Ausstellung in Prag: Osterliturgie und bildende Kunst im Mittelalter

Christus aus Medlov (Foto: Erzdiözesanmuseum Olomouc)

Am Anfang stand die Entdeckung eines landesweit einmaligen Kulturguts. Im Kirchendepositar der mittelmährischen Stadt Litovel / Littau wurde eine verstaubte und recht sonderbare Christusfigur gefunden. Das war die Initialzündung für die folgende kunsthistorische Forschung, die neues Licht in die mittelalterliche Tradition der Osterfeier hierzulande bringen sollte. Das Schicksal des gefundenen Kunstwerks wurde zum Anlass, die Einbindung der bildenden Kunst in die mittelalterliche Osterliturgie in einer Ausstellung zu veranschaulichen. Genauer gesagt in zwei Ausstellungen. Eine fand bereits vor einem Jahr im mährischen Olomouc / Olmütz statt, die folgende hat vor wenigen Tagen ihre Tore im Prager Strahov-Kloster eröffnet.

“Victimae paschali laudes“ - so lautet die zweite Strophe der Sequenz in der Liturgie des Ostersonntags. Ihre Einleitungsworte stehen, wie bereits vor einem Jahr in Olmütz, nun auch im Titel der Prager Ausstellung. Und auch wenn sie keine „Reprise“ ihrer Vorgängerin ist, haben sie doch etwas gemeinsam. Auch diesmal ist der „Christus aus Littau“ die zentrale Figur. Ihr Ursprung wird auf das 2. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts datiert. Die Rückkehr der 115 Zentimeter großen Figur ans Tageslicht war für alle Beteiligten eine spannende Geschichte. Helena Zápalková, eine der Kuratorinnen der Ausstellung:

Helena Zápalková  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Diese Statue galt eine Zeitlang als vergessen. Man entdeckte sie im Depot des Pfarrhauses von Litovel und sie war in einem erbärmlichen Zustand. Vor der Restaurierung dachten wir, dass es sich um eine Christusfigur handelt, die einst im Heiligen Grab einer Kirche lag. Erst bei einer genaueren Untersuchung fanden wir auf beiden Schultern einen Textilverband jüngeren Datums. Auf Bildern eines Computertomographen waren allerdings bewegliche Schultergelenke unter den Stoffbandagen zu sehen. Von nun an wussten wir, dass es sich um ein besonderes Artefakt handelte. Nach der Restaurierung hat sich gezeigt, dass es eine farbig gefasste, spätgotische Holzfigur ist, die im Mittelalter bei liturgischen Zeremonien verwendet wurde.“

Passionsspiele
In der Fach- sowie Laienöffentlichkeit hierzulande sind solche Artefakte nur wenig bekannt. Auch für die hiesige katholische Kirche war es eine Überraschung, dass Kunstwerke auch für diese Zwecke verwendet wurden. Vor allem bei Mysterien- und Passionsspielen konnte mit einer beweglichen Figur nämlich der Leidensweg Christi bildhaft dargestellt werden: die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung. Das soll die Prager Ausstellung „Victimae paschali laudes - Osterliturgie und bildende Kunst des Mittelalters“ veranschaulichen. Die Kuratorin Michaela Ottová erläutert:

Passionsbuch von Jan Kalivoda  (Foto: Erzdiözesanmuseum Olomouc)
„Der Christus-Corpus aus Littau war für uns ein Schlüsselimpuls: Wir haben über die Wahrnehmung dieses mittelalterlichen Kunstwerks nachgedacht und uns das Konzept dieser Ausstellung überlegt. Dadurch soll seine Funktion transparenter werden. Außer seiner ästhetischen Qualität und dem Bezug auf seinen Schöpfer hat uns auch seine Verwendung im Verlauf des Kirchenjahrs interessiert. Vor allem aber die spezifischen Formen der Darstellungen bei den liturgischen Osterfeiern.“

Insbesondere am Karfreitag, an dem zunächst die „depositio crucis“, die Kreuzabnahme, sowie die Grablegung Christi stattfanden. Darauf folgte in der Nacht oder in der Frühe des Ostersonntags die „elevatio crucis“, die Kreuzerhöhung, als Symbol für die Auferstehung Christi. Illustrationen solcher liturgischen Handlungen findet man unter anderem auch in mittelalterlichen schriftlichen Quellen. Im Prager Prämonstratenserkloster dokumentiert das so genannte Passionsbuch von Jan Kalivoda aus dem Jahr 1525 eben diese Handlungen. Michaela Ottová:

Olmützer Evangelienbuch
„Im unteren Teil des illuminierten Titelblattes ließ sich der Auftraggeber selbst, der Kanoniker des Olmützer Kapitel, Jan Kalivoda, abbilden, wie er neben dem gekreuzigten Christus kniet. Das Kruzifix ist in rotes Tuch gehüllt und von den Prozessionsteilnehmern umgeben. Für uns ist es ein visueller historischer Nachweis, wie es bei so einer Prozession ausgesehen hat.“

Einen Einblick in das österliche Geschehen vermittelt in der Ausstellung auch das so genannte Olmützer Evangelienbuch, das 1421 vermutlich für das Klarissenkloster verfasst wurde. Auf mehreren Folienseiten ist ausführlich der Ritus am Karfreitag beschrieben, bei dem das Kruzifix nach der Anbetungszeremonie vom Altar genommen und ins Ostergrab gelegt wurde. Hierfür musste die Christusfigur mit beweglichen Armen versehen werden, um je nach Anlass, liegend oder gekreuzigt, mit ausgestreckten oder anliegenden Oberarmen verwendet zu werden. Von derartigen Artefakten sind allerdings in Böhmen und Mähren nicht viele erhalten geblieben.

