Zwischen Spielplatz und Pionierhaus: Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei

Präsident Antonín Novotný unter den Pionieren (1961)

Die Historikerin Martina Winkler beschäftigt sich bei ihrer Arbeit nicht nur mit Russland im 18. Jahrhundert, sondern auch mit der Tschechoslowakei im Sozialismus. Aktuell forscht sie zur Kindheitsgeschichte der ČSSR. Anfang Januar war die Professorin aus Kiel in der Prager Außenstelle des Collegium Carolinum zu Gast, um ihr neuestes Forschungsprojekt vorzustellen. Darin geht es um eine „children's geography“ der Tschechoslowakei. Wir haben Martina Winkler anlässlich des Vortrags ins Studio von Radio Prag International eingeladen.

Frau Winkler, Sie haben an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die Professur für Osteuropäische Geschichte inne. Sie forschen dort auch viel zur sozialistischen Tschechoslowakei und zu Kindheitsgeschichten. Warum beschäftigen Sie sich gerade damit?

„Warum Kindheitsgeschichte – die Frage kommt häufig. Ich finde, das ist ein extrem spannendes Forschungsfeld. Aber wie so häufig war auch ein bisschen Zufall dabei. Mein Sohn war klein, ich habe ihm Kinderbücher vorgelesen und mir gedacht, dass das doch eigentlich sehr interessante historische Quellen sind. Denn darin wird deutlich, wie die Welt aussehen soll und was für richtig gehalten wird. Im Falle einer sozialistischen Gesellschaft, die sehr ideologisch geprägt ist und erziehen will, sind Kinderliteraturwerke von besonderem Interesse. Das Ganze hat sich dann ausgeweitet, und mittlerweile bin ich voll drin im Kindheitsthema.“

Welche Rolle hatte denn das Kind in der Tschechoslowakei oder im Sozialismus allgemein?

„Natürlich hatte es nicht nur eine einzige Rolle. Und ich würde auch gar keinen riesigen Unterschied machen zwischen Kindheit im Sozialismus und Kindheit generell in der Moderne. Ich will nicht sagen, das alles eins ist, aber es handelt sich eher um nuancierte Unterschiede. Die moderne Kindheit ist davon bestimmt, dass Kinder als formbar und erziehbar verstanden werden. Und sie gelten gewissermaßen als Zukunftsressource. Das ist in sozialistischen Gesellschaften von besonderer Bedeutung, denn sie sind generell zukunftsorientiert und verfügen über einen gewissen ‚pädagogischen Optimismus‘. Man ist davon überzeugt, dass man die Menschen verändern kann, wenn man sie nur richtig erzieht. Der Kindheit wird im Sozialismus deshalb viel Wert beigemessen. Das ist aber eben nicht grundsätzlich anders als in anderen modernen Gesellschaften.“

Sind Sie im Rahmen Ihrer Forschung auf etwas gestoßen, das für die Kinder in der Tschechoslowakei anders war, als zum Beispiel für die in der DDR, in Polen oder der Sowjetunion?

Historisches Aufbauplakat

„Natürlich gab es Unterschiede, wenn auch nur kleinere, beispielsweise in der Akzeptanz der Krippenerziehung. In der DDR sind sehr viele Kinder von klein auf in einer Krippe erzogen worden und dann in den Kindergarten gegangen. In der Tschechoslowakei war das weniger der Fall und in Polen noch einmal deutlich seltener. Ein anderer Aspekt lässt sich schwer nachweisen, da er sehr schlecht zählbar ist. Ich würde aber dennoch sagen, dass in der Tschechoslowakei, und besonders im tschechischen Teil, die Kindheitskultur sehr stark war. Kaum gab es ein normales Fernsehen, wurde auch eine Kinderfilmredaktion gegründet. Und die Literatur für Kinder wurde ebenfalls sehr ernst genommen. Ich würde behaupten, das war stärker ausgeprägt als anderswo.“

Bei Ihrem Vortrag im Collegium Carolinum ging es um eine „children's geography“ der sozialistischen Tschechoslowakei. Was kann man sich darunter vorstellen?

