. Wir haben zum einen Orte ausgesucht, an denen auch Kafka unterwegs war. Zum Beispiel hat er sich mit Felice oft am Pulverturm verabredet, den haben wir uns auch als Ort ausgesucht. Die kapitalismuskritischen Performances, die auf Kafkas sehr bedrückende Arbeitswelt verweisen, haben wir auf der Brücke Richtung Amazon-Büro gemacht.“

Roman: „Wir waren auch in der Wohnung, in der Kafka gewohnt hat. Wir hatten auch dort die Möglichkeit zu drehen und zu improvisieren, was natürlich ein sehr schönes Erlebnis war. Es sind bis jetzt alles authentische Orte aus Prag und Hamburg, und genau das wird auch in diesem Sinne weitergehen. Die Performances werden weiter gedreht, und daraus werden wieder Exponate entstehen. Die Idee ist die einer Wanderausstellung, die mit den Ideen fortschreitet und mit den momentanen Situationen, die dann so in die Zukunft weitergeführt werden.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Das Hotel K kann überall eröffnen. Überall sind wir bereit, den städtischen Raum, den dörflichen Raum oder sonstige Räume zu beleben mit unserem etwas dadaistischen, sehr freien, aber auch – ich sag mal – sehr nahen Zugang zu Kafka und zu den anderen Menschen.“

Roman: „Das erste Projekt, das wir gemeinsam gemacht haben, war der Film ‚Der Hungerkünstler in Zeiten von C‘. Es war ein Covid-Projekt, wir konnten damals nicht physisch miteinander arbeiten. Es sollte ein Theaterstück werden, aber wir haben letztlich als getrennte Teams einen gemeinsamen Film kreiert. Der Film hat sogar einen Preis in Göttingen gewonnen. Mit dem haben wir dann auch in Frýdlant gespielt, einem Ort, der mit Kafka sehr verbunden ist. Ich denke also, ‚Hotel K‘ kann auch gerne wieder in diese unterschiedlichen Lokalitäten eintauchen.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Sie erwähnen die Corona-Zeit, als man einander nicht begegnen konnte. Jetzt sind sie wieder möglich. Wie entstehen seitdem die Ideen und die einzelnen Performances? Trefft Ihr Euch für bestimmte Zeit, um zu proben und zu überlegen, oder wie läuft das?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Die Performances sind nicht erprobt. Es handelt sich nicht um Theaterstücke in dem Sinne, sondern wir haben erste Assoziationen, wir haben Ideen. Manchmal bringen wir auch Objekte mit. Manchmal sagen wir, das Thema interessiert mich, der Ort interessiert mich, und dann fangen wir an, an diesen Orten zu spielen, den Ort zu beleben und zu interagieren. Wir haben das Glück, dass unsere Kameramenschen dabei sind, filmen und die besonderen ersten Momente einfangen. Es ist wirklich ein Prozess. Und es ist verrückt, was für schöne Sachen entstehen, wenn man nicht alles erst einmal durchdenkt und konzipiert.“

Roman: „Und wenn man das auch nicht in einem bestimmten schnellen Zeitrahmen machen muss. Das ist auch eine sehr spezielle Sache des Projekts: Der Improvisationscharakter im öffentlichen Raum ist geblieben. Das trifft auch auf die Exponate hier zu. Manch ein Video hat drei Minuten, ein anderes aber zehn Minuten. Das bringt unterschiedliche Dinge hervor. Es ist ein zugegeben öffentlicher und offener Prozess, der praktisch vor den Augen der Zuschauer stattfindet.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Wir lieben das Intuitive, das Erste, die ersten Impulse, die kommen. Wir finden sie manchmal wertvoller als das, was man lange durchdenkt.“

Wie viele Videos sind hier eigentlich zu sehen?

Roman: „Es sind sechs Exponate. Wir haben zwei Kameramänner, und sie drehen eigentlich immer gleichzeitig. Wir haben ein Video ‚Hotel K‘, weiter zum Beispiel ‚Die Brücke über den Amazonas‘, ‚Die Blumen der Verdammnis, ‚Businessman Needs Rest‘, ‚Worte zwischen zwei Menschen‘ und ‚Ein Mensch zu einer Lampe transformiert‘.“

Die Ausstellung ist bis Ende September im Kampus Hybernská zu sehen. Sie haben aber gesagt, es  soll eine Wanderausstellung sein. Sind schon weitere Orte bekannt?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Bekannt noch nicht. Wir haben Pläne, wir haben Ideen und hoffen einfach, dass wir da Zugang bekommen. Wir würden uns total freuen, mit unserem Projekt nach Frýdlant zu kommen, und wir hoffen natürlich auch in Hamburg einen Ort für dieses Projekt zu finden. Aber ansonsten sind wir sehr offen für auch andere Orte, die sagen: ‚Wir brauchen das Hotel K bei uns‘.“

Meine letzte Frage, warum eigentlich das Hotel in „Hotel K“?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Olga: „Ich glaube, weil wir so viele Gespräche auch in Hotels geführt haben oder dort immer Begegnungen hatten. Ein Hotel funktioniert auch auf jeder Sprache, ich glaube, Hotel ist einfach jedem Menschen auf der Welt ein Begriff. Und so offen wollen wir auch sein, so international wollen wir auch spielen und unterwegs sein.“

Roman: „Und es soll auch einladen zum Kommen. Wir sind alle gerne auf Reisen, und wenn man in ein gutes Hotel kommt, dann kehrt man an diesen Ort auch gerne zurück. Also soll es auch einladen zum Besuch.“

schlüsselwort:
abspielen

Verbunden

  • Auf den Spuren von Franz Kafka

    Wo ist der weltberühmte Schriftsteller aufgewachsen und wo hat er seine Ferien verbracht? Welche Orte haben ihn inspiriert? Und wie war Kafka in natura?