10 Jahre Deutsch-Tschechische Erklärung

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Vor zehn Jahren, genau am 21. Januar 1997, wurde in Prag die Deutsch-Tschechische Erklärung unterzeichnet. Die Aussöhnung nach einer konfliktreichen Vergangenheit und der gemeinsame Blick in die Zukunft prägen das Dokument, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern bis heute mitgestaltet - und zwar längst nicht nur in der hohen Diplomatie.

Mittagspause im Prager Goethe-Institut. Im Restaurant um die Ecke, ein paar Schritte vom Moldauufer entfernt, stärken sich etwa fünfzehn Jugendliche aus Deutschland und Tschechien. Viel Zeit zum Essen bleibt nicht, am Nachmittag wartet im Goethe-Institut noch ein dichtes Arbeitsprogramm.

Die jungen Leute sind allesamt Mitglieder des Deutsch-Tschechischen Jugendforums. Sie machen mit beim so genannten Schulprojekt und wollen tschechischen Schülern erklären, wie sie in Deutschland später einmal für einige Zeit Fuß fassen können. Als Studenten etwa, als Praktikanten oder im Europäischen Freiwilligendienst. Die Schulung im Goethe-Institut soll den Referenten das nötige Know-how vermitteln.

Alois Tost war bereits voriges Jahr dabei - damals allerdings im deutschen Schulprojekt, sozusagen der spiegelverkehrten Variante des tschechischen:

"Es ist so, dass man in Deutschland den Großteil der Arbeit darauf verwenden muss, die Leute überhaupt für Tschechien zu interessieren. Also gar nicht mal so speziell die einzelnen Möglichkeiten zu erläutern, sondern überhaupt zu sagen: Warum eigentlich nach Tschechien? Denn alle wollen in die USA, nach Großbritannien, nach Frankreich und so weiter. In Tschechien hingegen ist eigentlich schon klar, warum man nach Deutschland möchte. Da ist schon ein Grundinteresse da, bei vielen auch die Sprache. Das heißt, da gehen wir nur sehr kurz darauf ein, warum gerade Deutschland, und konzentrieren uns mehr auf die verschiedenen Möglichkeiten."


Das Jugendforum, in dem Alois und die anderen sich kennen gelernt haben, wird zum Teil vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds finanziert. Die Einrichtung dieses Fonds wiederum war einer der Beschlüsse der Deutsch-Tschechischen Erklärung, die im Januar 1997 von den damaligen Regierungschefs Vaclav Klaus und Helmut Kohl unterzeichnet wurde. Doch nicht nur für die Finanzierung konkreter Projekte ist die Deutsch-Tschechische Erklärung noch heute bedeutend. Immer wieder berufen sich auch Politiker auf sie, wenn Fragen der Vergangenheit die Diskussionen der Gegenwart zu überschatten drohen.

Rudolf Jindrak
"Was die Geschichte betrifft, so gilt für uns die Deutsch-tschechische Erklärung", sagte etwa der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, als er 2004, kurz vor dem tschechischen EU-Beitritt, nach Prag kam. "Nicht das Vergessen, nicht das Sich-gefangen-nehmen-Lassen, sondern dieser - wie ich finde - sehr weise Weg, den beide Seiten mit der Deutsch-Tschechischen Erklärung eingeschlagen haben: Daran orientieren wir uns."

Zwei Jahre später schlägt Fischers Nachfolger Frank-Walter Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch in Prag in dieselbe Kerbe:

"Ich freue mich, und ich bin auch ein bisschen stolz darauf, wie gut es uns Deutschen und Tschechen gelungen ist, auf Basis der gemeinsamen Erklärung Fragen der Vergangenheit ebenso zum Gegenstand unserer Gespräche zu machen, wie Fragen der Zukunft."

