Ausstellung dokumentiert „Zerstörte jüdische Denkmäler Nordböhmens 1938-1989“

Foto: ČT24

Im Prager Klementinum sind gerade bisher nicht gezeigte Photos der Kristallnacht im November 1938 zu sehen sowie zum ersten Mal ausgestellte Synagogal-Textilien. Die Ausstellung heißt „Zerstörte jüdische Denkmäler Nordböhmens 1938-1989“ und ist noch bis zum März geöffnet.

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Die Ausstellung ist Bestandteil eines größeren Projekts, in dessen Rahmen verschwundene und zerstörte Denkmäler Nordböhmens dokumentiert werden. Sie knüpft an die Ausstellung „Zerstörte Kirchen Nordböhmens“ an, die vor einem Jahr im Prager Klementinum und an 15 weiteren Orten Tschechiens gezeigt wurde. Initiiert wurde das umfangreiche Projekt von Tomáš Hlaváček aus dem nordböhmischen Städtchen Úštěk / Auscha. Hlaváček leitet dort den „Verein für die Instandsetzung von historischen Baudenkmälern“:

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„Unser Verein bemüht sich, Denkmäler rund um Úštěk zu retten. Sehr oft helfen uns dabei Kinder aus dem Wanderverein T.O.M. in Úštěk. Bei den Arbeiten haben wir festgestellt, dass sie oftmals keine Ahnung von der jüngsten Vergangenheit haben, davon, dass es Kirchen, Synagogen und jüdische Friedhöfe in unserer Umgebung gegeben hat. Zunächst entstand also alles als ein kleines Projekt für Jugendliche. Später schlossen sich Universitäten in Prag und Ústí nad Labem sowie weitere Institutionen an, und aus der Initiative wurde ein großes Projekt.“

Kristallnacht (Illustrationsfoto)
Nach den christlichen Kirchendenkmälern liegt nun also der Fokus auf den jüdischen Bauten. Alleine am 9. November 1938, während der so genannten Kristallnacht, wurden 35 Synagogen in Nordböhmen zerstört. Weitere 25 Synagogen verschwanden im Laufe des Zweiten Weltkriegs und 13 Gotteshäuser gingen in den Jahren 1948-1989 verloren. Von den 400 jüdischen Friedhöfen wurden 70 dem Erdboden gleich gemacht. Tomáš Hlaváček macht auf die unterschiedliche Behandlung der jüdischen Bauten während der Nazi-Zeit und der kommunistischen Nachkriegszeit aufmerksam:

„In der Nazi-Zeit wurden die Synagogen niedergebrannt oder sofort zerstört. In der Zeit des Kommunismus hat man sie zunächst einmal langsam verfallen lassen und letztendlich abgerissen.“

Die Suche nach Belegen der jüdischen Geschichte in Nordböhmen war recht schwierig, wie Hlaváček sagt:

Tomáš Hlaváček (Foto: ČT24)
„Die Forschung war komplizierter als beim vergangenen Projekt. Bei den christlichen Kirchen sind viele Photos und Dokumente erhalten geblieben. Dagegen hat der Holocaust die jüdische Besiedlung Nordböhmens ausgelöscht, ganze Familien und ganze Ghettos sind verschwunden. Und damit auch ihre Photodokumentationen und ihre Archive.“

Für die Ausstellung wurden nur solche Orte ausgewählt, an denen die jüdischen Denkmäler ganz verschwunden sind und heute nur noch auf Grund von Dokumenten belegt werden können. Eine Ausnahme bildet Úštěk: die hiesige Synagoge war im Jahr 1989 als Ruine zum Abbruch bestimmt und wurde im letzten Augenblick, dank der politischen Wende, gerettet. Heute befindet sich dort ein Museum. Tomáš Hlaváček:

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„Wir beschreiben auf den Ausstellungstafeln zunächst einmal die Entstehung der jüdischen Gemeinde in der jeweiligen Stadt und Anlegung des jüdischen Friedhofs. Dann seine Erweiterung und den Bau von Versammlungsräumen. Der zweite Teil zeigt dann den Aufbau von Gebetshäusern. Und der dritte Teil der Tafeln macht deutlich, wie schnell diese dann niedergegangen sind. Die dreihundertjährige Geschichte des jeweiligen Ortes endet sehr oft an einem einzigen Tag.“

Die Ausstellung „Zerstörte jüdische Denkmäler Nordböhmens 1938-1989“ ist noch bis zum 3. März im Gebäude der Nationalbibliothek in der Prager Altstadt zu besichtigen. Zur Ausstellung ist auch eine zweisprachige Publikation auf Tschechisch und Deutsch erhältlich.