65 Jahre Radio Prag

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Am 31. August 1936 nahmen die Auslandsredaktionen des Tschechischen Rundfunks ihre Arbeit auf. Gesendet wurde in sieben Sprachen, u.a. in Esperanto und natürlich auch in Deutsch. Diesen Monat feiert Radio Prag also seinen 65. Geburtstag. Diesem Thema ist auch die folgende Schauplatz-Sonderausgabe von und mit Olaf Barth gewidmet.

Mehr historische Details aus der bewegten Geschichte dieses Senders können Sie in den Sondersendungen der "Geschichtskapitel" meiner Kollegin Kathrin Bock erfahren. An dieser Stelle - sprich in diesem Schauplatz - werden wir uns dem widmen, was ausgewiesene Medienfachleute zu Radio Prag zu sagen haben. Und wir werden darüber sprechen, wie es dazu kam, dass Radio Prag beinahe von der Bildfläche, oder besser gesagt, aus dem Äther verschwunden wäre.

Die beiden Experten, die ich zu Radio Prag befragt habe, sind der ehemalige tschechische Kultur- und Presseattache in Berlin, Jan Sechter, der heute im tschechischen Außenministerium für die Zwangsarbeiterentschädigung zuständig ist. Und Lida Rakusanova, langjährige Redakteurin von Radio Free Europe und eine wahrhaftige Radioenthusiastin.

Zunächst fragte ich Jan Sechter, wie er das Medium Rundfunk und insbesondere Radio Prag beurteile:

"Also Rundfunk ist für mich persönlich ein Phänomen. Ich denke auch, dass dank der Medien und insbesondere dank des Rundfunks der Kommunismus zusammengebrochen ist und auch viele andere totalitären Aufstände sind deswegen gescheitert.

Ich glaube, hier haben die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks heute eine andere Bedeutung, nämlich gerade diese unsichtbare Topographie der tschechisch-deutschen Beziehungen mitzubetreuen. In der Zukunft wird man vielleicht insbesondere in den Grenzregionen wissen, dass es gut ist, dass hier die Tschechen und die Deutschen zusammenarbeiten und fähig sind, dies auch jenen zu vermitteln, die die Sprache nicht beherrschen. Es ist wichtig, dass wir zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik einen solchen Informationsaustausch haben."

Lida Rakusanova bekennt, dass sie erst nach der Wende auf Radio Prag aufmerksam geworden sei. Dennoch wisse sie um die besondere Bedeutung die Radio Prag im Jahre 68 zukam:

"Ich habe auch gewusst, dass dieser Sender - jetzt meine ich konkret die Sendungen in deutscher Sprache - im August 68 sehr nützliche Arbeit geleistet hat, als die Tschechoslowakei von den Armeen der Warschauer Pakt-Staaten überfallen worden ist und der Prager Frühling vernichtet wurde, hat damals die deutsche Sendung von RP die Wahrheit über diesen Überfall gesendet und das war natürlich notwendig, weil in der damaligen DDR wurde die Öffentlichkeit auf diese Weise objektiv informiert. Wie Sie wissen, war die DDR an diesem Überfall beteiligt, also desto nützlicher war das."

Trotz dieser Bedeutung, die man Radio Prag allgemein beimisst, war seine Existenz auch nach der Wende 1989 und auch nach der Auflösung der Tschechoslowakei 1993 mehrmals bedroht. Die Finanzierung des Senders der in die Zuständigkeit des Außenministeriums fällt, schien immer mal wieder ein Dorn im Auge zusein. Was meint der Außenministeriumsmitarbeiter Jan Sechter dazu:

"Der Auslandssender des Tschechischen Rundfunks war sogar eine Zeit lang in die Defensive gedrängt und musste sogar seine Existenz begründen und das gefällt mir nicht. Für mich ist es ganz klar, dass die Auslandssendungen eine Sonderposition haben müssen und das ist nicht nur auf den englischen Sprachbereich beschränkt, sondern gilt auch für die anderen wichtigen europäischen Sprachen. Ich glaube, der Rundfunk ist wirklich ein Phänomen, dass man nicht ersetzen kann."

Doch zu diesem "in Frage stelle" sei es gekommen, da irgendwelche Sub-Sub-Beamten, wie es Sechter ausdrückt, mit dem Fortschreiten und der Priorität des Internetsektors automatisch Schritte gegen die bestehenden Medien verbunden hätten. Hier sah man also eine Möglichkeit den berühmten Rotstift anzusetzen. Und Sechter weiter:

"Jegliche staatliche Unterstützung muss eine politische Entscheidung sein. Die Politik muss darüber entscheiden. In diesem Sinne müssen sich auch die zuständigen Abgeordneten dazu äußern und nicht die Ministeriumsbeamten, die gerade im Haushalt die Sparte Tschechischer Rundfunk haben. Es muss eine breitere politische Entscheidung gefasst werden."

Eines der Argumente, die damals gegen Radio Prag ins Feld geführt wurden, war, dass das Ausland durch die Vielfalt der internationalen Medien, die in Prag vertreten sind, ohnehin sehr gut über das hiesige Geschehen informiert sei. Aber ist das überhaupt wahr, wollte ich von dem ehemaligen tschechischen Kultur- und Presseattache in Berlin wissen:

"Deutschland hat viele Nachbarn und eines dieser Länder ist die Tschechische Republik, die die längste gemeinsame Grenze hat. Die Zentralmedien, die in Prag sehr gut vertreten sind, also ARD und Frankfurter Allgemeine Zeitung z.B., die werden sich nur für bestimmte deutsch-tschechische Themen interessieren und für eine bestimmte Art der tschechischen Politik. In den Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks geht es gerade um die Leute, die später vielleicht hier Firmen gründen oder gemeinsame Existenzen aufbauen wollen. Es geht um diese Leute, die eher als zweiten Schritt sagen, ich will mehr wissen über Tschechien und das kann ich nicht über ARD in einem Bericht über die tschechischen Wahlen erfahren. Also das gehört dazu, wie die Publikationen über die Niederlande in Nordrhein-Westfahlen oder über die Schweiz in den entsprechenden Regionen. Also die Tschechen brauchen auch so etwas, insbesondere für die zwei Bundesländer, die an uns grenzen, aber auch für die Verbindungen in Aachen, Hamburg oder sonstwo. Es ist schade, das gerade die Deutschen von solchen (Streichungs-) Maßnahmen betroffen werden sollen, wenn die sich gerade sagen ich möchte mehr über Tschechien wissen als ich aus der Berichterstattung in FAZ oder der Welt erfahren kann. Deren Berichterstattung ist perfekt, aber leider ist der Platz der Tschechischen Republik in dieser globalen Medienwelt genauso knapp bemessen, wie die Tschechische Republik auch nur mittelgroß ist."

Was die Radio Free Europe- Redakteurin Lida Rakusanova noch Interessantes über Radio Prag zu sagen hat, erfahren sie nun aus dem folgenden Gespräch, dass ich vor ein paar Tagen mit ihr führte: Abschließend interessierte mich noch, welche Verbesserungsvorschläge Jan Sechter für Radio Prag hat:

"Was vielleicht fehlt, ist, dass man die Produkte, die bei ihnen über die beiden Länder entstehen und auch nur bei ihnen entstehen können, dass diese anderen angeboten werden, damit auch die breitere Öffentlichkeit erfährt, was es da neues gibt."

Autor: Olaf Barth
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