100 Musiker spielen für Zeitzeugenprojekt

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Der 28. Oktober wird in Tschechien als Nationalfeiertag begangen. Dazu gibt es am Montag in Prag ein großes Benefizkonzert für das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“. Dabei wird nicht nur an die Gründung der Tschechoslowakei vor 101 Jahren erinnert, sondern vor allem an den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes vor 30 Jahren.

Mikuláš Kroupa  (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Rund 5000 Zeitzeugenaussagen umfasst die Datei des Projektes „Paměť národa“ (zu Deutsch etwa Volksgedächtnis). Es handelt sich um die größte derartige Sammlung in Europa, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Träger des Projektes ist der Verein Post Bellum. Mikuláš Kroupa ist Gründer und Leiter von Post Bellum. Er initiierte das bevorstehende Benefizkonzert. Inspiriert hat ihn das „Konzert für alle anständigen Menschen“ vom Dezember 1989. Es sei für ihn, damals einen 15-jährigen Jungen, ein unvergessliches Erlebnis gewesen, erzählt Kroupa.

„Auf die Idee des jetzigen Konzertes bin ich vor etwa einem Jahr gekommen. Mir und meinen Mitarbeitern ist bewusst geworden, dass der 28. Oktober ein ganz wichtiger Feiertag ist, den man nicht den Politikern bei der Feier auf der Prager Burg überlassen darf. Wir haben uns auch wegen der Lage hierzulande entschieden, unsere eigene Feier zu veranstalten. Mehrere Musiker haben wir angefragt, für unser Zeitzeugenprojekt zu singen und zu spielen. Es wird ein Fest, bei dem der Geburtstag dieses Landes begangen wird. Dies ist auch die Reaktion der Zivilgesellschaft auf eine gewisse Geschmacklosigkeit des tschechischen Staatspräsidenten, ehemalige Kommunisten und Agenten des kommunistischen Geheimdienstes StB mit Staatsauszeichnungen zu ehren.“

Tomáš Klus  (Foto: Martina Schneibergová)
Das Interesse der Musiker war den Veranstaltern zufolge relativ groß. Gemeldet haben sich Vertreter unterschiedlicher Musikgenres: von früheren Underground-Bands über berühmte Liedermacher bis zu Rappern. Er habe insgesamt rund 100 Musiker gezählt, sagt Mikuláš Kroupa. Doch es soll nicht nur musiziert werden.

„Zwischen den einzelnen Musikauftritten werden interessante Persönlichkeiten kurz zum Publikum sprechen. Zu ihnen gehören beispielsweise der Astrophysiker Jiří Grygar, der Naturwissenschaftler und katholische Priester Marek Orko Vácha, der Bürgeraktivist Mikuláš Minář und auch der Bruder von Präsident Havel, Ivan Havel.“

Alle Künstler, die beim Konzert auftreten, haben auf ein Honorar verzichtet. Veranstaltungsort ist das Forum Karlín. Dort wird auch der beliebte Liedermacher Tomáš Klus singen. Er halte das Zeitzeugenprojekt für sehr sinnvoll, sagte er gegenüber dem Tschechischen Fernsehen.

„Ich bin davon überzeugt, dass Paměť národa die junge Generation mit der älteren Generation verbindet. Es ist bekannt, dass im Geschichtsunterricht oft nicht viel Zeit für die moderne Geschichte bleibt. Und Post Bellum gibt mit seinem Projekt den Jugendlichen die Möglichkeit, der Geschichte zu begegnen, sie zu berühren. Das finde ich sehr wichtig, und darum will ich das Projekt in jeder Weise unterstützen.“

Forum Karlín  (Foto: Eva Dvořáková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ umfasst Erinnerungen von Kriegsveteranen, Holocaust-Opfern, Widerstandskämpfern, politischen Gefangenen des kommunistischen Regimes, Dissidenten, aber auch Vertretern der Macht: den KGB-Agenten, den Agenten des tschechoslowakischen kommunistischen Geheimdienstes und hohen Parteifunktionären. Zudem warten mehrere Tausend weitere aufgezeichnete Zeitzeugenaussagen immer noch auf ihre Bearbeitung.

Das Konzert für Paměť národa im Prager Forum Karlín beginnt um 19.30 Uhr. Der Kartenerlös kommt dem Zeitzeugenprojekt zugute.