„Babydox“: Prager Galerie DOX öffnet den Kleinsten das Tor in die Kunstwelt

In den Museen und Galerien in Tschechien wird bei der Gestaltung von Ausstellungen auch immer mehr an die Kinder gedacht. Da gibt es etwa Exponate, die angefasst werden dürfen, oder kindgerecht illustrierte Texte. Im Zentrum für Gegenwartskunst DOX in Prag kümmert man sich ebenfalls aktiv um die jüngsten Besucher. Die Werkstatt „Babydox“ will einen spielerischen Zugang zu den Ausstellungen schaffen. Das Angebot sei nicht nur für kleine Kinder unterhaltsam, sondern auch für deren Eltern, heißt es in der Selbstdarstellung.

Foto: Centrum DOX

Seit mehr als 15 Jahren ist das DOX in Prag eine feste Größe in der Kulturlandschaft Tschechiens. Das heißt, dass vielleicht auch einige der heutigen Jugendlichen mit dem DOX aufgewachsen sind – falls ihre Eltern sie schon früh mit in die Galerie genommen haben. Denn genau das wünschen sich die Macher des Zentrums für Gegenwartskunst, und dafür gibt es das Lern- und Betreuungsprogramm „Babydox“.

Die Betrachtung von Kunstwerken sei nämlich nicht nur eine Berreicherung für Erwachsene, findet Jiří Raiterman. Er leitet die Bildungs- und Familienprogramme im DOX und sagte im Interview mit Radio Prag International:

Jiří Raiterman | Foto: Eva Sinkovičová,  Tschechischer Rundfunk

„Die Zwei- bis Vierjährigen überraschen uns oft damit, auf was sie achten und auf was nicht. Manche Dinge, die wir Erwachsenen für erschreckend oder inakzeptabel halten, interessieren die Kinder zum Beispiel überhaupt nicht und lassen sie kalt. Und andersherum kann etwas, das ich vielleicht für mich als unpassend empfinde, die Kleinen faszinieren und anziehen. Den Grund dafür versteht man eventuell erst später. Denn es ist schwierig, sich in ein zweijähriges Kind hineinzuversetzen.“

Kinder von zwei bis vier Jahren sind also die Altersgruppe, für die die Werkstatt „Babydox“ seit 2023 angeboten wird. Sie gehe auf eine Initiative der Illustratorin Viktória Krtička Černegová zurück, berichtete Raiterman:

Foto: Centrum DOX

„Viktória hatte zu der Zeit schon viele Jahre lang als Lektorin im DOX gearbeitet und eine Menge Erfahrungen. Ihr eigener Familiennachwuchs motivierte sie dazu, die Museumspädagogik aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten – nämlich aus der Perspektive der Kleinsten. Sie erkannte, dass sich in der Welt ein Trend entwickelte, Kinder schon in einem sehr frühen Alter in die Galerien zu holen. Dies hat auch eine Tradition in Tschechien – die Spielzimmer im Prager Messepalast etwa sind bekannt und immer gut besucht. Darum schlug Viktória vor, ein solches Format auch im DOX einzurichten.“

Provokatives zieht Kinder an

Das DOX hat den Ruf einer sehr progressiven Galerie. In den Ausstellungen werden aktuelle Geschehnisse in der Welt und grundlegende gesellschaftliche Diskussionen aufgegriffen. Und immer stellt sich dabei auch die Frage, wie das Publikum angesprochen werden soll – und zwar in jedem Altersspektrum. In regelmäßigen Kooperationen mit Schulen werden die Themen vor allem für Jugendliche aufgearbeitet. Und beim „Babydox“ gibt es jeden Donnerstag um 14.30 Uhr und 16.30 Uhr Workshops für die Allerkleinsten. Jiří Raiterman erläutert:

Foto: Centrum DOX

„Es handelt sich um ein regelmäßiges Format für Eltern, wobei die jeweilige Familie eine aktive Arbeitseinheit ist und das Material zu einer der laufenden Ausstellungen erkundet. Meist gibt es einen Workshop oder vorbereitende Aktivitäten, dank derer die Teilnehmer dann schon mit einem gewissen Vorverständnis in die Ausstellung gehen. Während dieser zwei oder drei Stunden machen sie sich mit Werken der Gegenwartskunst bekannt – aber die Familien lernen sich auch untereinander besser kennen, kreieren zusammen etwas und haben ein gemeinsames Erlebnis.“

Ausstellung „David Lynch: Up in Flames“ | Foto: Jan Slavík,  Centrum DOX

Beim „Babydox“ begeben sich die Teilnehmer etwa auf ein Abenteuer ins Luftschiff Gulliver, das über der Dachterrasse der Galerie schwebt. Oder sie entdecken die aktuelle Ausstellung über David Lynch namens „Up in Flames“ (zu Deutsch etwa: In Flammen aufgehen) für sich.