„Children's geography ist eine Unterdisziplin der Geographie. Das Konzept stammt also gar nicht aus meinem Fach, da ich ja Historikerin bin. Der Bereich besteht seit ungefähr 20 Jahren, und es geht etwa darum, welche bestimmten Räume für Kinder geschaffen werden und aus welchen sie wiederum ausgeschlossen werden. Man untersucht etwa Schulwege, Klassenzimmer oder auch Schultoiletten – wie sie gestaltet sind, aber auch, wie sie von Kindern genutzt werden. Zudem geht es darum, wie Kinder ihre Welt räumlich verstehen und sich orientieren. Ich finde all das extrem spannend, aber die children's geography ist eben gegenwartsorientiert. Unter einem historischen Blickwinkel gibt es dazu nur ganz wenig Forschung, und deshalb möchte ich dazu einen Beitrag leisten. Denn ich glaube, da ist ganz viel Potential.“

Sie steigen also gerade erst in dieses Thema ein?

„Genau.“

Ich habe gelesen, dass Sie sich vor allem mit tschechoslowakischen Städten befassen wollen. Warum nicht mit dem ländlichen Raum?

So stellten sich die Kommunisten sie vor: brave,  lächelnde Kinder mit roten Tüchern. Pioniere in den 1960er Jahren  | Foto: Státní okresní archiv Louny

„Ich werde mir das Land sicher auch anschauen, weil es ja immer um den Gegensatz von beidem geht. Aber die Städte waren in der sozialistischen Welt wichtige Symbole für Technik und Planbarkeit. Interessant ist zudem, wie Kindheit und Stadt wahrgenommen wurden. Teilweise wurde gesagt: ‚Wir bauen diese neuen Städte für die Kinder! Das ist der Fortschritt!‘ Es gab aber auch die entgegensetzte Vorstellung, dass Kinder gar nicht in Städte passen und Bewegung sowie Natur brauchen.“

Welche Räume gab es, die in den Städten für die Kinder erschaffen wurden? Sie haben bereits Schulen genannt. Man könnte sicher auch an Spielplätze denken?

„In der Tschechoslowakei nach 1948 fallen die Häuser der Pioniere und der Jugend auf. Das waren prestigereiche, schöne alte Gebäude, die sich oft an prominenter Stelle in der jeweiligen Stadt befanden. Man wollte damit zeigen, wie gut sich um die Kinder gekümmert wird. Natürlich waren diese besonderen Räume aber oft den Pionieren vorbehalten. Spielplätze wurden ab den 1970er Jahren ein großes Thema. Dabei gibt es eine interessante Ambivalenz. Denn sie sind zwar ein Raum für Kinder, zugleich aber ein abgezäunter Raum, da man meint, dass die Kinder eigentlich gar nicht in die Stadt passen. Bei den Schulen kann etwa untersucht werden, ob es überhaupt Pausenhöfe gab und wie die Architektur Ordnung und Disziplin schaffen sollte. Mit Ausnahme der Häuser der Pioniere waren diese Entwicklungen in anderen Ländern aber ganz ähnlich. Bei den Spielplätzen etwa hat man in der Tschechoslowakei viel aus Skandinavien abgeguckt.“

Würden Sie sagen, dass Kinder damals anders bei der Stadtplanung mitgedacht wurden als heute?

„Ich halte grundsätzlich überhaupt nichts davon, mit Blick auf die Geschichte zu fragen, ob es den Kindern früher besser ging als heute. Ich will das nicht bewerten. Was aber Ihre Frage angeht: Ich würde schon sagen, dass es heute in der Stadtplanung sehr viele Ansätze gibt, bei denen man auch auf die Kinder schaut. Und generell wird versucht, Städte inklusiver zu bauen. Fußgänger und Radfahrer werden mitbedacht, ebenso alte Leute, Menschen mit Behinderung und eben auch Kinder. Dass man dem Nachwuchs überhaupt Rechte und eine Stimme gibt, ist ein wichtiger Schritt und eine relativ neue Entwicklung.“

Auf welche Quellen können Sie zurückgreifen, um Ihr Forschungsthema anzugehen? Es lassen sich sicherlich Zeitungsartikel oder etwa Fotos finden. Aber gibt es auch Berichte von den Kindern selbst?

