Aktion Andere Welt - Behinderung auf Probe

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Erst nach dem Wendejahr 1989 ist in Tschechien eine ganze Reihe von Gesetzen verabschiedet worden, die die Stellung der körperlich behinderten Menschen in der Gesellschaft regeln. Sie unterscheiden sich kaum von entsprechenden Normen in den westeuropäischen Ländern. Mit ihrer Umsetzung in der Praxis sieht es allerdings nicht gerade rosig aus. Auf die Probleme dieser Menschen aufmerksam zu machen war das Ziel einer Veranstaltung, die vergangene Woche in Prag stattfand.

In der Tschechischen Republik sind etwa 300.000 Menschen registriert, die unter einer Störung des Bewegungsapparats leiden. Viele von ihnen sind an den Rollstuhl angewiesen. Ohne ihn könnten sie ihr Zuhause nicht verlassen. Außerdem leben hierzulande über 60.000 sehbehinderte Menschen, die ebenfalls sehr oft Probleme in öffentlichen Räumen haben.

Übrigens, haben Sie schon mal ausprobiert, wie es ist, mit verbundenen Augen auf dem Gehsteig zu staksen, beziehungsweise die Straße zu überqueren? Oder vielleicht haben Sie sich mal, sozusagen probeweise, in einen Rollstuhl gesetzt, und versucht, mit diesem "Fahrzeug" auf einem unebenen Weg vorwärts zu kommen? Nein? Einige von denen, die neulich eine Gelegenheit dazu bekommen haben, werden ihnen ihre Eindrücke mitteilen können.

Vergangene Woche fand auf dem Prager Friedensplatz (Namesti miru) eine auf zwei Tage anberaumte Veranstaltung statt. Das Motto lautete "Akce jiny svet", zu Deutsch "Aktion Andere Welt" mit dem Untertitel "Fragen und zuhören können". Organisiert wurde das ganze durch eine Gruppe von Instruktoren der Blinden und Rollstuhlfahrer in Zusammenarbeit mit der Städtischen Polizei. Die Letztere war durch Radek Krbec vertreten:

"Es geht darum, dass wir auf der Straße nicht nur die Behinderten wahrnehmen, sondern auch diejenigen, die ihnen das Leben verkomplizieren. Sei es durch das Parken von Autos auf Fußgängerüberwegen oder auf Gehsteigen. Unsere Arbeit besteht nicht nur in der gegen undisziplinierte Personen gerichteten Repression in Form von Geldbußen, Autokrallen und anderen Instrumenten. Wir wollen diesen Menschen zeigen, dass man sich auch anders verhalten kann. Wenn sie schon in der Lage sind, auf dem Übergang für Fußgänger stehen zu bleiben, so haben sie hier heute die Möglichkeit, sich auf den Rollstuhl zu setzen und selbst auszuprobieren, wie es ist, wenn man mit diesem um ein Auto herumfahren muss."

Auf dem Friedensplatz wollten es viele ausprobieren, übliche Straßenhindernisse mit einem Rollstuhl zu bewältigen. Man konnte zum Beispiel auch mit verbunden Augen einen Bus besteigen, um sich im Rahmen der Möglichkeiten in die Haut eines Blinden zu versetzen, der zu seiner Orientierung nur auf verschiedene Tonsignale angewiesen ist. Ein Großteil der Interessierten waren Schüler, beziehungsweise Schulklassen. Radek Krbec sagt warum:

"Wir laden aus einem einfachen Grund vor allem Schulen ein: Bei den Kindern kann man noch vieles bewirken. Die Umerziehung der Erwachsenen ist schwer. Den Kindern, so denken wir uns, bleibt etwas davon im Kopf hängen, wenn sie es ausprobiert haben."

Die anwesende Instruktorin für Blinde wies eine Gruppe von Schülern mit je einer undurchsichtigen Brille an, wie sie mit dem weißen Blindenstock in ihren Händen umzugehen haben: Linkes Bein, rechtes Bein ... Jeder sollte abwechselnd auf den einen und dann den anderen Fuß, wie beim Laufen, treten und mit dem Stock den Boden mal links, mal rechts abklopfen.

Es sei ziemlich anspruchsvoll, bestätigt der zehnjährige Pavel, der eine Weile in der Rolle eines "Blinden" herumtorkelt, und hat Angst, hinfallen zu können. Mit Augenklappen bestieg eine junge Frau den vor Ort befindlichen "Probebus". Auf die Frage, wie sie sich fühle, sagt sie kurz nur:

"Schrecklich!"

... und was empfindet sie als das größte Problem in der Dunkelheit?

"Überhaupt einzusteigen und einen Sitzplatz zu finden."

Beim Anlehnen im Rollstuhl verlegt man das Körpergewicht nach hinten und dreht dann mit einem Ruck nach hinten an den Seitenrädern. Dann heben sich die vorderen Rollstuhlräder vom Boden ab und man kann die Oberfläche der Gehsteigstufe erreichen. Wie schwer oder leicht es war, erzählt ein Mädchen, das die Hürde überwunden hat:

"Ganz schwer! Vor allem muss man dahinter kommen, wie die Fortbewegung im Rollstuhl möglich ist. Die Leute müssen schon gut trainierte Muskeln und kräftige Hände haben, um bergauf oder bergab fahren und dabei auch stehen bleiben zu können."

Offizielle Personen verweisen oft darauf, dass die Problematik des barrierefreien Zugangs für körperlich behinderte Personen in verschiedene Objekte hierzulande 40 Jahre lang vernachlässigt wurde. Ein Gesetz, das den Zugang in die - wie es offiziell heißt - Gebäude öffentlichen Interesses regelt, wurde erst 1994 verabschiedet. Es bezieht sich auf die Staatsbehörden, Bankhäuser, Gerichtsgebäude, die medizinischen Einrichtungen, aber auch auf Hotels oder Tankstellen. Allerdings nur auf diejenigen, die ab 1994 neu gebaut beziehungsweise rekonstruiert wurden. Daraus ist ersichtlich, dass es immer noch eine ganze Menge von mechanischen Hürden für die Behinderten in unseren Straßen gibt.

Auf dem Prager Friedensplatz war auch Frau Jarmila. Nach einem Autounfall ist sie an den Rollstuhl angewiesen. Was macht ihr auf den Straßen der Stadt besonders zu schaffen?

"Die größten Probleme bereiten uns die Treppen oder der Bürgersteigrand oder aber auch schiefe Bürgersteige. Unangenehm ist es zum Beispiel auch auf dem Kopfsteinpflaster, wenn es sehr holprig ist."

Und das kommt in Prag sehr oft vor. Das Dasein im Rollstuhl in einer Großstadt bringt natürlich auch zahlreiche Erfahrungen beim Umgang mit vorbeieilenden Passanten. Genauer gesagt, mit deren Rücksicht oder Rücksichtslosigkeit.

"Also, vieles ist anders geworden. Die Leute fragen, ob man Hilfe braucht oder nicht. Es ist gut, dass viele bereits gelernt haben, auch eine Absage hinzunehmen. Wenn ich etwas selbst schaffen kann und das Hilfsangebot ablehne, fühlen sie sich nicht beleidigt."

Die Rollstuhlfahrer, Blinden, Taubstummen und andere durch ein gesundheitliches Handicap betroffene Menschen werden von der Mehrheit der Gesellschaft als eine Minderheit wahrgenommen, der man oft entweder nur Reue oder aber Gleichgültigkeit entgegenbringt. Von ähnlichen Veranstaltungen, wie der auf dem Friedensplatz, sollte es viel mehr geben.