Gerade mal zweieinhalb Seiten lang ist das Dokument, in dem beide Staaten ihr Stück Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen - Deutschland für die Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, Tschechien für die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine sensible Thematik, die den Unterhändlern entsprechende Formulierungskünste abverlangt hat. Einer davon war Rudolf Jindrak, heute tschechischer Botschafter in Berlin:

"Das ist ein Teil von meinem Leben. Ich sage oft zu meinen Kollegen: Diese Erklärung hat mich zwei Jahre von meinem Leben gekostet. Die Arbeit war wirklich sehr interessant, aber auch sehr schwierig."

Elfmal haben sich die Verhandlungsteams getroffen, erinnert sich Jindrak. Erst dann fand man zu gemeinsamen Formulierungen und knackte die letzten Übersetzungsprobleme.

"Die Deutsch-Tschechische Erklärung ist heute wirklich ein Grundstein der bilateralen Beziehungen. Ich denke, wir haben darin einen Kompromiss gefunden, in dem die Vergangenheit und die Zukunft aufeinander treffen. Für mich persönlich hat diese Erklärung eine große Bedeutung."

Auch in Sachen Vergangenheitsbewältigung erfüllt das Dokument mehr als nur symbolische Bedeutung. So wurde der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, der durch die Erklärung geschaffen wurde, von der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" mit der Entschädigung von ehemaligen NS-Zwangsarbeitern in Tschechien betraut. Ende September vorigen Jahres waren die Auszahlungen abgeschlossen. Tomas Jelinek, der Geschäftsführer des Zukunftsfonds, zieht Bilanz:

"Grundsätzlich geht es um drei Kategorien. Die erste sind so genannte Sklavenarbeiter, also Personen, die in den nazistischen Konzentrationslagern und ähnlichen Haftstätten Arbeit leisten mussten. Die zweite Gruppe bilden die zivilen Zwangsarbeiter. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe: die Opfer von sonstigem NS-Unrecht. Insgesamt wurden mehr als 76.000 Personen aus den Mitteln der Bundesstiftung, also durch den Zukunftsfonds, entschädigt."


Alena Felcmanova (Foto: www.ahoj.info)
Im Prager Goethe-Institut, am Sitz der früheren DDR-Botschaft, ist die Pause mittlerweile fast zuende. Auf dem Programm steht die jetzt Bewältigung bürokratischer Hürden bei der Aufnahme an einer deutschen Uni. Wenn die Referentinnen und Referenten bald tschechische Schulen abklappern, dann werden sie vor Leuten sprechen, die nur wenige Jahre jünger sind als sie selbst. Aber sie haben bereits Erfahrung in Deutschland gesammelt und daher mehr als nur theoretisches Know-how. Koordinatorin des Schulprojekts ist die 20-jährige Alena Felcmanova:

"Wir gehen direkt in die Schulen. Wir haben das so verabredet, dass wir 60 Minuten Zeit haben. Da machen wir mit PowerPoint eine Präsentation über die verschiedenen Möglichkeiten, die es gibt. Aber damit wir das alles ein bisschen lebendiger gestalten, erzählen wir auch von unseren eigenen Erfahrungen. Darüber, wie wir das erlebt haben, was uns an der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit interessiert und warum wir das überhaupt machen. Und darüber, dass es auch Spaß macht, und dass man dabei andere Sachen entdeckt, als wenn man nur mit den eigenen Freunden in einer Stadt rumläuft."

Im Gegensatz zu den meisten ihrer Altersgenossen wissen die Mitglieder des Jugendforums über die Deutsch-Tschechische Erklärung ziemlich genau Bescheid. Sie wissen, dass sie gute Voraussetzungen für die Entwicklung der bilateralen Beziehungen schafft, und auch für die Finanzierung konkreter Projekte. Aber eben nur Voraussetzungen - nicht mehr und nicht weniger. Denn ohne Umsetzung ihrer Ziele wäre die Erklärung nur ein mühsam erarbeitetes Stück Papier. Und die Leute vom Jugendforum würden sich wahrscheinlich ohnehin engagieren. Auch ohne den diplomatischen Vorzeigetext, zu dem sich Politiker fast aller Couleurs auch nach zehn Jahren noch mühelos bekennen.