100 Jahre Ägyptologie in Prag – eine tschechisch-deutsche Geschichte

Foto: Archiv des Instituts für Ägyptologie

Das Jahr 2013 geht seinem Ende zu, und es war gefüllt mit interessanten Jubiläen. Eines davon war der runde, der 100. Geburtstag der tschechischen Ägyptologie. Ihre Gründung fällt noch in die Zeit der Habsburger Monarchie, und sowohl Tschechen als auch Deutsche waren an den Grundlagen ihrer bis heute anhaltenden Erfolgsgeschichte beteiligt.

Abusir (Foto: Archiv des Instituts für Ägyptologie)
Der heiße Wüstenwind weht durch Abusir, ein Dorf in Ägypten. Seit dem Beginn der 1960er Jahre arbeiten hier Tschechen und Slowaken. Sie sind Wissenschaftler des tschechoslowakischen, später des tschechischen Instituts für Ägyptologie an der Prager Karlsuniversität. Wolf Oerter aus Sachsen ist Dozent am Institut, das 1958 gegründet wurde:

„Es nannte sich damals das ‚Tschechoslowakische Ägyptologische Institut an der Karlsuniversität Prag und in Kairo’. Es gab also von Anfang an eine Dependance in Kairo. Dann kamen in den nächsten Jahren langsam Ausgrabungskonzessionen hinzu, die internationale Rettungsaktion im Sudan im Zusammenhang mit dem Bau eines großen Staudamms, und dann in den 1970er Jahren die bis heute gültige Konzession in Abusir, 25 Kilometer südwestlich von Kairo.“

Gruft des Priesters Iufaa (Foto: Archiv des Instituts für Ägyptologie)
Die tschechischen Ägyptologen und die ägyptischen Arbeiter müssen auch heute noch zu einfachen Mitteln greifen, um die Reliquien aus dem Wüstensand zu bergen. Mit Holzgerüsten, Hämmern, Winden und Stemmeisen arbeiten sie in engen Stollen und alten Grabkammern. Zwischen 1995 und 1997 gelang es den Wissenschaftlern, zum Grabmal des Priesters Iufaa vorzustoßen.

Unter beengten Bedingungen und großer körperlicher Anstrengung schafften es die Arbeiter, den Sarkophag und den mumifizierten Leichnam des Priesters zu bergen. Es sind solche Funde, die die tschechische Ägyptologie weltweit bekannt gemacht haben. Welches die bedeutendste Entdeckung war, das vermag Wolf Oerter indes nicht zu sagen:

Wolf Oerter (Foto: YouTube)
„Es gibt so viele Entdeckungen im Laufe unserer Grabungsarbeiten, das ist auch eine subjektive Einschätzung. Der Kunsthistoriker würde zum Beispiel sagen, der Fund von wunderbaren Statuetten in den 1980ern sei das Wichtigste gewesen, der Epigrafiker wiederum, der sich mit schriftlichen Zeugnissen beschäftigt, nennt dann Papyrusfragmente, die Auskunft geben über wirtschaftlichen Betrieb der Tempel. Und der an Architektur interessierte würde dann wieder die besondere Form der Mastaba-Gräber nennen oder die Schachtgräber der Spätzeit. Wie gesagt, das ist eine sehr subjektive Frage.“

Jaromír Krejčí (Foto: Archiv der Karlsuniversität)
Weniger bekannt ist die lange Geschichte der Ägyptologie an der Prager Karlsuniversität. Im September war daher eine Ausstellung zu sehen, sie hieß 100 Jahre Ägyptologie in Prag. Jaromír Krejčí ist stellvertretender Vorsitzender des Ägyptologischen Instituts:

„Unsere Ausstellung hat sich vor allem der Zusammenarbeit zwischen den deutschen und tschechischen Ägyptologen und Orientalisten in Prag gewidmet, sie war im Gegensatz zu anderen Fachbereichen sehr kollegial und positiv. Und daran wollten wir erinnern. Warum 100 Jahre Ägyptologie? Weil im August 1913 an der deutschen Prager Karlsuniversität die erste Vorlesung in Ägyptologie stattfand. Gehalten hat sie der deutsch-österreichische Forscher Nathaniel Reich.“

Nathaniel Reich wurde 1876 in Ungarn geboren. Er stammte aus einer Rabbinerfamilie und verbrachte seine Kindheit in Baden bei Wien. Bereits im Elternhaus hatte der sprachbegabte Junge Grundlagen von Hebräisch, Aramäisch und Arabisch vermittelt bekommen, an der Universität Wien studierte er unter anderem auch noch Persisch und Türkisch. Im sechsten Semester begann Reich dann aktiv, sich mit der Ägyptologie zu beschäftigen. Er lernte deswegen Demotisch, einen ägyptischen Dialekt. Sein Studium schloss er 1904 mit einer Dissertation ab. Wolf Oerter:

Nathaniel Reich (Foto: Library at the Herbert D. Katz Center for Advanced Judaic Studies, University of Pennsylvania)
„Der Erste, der systematische Vorlesungen anbot, war 1913 Nathaniel Reich. Er wirkte in Prag bis 1919, eventuell sogar noch ein paar Semester später. Er hat Vorlesungen angeboten, zum Beispiel zu den naturwissenschaftlichen Kenntnissen der alten Ägypter. Medizin, Mathematik und Physik des Altertums, das sind Themen, die er bereits im Zeitraum zwischen 1913 und 1919 anbot und mit denen er recht aktuell war.“

Reich wechselte dann zunächst nach Wien, 1922 ging er in die USA, wo er in Philadelphia eine Professur annahm. An der deutschen Universität Prag gab es nun zunächst keine Vorlesungen in Ägyptologie mehr.

