„Als europäische Einrichtung gegründet“: Die Prager Karlsuniversität

Blanka Mouralová (Foto: Archiv der Karlsuniversität)

An die 200 Partnerschaften hat die Prager Karlsuniversität heute, etwa zwei Dutzend davon mit deutschen Universitäten. Studenten aus ganz Europa kommen nach Prag, um hier ein Auslandssemester zu absolvieren. Warum das ganz im Sinne Karls IV. sein dürfte, der die Universität 1348 gegründet hat, weiß Blanka Mouralová. Sie ist Direktorin des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem / Aussig und hat einen deutschsprachigen Sammelband mit dem Titel „Die Prager Universität Karls IV.“ herausgegeben.

Blanka Mouralová (Foto: Archiv der Karlsuniversität)
Blanka Mouralová, Sie haben einen Sammelband über die Geschichte der Prager Karlsuniversität herausgegeben. Ist die Karlsuniversität für Sie die erste tschechische Universität, die gegründet wurde – oder ist sie die erste deutschsprachige Universität?

„Für mich ist die Karlsuniversität eine Universität, die als eine europäische Einrichtung gegründet wurde. Das war auch die Herangehensweise, mit der ich vor einigen Jahren als Leiterin des Tschechischen Zentrums in Berlin eine Vorlesungsreihe an der Humboldt-Universität in Berlin organisiert habe. Aus dieser Vorlesungsreihe ist der Sammelband entstanden.“

Blanka Mouralová: „Die Prager Universität Karls IV.“
Der Untertitel des Buchs lautet auch: „Von der europäischen Gründung bis zur nationalen Spaltung“: Was steckt hinter dem Begriff „europäische Gründung“?

„Es geht darum, dass unter Karl IV. Prag zum Zentrum Europas – oder mindestens Mitteleuropas – werden sollte. Darauf zielte auch die Gründung der Universität ab. Die Anziehungskraft der Universität in Prag war in den ersten Jahren sehr groß. Professor Christian Krötzl, der das erste Kapitel in diesem Sammelband geschrieben hat, hat sehr schön gezeigt, dass mindestens für halb Europa damals die Prager Universität wichtig war. Studenten aus Skandinavien sind zum großen Teil nach Prag gekommen. Damit ist eine schöne Geschichte verbunden: Man kann heute nachweisen, dass eine große Zahl von Volksliedern in Finnland aber auch in Schweden ursprünglich aus Prag stammt. Diese Lieder haben nämlich die Studenten aus Prag mit nach Hause gebracht.“

Aus dem Sammelband „Die Prager Universität Karls IV.“ (Foto: Archiv der Karlsuniversität)
An dem Buch haben deutsche und tschechische Autoren gearbeitet. Gab es da nicht manchmal unterschiedliche Ansichten deutscher und tschechischer Wissenschaftler?

„Ich glaube, dass wir heute weit davon entfernt sind, die Geschichte der Universität als ein Streitthema im deutsch-tschechischen Kontext wahrzunehmen. Ich habe bei den Präsentationen des Buches immer wieder gerne – zum Teil auch aus Spaß – die Frage an die Autoren gestellt, welche Aspekte der Geschichte vielleicht noch ein Streitthema zwischen deutschen und tschechischen Historikern sind oder werden könnten. Die Antwort, die ich erhalten habe, war: ‚Man weiß immer noch nicht, wohin die Insignien der Universität eigentlich verschwunden sind.’ Aber das ist kein Streitthema mehr. Es geht vielmehr eher darum, den Blick zu öffnen und in diesem internationalen Kontext die ursprüngliche europäische Ambition der Einrichtung zu sehen und darzustellen, wo die Hindernisse lagen, als die Universität aufgrund der nationalen Streitigkeiten diese Ambitionen nicht erfüllen konnte. Aber von diesen nationalen Streitigkeiten nehmen wir heute schon Abstand.“

Aus dem Sammelband „Die Prager Universität Karls IV.“ (Foto: Archiv der Karlsuniversität)
Der Sammelband „Die Prager Universität Karls IV.“ ist im Verlag Deutsches Kulturforum östliches Europa erschienen und ist über das Collegium Bohemicum erhältlich. Und für alle, die sich fragen, was es mit den erwähnten Insignien der Universität auf sich hat: Der wertvolle Universitätsschatz wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vermisst. Zu seinem Verbleib gibt es verschiedene Theorien. Vielleicht befindet er sich ja in dem berühmten Bernsteinzimmer, das ebenfalls seit Kriegsende verschollen ist – das ist aber nur eine von vielen unbestätigten Vermutungen.

Autor: Corinna Anton
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