Schultergelenke des ´Christus aus Littau´  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Zum großen Teil wurden sie, wie vermutet, von den Hussiten im 15. Jahrhundert vernichtet, die in den Christusdarstellungen nur Fetisch-Figuren sahen. Ihr Schwund ist aber auch auf die Reformation zurückzuführen, die ebenfalls den Corpus Christi als Objekt der Verehrung ablehnte. Im Lauf der Zeit hat sich die Osterliturgie durch einen Prozess verändert und damit auch die Wahrnehmung des Kunstwerkes. Die einst „aktive“ Plastik, die Christusfigur von Littau, erhielt eine neue Funktion, wie Helena Zápalková erklärt:

„Durch das Umbinden ihrer Schultergelenke mit Textilverbänden hat man die Statue, von der nur einmal im Jahr Gebrauch gemacht wurde, zur statischen Grabfigur in der St.-Georgs-Kapelle zu Littau gemacht. Dort verblieb sie vermutlich bis Anfang des 20. Jahrhunderts, wie den vorliegenden Quellen zu entnehmen ist. Wahrscheinlich ist sie durch ihre Umfunktionierung so lange erhalten geblieben. Es wird angenommen, dass viele solcher beweglichen Standbilder durch die ständige Benutzung beschädigt und danach aussortiert wurden.“

Christus aus Medlov  (Foto: Erzdiözesanmuseum Olomouc)
Oder aber man hat die sichtbaren Hinweise auf ihre Verwendung im Rahmen des österlichen Sonderritus, nämlich die beweglichen Schultergelenke, erst in jüngerer Vergangenheit beseitigt. Auch dafür gibt es in der Ausstellung „Victimae paschali laudes“ ein Beispiel: eine 72 Zentimeter große Christusfigur, datiert zwischen 1480 und 1490, eine Leihgabe der St.-Peter- und-Paulskirche im mährischen Medlov. Helena Zápalková:

“Bei der vor etwa 30 Jahren durchgeführten Restaurierung des ´Christus aus Medlov´ wurden die Ledereinsätze in den Schultergelenken beseitigt. Sie waren nicht mittelalterlichen Ursprungs. An ihrer Stelle muss schon früher ein anderer Mechanismus gewesen sein. Die Restauratoren haben aber dieser Besonderheit keine Bedeutung beigemessen. Dass der Christus-Corpus einem speziellen Zweck gedient hat, diese Idee hatte damals niemand. Allein seine Größe hätte aber auf den Gebrauch bei alten Passionsspielen hinweisen können. Die Polychromie, die farbige Gestaltung der Figur einschließlich der Blutspuren, ist auch auf dem Rücken des Christus zu finden. Es besteht daher kein Zweifel, dass die Arme einst beweglich waren.“

Michaela Ottová  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Dass auch noch in neuerer Zeit beim Umgang mit den sonderbaren Kunstwerken Fehler begangen wurden, ohne dass sich jemand die Frage nach ihrer Rolle gestellt hat, erläutert die Kunsthistorikerin Michaela Ottová folgendermaßen:

„Hierzulande wurde diesen Fragen lange Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt - weder von den Kunsthistorikern noch von anderen Historikern oder Archivaren. In der Vorwendezeit passte es den offiziellen Stellen nicht ins Konzept, die Nutzung dieser sakralen Gegenstände methodologisch untersuchen zu lassen. Aber auch nach 1989 haben wir uns damit eine Zeitlang nicht befasst, im Unterschied zu anderen im mitteleuropäischen Raum laufenden Forschungen, vor allem in Deutschland. Dort verfügt man mittlerweile über ein solides Register von mittelalterlichen Figuren mit beweglichen Gliedmaßen. Vollständig erfasst ist ihre Zahl bestimmt noch nicht. Immerhin, sie geht in die Dutzende, wobei wir hierzulande vorläufig bei bescheidenen fünf Stücken angelangt sind.“

Eine ist eine Christusfigur, die in das Jahr 1350 datiert wird. In der Ausstellung ist sie leider nicht zu sehen, weil sie als sakraler Gegenstand nicht die Klausur des Prager Barnabitenstifts verlassen darf. Sie könnte übrigens das gleichaltrige böhmische Pendant sein zu der bisher als älteste geltenden Christusplastik mit schwenkbaren Armen, die aus der Werkstatt der Familie Pisano im italienischen Florenz stammt.

Es ist kaum möglich, alle Kunstwerke zu nennen, die derzeit in den historischen Räumlichkeiten des Strahov-Klosters zu sehen sind. Die Christus-Standbilder, verschiedene Goldschmiedearbeiten, handschriftliche Texte mit kunstvoll geschmückten Deckeln, Tafelbilder, Monstranzen und weitere Artefakte dokumentieren anschaulich, dass sich im Mittelalter das biblische „Geschehen“ nicht nur für das Ohr, in Texten und Gesängen, sondern auch für das Auge abspielte.