Die Prager Universität war aber seit 1882 geteilt, in einen deutschen und einen tschechischen Teil. Und auch bei den Tschechen wurde Ägyptologie gelehrt, wie Oerter erklärt:

„An der tschechischen Universität, die seit 1920 Karlsuniversität hieß, lehrte František Lexa. Er hatte 1919 habilitiert und folgte dann dem normalen Karriereverlauf. Lexa wurde erst zum außerordentlichen und dann 1927 zum ordentlichen Professor ernannt.“

František Lexa
František Lexa war derselbe Jahrgang wie sein deutscher Kollege Reich. 1876 kam er in Pardubice / Pardubitz auf die Welt. Später besuchte Lexa das Gymnasium in Prag und studierte an der tschechischen Karlsuniversität Physik und Mathematik. Er ging aber zunächst in den Schuldienst, Ägyptisch lernte er im Selbststudium. Erst 1907 studierte er diese Sprache zwei Semester lang in Berlin, 1908 ging er für ein weiteres Semester nach Straßburg. Es war Lexa, der 1925 auch das Ägyptologische Seminar an der Karlsuniversität gründete. Er selbst schaffte es erst 1930, im Alter von 55 Jahren, nach Ägypten, sagt Jaromír Krejčí:

„Im Gegensatz zu heute war die Reise nach Ägypten damals sehr teuer. Zudem war Lexa natürlich hier in Prag Professor und Dozent, er hatte also Verpflichtungen an der Fakultät. Auch deshalb schaffte er es erst sehr spät nach Ägypten. Interessant ist, dass Staatspräsident Masaryk das Ägyptologische Seminar damals unterstützte, er spendete aus seinem persönlichen Vermögen eine Summe für die Arbeit der Ägyptologen.“

Demotische Schrift (Foto: Chris 73, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Die großen Erfolge Lexas lagen dann auch eher auf theoretischem Gebiet. Seine Arbeit ist aber bis heute anerkannt. Noch einmal Jaromír Krejčí:

„Er war Demotist, er widmete sich der demotischen Sprache. Sie taucht etwa 1000 Jahre vor Christus auf. Lexa war einer der größten Kenner dieser Sprache und hat sogar eine Grammatik dieser Sprache herausgegeben, und die ist bis heute anerkannt.“

An der deutschen Universität Prag versuchte sich indes ein neuer Wissenschaftler in der Ägyptologie zu etablieren. Ludwig Keimer bewarb sich 1931 aus Kairo an die Moldau:

Ludwig Keimer (Foto: Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts)
„Ludwig Keimer war seit 1927 in Ägypten ansässig und hat sich dann von dort aus um eine Habilitation an der deutschen Universität nach Prag beworben. Wir wissen nicht, wer ihn dazu bewogen hat. Es dauerte dann aber sieben Jahre, bis er die offizielle Lehrbefugnis bekam. Er kam dann nach Prag und hatte inzwischen die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft angenommen - das war eine Bedingung gewesen. Keimer unterrichtete hier aber höchstens drei Semester. Dann ging er wieder zurück nach Ägypten, denn inzwischen waren ja deutsche Truppen in Tschechien eingefallen - und Keimer war ein ausgesprochener Gegner der Nazis.“

Obwohl der deutsche Lehrstuhl für Ägyptologie lange verwaist war, gab es auch an der deutschen Universität weiter Unterricht in dem Fach. Und zwischen dem tschechischen und deutschen Zweig existierte in den 1920er und 1930er Jahren eine sehr enge und freundschaftliche Zusammenarbeit, berichtet Wolf Oerter:

Foto: Archiv des Instituts für Ägyptologie
„Theodor Hopfner war ein Deutschböhme, ein klassischer Philologe, Professor für klassische Philologie, der auch Ägyptologie studiert hatte. In dieser Zwischenzeit war er sozusagen der Stellvertreter für die Ägyptologie, und er pflegte mit Lexa die besten Beziehungen. Es gab eine Korrespondenz zwischen ihnen, die sich aber leider nur auf Seiten des Empfängers, also im Nachlass von Lexa erhalten hat. Lexa wiederum, der ja Anfang der 1930er Jahre eine Forschungsreise nach Ägypten unternahm, wohnte in Kairo bei Ludwig Keimer, dem späteren Ägyptologen an der deutschen Universität. Die kannten sich also auch.“

Foto: Archiv des Instituts für Ägyptologie
Mit dem Zweiten Weltkrieg endete dann die Zusammenarbeit. Zunächst schlossen die Nazis die tschechische Universität, nach dem Krieg wurde mit der Vertreibung auch die deutsche Universität in Prag zugemacht. Die Ägyptologie aber gab es weiter - und trotz Krieges, Vertreibung und 40 Jahren kommunistischen Regimes arbeiteten und arbeiten Tschechen und Deutsche weiter zusammen an der Erforschung der alten ägyptischen Kultur.