„Es gibt insgesamt jede Menge Quellen, vor allem aus dem Bereich der Stadtplanung – auch auf einer lokalen Ebene, wenn es etwa darum ging, wo ein Spielplatz platziert wird. Außerdem bestehen Expertenanalysen von Psychologen oder Pädagogen. Kinder haben zwar viel gezeichnet und geschrieben, etwa in Tagebücher, allerdings besteht das Grundproblem, dass diese Quellen oft nicht gesammelt wurden. Die Archive haben sich lange Zeit gar nicht dafür interessiert. Deswegen werde ich dazu vermutlich nicht allzu viel finden.“

Die Menschen, die in der Tschechoslowakei groß geworden sind, leben ja noch. Womöglich ist ihre Vorstellung von der Kindheit anders als die Realität. Aber dennoch: Könnten Sie sich vorstellen, Zeitzeugengespräche durchzuführen?

Foto: Československý filmový týdeník 24/1974

„Sie haben das Problem schon angesprochen. Es gibt da diesen Spruch: ‚Der Zeitzeuge ist der schlimmste Feind des Historikers.‘ Ganz so weit würde ich vielleicht nicht gehen, aber die Vorstellung sich einfach einmal mit Zeitzeugen für ein Interview zu treffen, ist hochproblematisch. Schließlich gibt es dafür eine eigene Unterdisziplin, die sogenannte ‚oral history‘. Hinzu kommt in diesem konkreten Fall noch, dass zwischen den Ereignissen dieser Systembruch und mehrere Jahrzehnte liegen. Und die Menschen haben heute vermutlich eine völlig andere Vorstellung davon, wie Kindheit aussehen soll. Es wäre also sehr unzuverlässig, auf diesem Wege irgendetwas herausfinden zu wollen. Selbst bei der Frage, wo damals in der Umgebung Spielplätze waren, wäre ich wahrscheinlich vorsichtig.“

Abschließend habe ich noch eine ganz andere Frage zu Ihrer Arbeit. Sie sind nämlich in der Deutsch-Tschechischen Historikerkommission die Vorsitzende der deutschen Sektion. Gegründet wurde dieses Gremium 1990 von den beiden damaligen Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier. Was macht die Kommission heute?

„Ich habe die Leitung ganz neu übernommen, gemeinsam mit Martin Zückert. Seit 1990 hat sich die Situation natürlich geändert. Damals ging es darum, zwei Wissenschaftscommunitys, die miteinander bisher wenig zu tun hatten, enger zusammenzubringen. Das haben wir mittlerweile geschafft. Außerdem gab es damals sehr viele hochsensible Themen, wie etwa die Beneš-Dekrete. Solche Dinge sind heute nicht mehr unser Problem. Trotzdem glauben wir, dass diese trilaterale Kommission – denn es gibt neben der Deutsch-Tschechischen noch die Deutsch-Slowakische Kommission – wichtig ist. Es geht dabei um eine strukturelle Verankerung, die über einzelne Forschungsprojekte hinausgeht. Wir sehen heute, dass Expertise und Wissenschaft häufig keinen guten Ruf und keine Autorität mehr haben. In nicht wenigen Ländern wird Wissenschaft eingeschränkt oder politisch beeinflusst. Und ich befürchte, dass diese Tendenz nicht besser werden wird. Wir können sie zwar nicht aufhalten. Aber wir können versuchen, ein Anker zu sein, Kooperationen zu bilden und solidarisch füreinander einzustehen. Das ist mein Wunsch für diese Kommission.“