Raiterman betont jedoch, dass sich die Eltern und Kleinkinder nicht nur mit dem eigentlichen Ausstellungsthema beschäftigen, sondern in die Sphären von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft eintauchen würden. Letztlich sei ja der Name DOX vom griechischen Wort doxa abgleitet, das die Meinung oder auch das Verstehen einer Sache beschreibe. Deswegen gehe es in den Begleitprogrammen auch immer um ein breiteres Verständnis der heutigen Welt und um ein kritisches Denken, so der Kurator:

„Da die Kunst oftmals ungeschliffen, frech oder provokativ ist, wirft sie Fragen in einer bestimmten Art und Weise auf. Mit dieser lässt sich anders arbeiten, als wenn man zu einem soziologischen Vortrag geht.“

Foto: Centrum DOX

Der potentiell überraschende oder sogar aufrührerische Charakter von Kunst wecke auf natürliche Weise das Interesse von Kindern, fährt Raiterman fort. Und das gelte bereits in einem sehr jungen Alter, weswegen sich „Babydox“ schon an Zweijährige wende. Der Unterschied zu den vierjährigen Teilnehmern sei mitunter aber riesig, lenkt der Sektionsleiter ein. In den Workshops müssen demnach ganz unterschiedliche Temperamente, Interessen und auch Bedürfnisse koordiniert werden…

Foto: Centrum DOX

„Das lässt sich nur dadurch lösen, indem Viktória und die anderen Lektoren verschiedene Stationen anbieten. Einige sind eher künstlerisch-kreativ, und bei anderen muss man sich mehr bewegen. Und wieder andere arbeiten mit recht herkömmlichen Materialien, die aber zum Bestandteil des Spiels werden, das sich am Ende auch in bildende Kunst verwandelt.“

Toleranz muss früh erlernt werden

Im DOX wurden inzwischen schon zahlreiche dieser Kinder-Workshops durchgeführt. Als besonders geeignet habe sich die Ausstellung „KAFKAesque“ erwiesen, berichtet Jiří Raiterman. Mit dieser Schau trug die Galerie 2024 zum internationalen Kafka-Jahr bei. Vor allem jene Exponate, die technisch angetrieben wurden, hätten die Aufmerksamkeit der Kleinen auf sich gezogen, sagt der Programmleiter – wie etwa ein Hirschskelett, das durch Bewegungen auf Hate-Tweets im Internet reagierte…

„Der Hirsch stand zunächst still. Immer, wenn ein Tweet hereinkam, ging die Skulptur in die Knie und begann, sich zu bewegen. Es handelte sich um eine komplizierte technische Angelegenheit des bekannten britischen Künstlers Mat Collishaw. Dieses Hirschskelett war kein Exponat, von dem wir erwartet hätten, dass es superinteressant für Kinder sein würde. Und manche hatten auch Angst vor ihm. Aber viele Kinder – und darunter auch Viktórias eigener Sohn Eddie – zeigten eine absolute Faszination für dieses Objekt. Sie kamen sogar extra wegen des Hirsches noch einmal ins DOX.“

Foto: Centrum DOX

Die Meinung, dass moderne Kunst nichts für Kinder sei, vertreten wohl auch viele Eltern – ganz zu schweigen von jenen erwachsenen Besuchern, die beim Betrachten der Exponate Stille einfordern. Sicher müsse man sich manchmal auch konzentrieren, um ein Kunstwerk zu verstehen, gesteht Raiterman zu. Er verweist andererseits aber auf den Bildungsauftrag, den eine Einrichtung wie das DOX eben habe:

„Für ein Kind ist es sehr wichtig, dass es ab einem jungen Alter interessante und inspirierende Anreize bekommt. Je eher dies geschieht – und nicht etwa erst in der Pubertät, wenn man kaum an die Person herankommt –, desto besser kann verhindert werden, dass aus ihm ein Mensch mit einer feindseligen Einstellung gegenüber etwas Andersartigem wird. Desto resistenter ist er dagegen, dass ihn jemand dazu bringt, eine andere Herkunft oder eine andere Meinung als etwas Böses anzusehen.“

Foto: Centrum DOX

Jeder erwachsene Mensch habe im Leben wohl schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Kunstwerk das eigene Denken und die Wahrnehmung anderer  grundlegend verändert habe, fügt der Pädagoge an. Oft hätten etwa Filme diese Wirkung. Das DOX bezeichnet Raiterman außerdem als eine aktive und lebendige Plattform. Es wolle Kindern und jungen Menschen einen Raum für ihre Kreativität geben, um in ihnen Gefühle von Empathie und Flexibilität zu wecken:

„Das sind natürlich nur kleine Tropfen in einem großen Meer. Darum sollten mehr Einrichtungen so etwas machen. Oder auch Lehrer sollten die Kinder in ihren jeweiligen Fächern auf Andersartigkeiten aufmerksam machen. Damit vermitteln sie ihnen noch etwas mehr als nur den eigentlichen Unterrichtsstoff. Wenn ein guter Physik- oder Biologielehrer die Liebe zu seinem Fach weitergibt, dann gibt er auch die Liebe zur Welt weiter. Und die Welt ist eben mannigfaltig und reich.“

Einen Eindruck davon, wie reich die Welt ist, könne man auch im DOX bekommen, fügt der Sektionsleiter hinzu. Die Workshops von „Babydox“ seien zwar auf Tschechisch, aber das Lektorenteam sei auch geübt im Umgang mit Besuchern anderer Nationalitäten. Englisch zum Beispiel sei deswegen kein Problem, unterstreicht Jiří Raiterman.

Autoren: Daniela Honigmann , Romana Marksová
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