Ausgebucht! – Seit der Wende verzeichnen tschechische Seelenärzte großen Zulauf

Aus den USA sind solche Meldungen bekannt. Aus Tschechien klingen sie aber ungewohnt: Immer mehr Menschen suchen den Psychiater auf und brauchen Hilfe. Petr Moos ist Psychologe und Psychotherapeut. Er bestätigt den Trend. In Zeitungsartikel macht er von Zeit zu Zeit auf den „psychischen“ Zustand der Gesellschaft aufmerksam.

„Wenn Sie meine Arbeit meinen, dann kann man wohl sagen, dass ich einigermaßen Stress habe“, sagt Petr Moos. Er versuche das auf möglichst einfache Weise zu kompensieren.

„Wenn ich merke, dass ich gestresst bin, dann versuche ich den Stress-Tag genauestens zu analysieren. Und dann ist es gut, sich an jedem Tag eine bestimmte Phase herauszunehmen, in der man genau das Gegenteil dessen tut, was einen nach der Selbstanalyse sonst beschäftigt und stresst. Wenn ich hier also den ganzen Tag im geschlossenen Raum sitze – ohne Bewegung - und die Probleme der Menschen analysiere, dann gehe ich als Ausgleich in meiner Freizeit raus in die Natur, fahre Fahrrad, klettere. Dann gibt es auch eine Zeit, in der ich gerne allein bin und den Tag, der hinter mir liegt, noch einmal auslote.“

Von Zeit zu Zeit veröffentlicht Petr Moos Artikel in Tageszeitungen, die der tschechischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Er ist klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Seine Berufsgruppe kann man getrost als Seismograf für die Seele der Gesellschaft bezeichnen. Moos und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun. Die Gesundheitsreform der Regierung sollte eigentlich die übermäßigen Arztbesuche der Tschechen wegen Kinkerlitzchen reduzieren. Die Reform scheint in den Praxen von Psychotherapeuten und Psychologen nicht ganz zu greifen.

Foto: Europäische Kommission
„Die Reformen funktionieren in dem Sinne nicht, dass die Patientenzahlen nicht geringer werden. Das liegt zum einen daran, dass die Menschen am häufigsten zur Psychotherapie kommen und dafür muss man keine Zuzahlungen leisten. Ein anderer wesentlicher Grund ist aber, dass die Nachfrage – wenn ich das so sagen darf – steigt. Das zeigt auch mein Kalender. In den kommenden eineinhalb Monaten kann ich keine weiteren Patienten mehr annehmen“.

Ausgebucht! - Seit der Wende verzeichnen Psychologe Moos und seine Fachkollegen in der Tschechischen Republik eine schrittweise Zunahme von psychischen Erkrankungen. Die Lebensbedingungen nach westlichen Maßstäben fordern ihren Tribut, meint Petr Moos.

„Die aus psychologischer Sicht entscheidendste Veränderung ist meines Erachtens der Verlust von Sicherheit. Das kommunistische Regime war zwar furchtbar, aber es gab in seiner grauen Einheitlichkeit die Sicherheit, dass Dinge, die es heute gibt, auch nächstes Jahr und in fünf Jahren noch da sein werden. Das Brot wird immer so billig sein, dass ich es mir leisten kann, ich werde Arbeit haben – auch wenn der Arbeitsmarkt ein künstlicher war. Und diese graue Welt war eben einfacher und berechenbarer.“

Nach der Wende kam es zu einem Verlust vieler dieser Sicherheiten.

„Weil der Mensch für sich allein verantwortlich ist und viel mehr Möglichkeiten hat. Und es ist allein an ihm, was er mit diesen Möglichkeiten macht. Nicht jeder kommt damit gleich gut klar. Für manche ist das äußerst problematisch, für andere eine echte Befreiung. Da kommt es auch sehr auf das Alter an. Die mittlere Generation, also zwischen 45 und 55 kämpft wohl am meisten damit. Sie waren gewohnt, dass alles so läuft wie gewohnt und nun ist es immer anstrengender für sie, sich dem Tempo und dem Lebensstil anzupassen.“

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Hinzu kommt das Erleben von Enttäuschung. Eine idealisierte Vorstellung von einem Leben nach westlichem Muster, ohne Denunzianten, Stasi und Angst, traf rasch nach der Wende auf eine harte Realität. Freiheit und Eigenverantwortung haben für nicht wenige Menschen den Glanz verloren, sind zur Belastung geworden. Der Glanz des Konsums hingegen scheint ungebrochen. Tschechien war früher das Land mit dem Krankenhaus am Rande der Stadt. Heute zieht sich ein fester Ring von Hyper- und Giga-Einkaufszentren um jede Stadt.

„Ein großer Teil der Menschen, die zu mir kommen und Hilfe suchen, hat vor allem ein Problem: Ein Leben auf Kredit. Hypotheken, Leasing, Ratenzahlung, das kam alles nach der Revolution. Und ich hab das Gefühl, dass Tschechen noch nicht vollständig in der Realität angekommen sind. Man kann sich viele Dinge erlauben, aber gleichzeitig ist man nicht fähig, sozusagen sich selbst einzuholen und das ganze auf eine realistische Basis zu stellen. Nun haben wir zwar schöne Sachen, die es vorher nicht gab, aber alles auf Kredit. Das ganze zahlt man ratenweise ab und kommt dabei in Stress, verliert vielleicht seine Arbeit, bekommt Sozialhilfe und hat dazu noch einen Haufen Schulden. Der Kollaps ist nicht mehr fern und dann kommen die Leute zu uns in die Praxis. Wir versuchen für ihren inneren Zustand einen Ausweg zu finden. Wenn wir das schaffen, dann hält das aber nicht an. Denn da lauert schon wieder der Schuldenberg, gegen den sie angehen müssen. Viele können nicht mehr innehalten in ihrem gestressten Leben.“


„Der Konsum-Kollaps der Menschen hängt aber noch mit einer anderen Sache eng zusammen, die vielleicht so etwas wie ein tschechisches Spezifikum ist. Wenn die Leute mit ihren Problemen zu mir kommen, dann fällt auf, dass sie sehr viel schimpfen, sich beklagen und beschweren. Ich glaube, das ist den Tschechen in gewisser Weise zueigen, diese Unzufriedenheit, vor allem, wenn sie sich mit anderen Menschen vergleichen. Das ist Neid. Ich bin unzufrieden, wenn es einem anderen gut geht, weil es mir selbst nicht gut geht. Dieser Neid und die Unzufriedenheit machen vielen Tschechen innerlich zu schaffen.“

Der Hang zum Neid ist integraler Bestandteil des tschechischen Selbstbildes, ein geradezu gehegtes und gepflegtes nationales Eigentum. Eine Legende, an der ja bekanntlich immer ein Körnchen Wahrheit ist.

Viele seien heute überfordert durch den Zwang, ihr Leben in den Fugen zu halten. Die tschechische Gesellschaft, meint Petr Moss, stürme dennoch mit hohem Tempo forwärts. Hat der Psychologe und Psychotherapeut eine Botschaft für seine Zeitgenossen?

„Schauen wir uns doch mal an, ob sich nicht einige Dinge sozusagen entschleunigen oder gar stoppen lassen. Und dort wo, wir innehalten, sollten wir uns einfach mal umschauen, was uns umgibt. Vielleicht werden wir feststellen, dass wir ganz woanders sind, als wir sein wollten.“