Bedřich Smetana – tschechischer Nationalkomponist zwischen Mythos und Realität

Bedřich Smetana

Bedřich Smetana hat dieses Jahr ein Doppeljubiläum: Vor 190 Jahren wurde er geboren und vor 130 Jahre starb er. In Erinnerung den Komponisten finden daher in Tschechien viele Veranstaltungen statt: Konzerte, Ausstellungen, und auch ein Theaterstück über ihn wird aufgeführt. Smetana wird hierzulande als nationaler Komponist und Begründer der tschechischen Klassik betrachtet. Doch Teile seines Lebens sind tabuisiert: so zum Beispiel dass er jahrzehntelang fast ausschließlich Deutsch sprach und dass er an Syphilis starb.

Oper „Die Verkaufte Braut“
„Meinen Verdiensten nach bin ich ein tschechischer Komponist und der Erfinder eines typisch tschechischen symphonischen und dramatischen Musikstils.“ Diese Worte werden Bedřich Smetana zugeschrieben, und der Komponist soll sich nicht nur einmal in diesem Sinne geäußert haben. Die Tschechen glaubten schon zu seinen Lebzeiten diesen Worten, bis heute gilt daher sein Schaffen als Aushängeschild der tschechischen Kultur. Smetanas populärste Oper „Die Verkaufte Braut“ wurde in den vergangenen Jahren mehrmals in ungewöhnlichen Inszenierungen aufgeführt, was heftige Debatten ausgelöst hat. Bei feierlichen Staatsakten erklingt außerdem die Fanfare aus seiner Oper Libuše. Und an Smetanas Todestag am 12. Mai wird jedes Jahr das internationale Musikfest „Prager Frühling“ eröffnet. Traditionell wird dabei der Zyklus symphonischer Dichtungen „Mein Vaterland“ aufgeführt.

Bedřich Smetana
Smetana war ein typischer Komponist der Romantik, und auch sein Leben verlief zu Anfang wirklich romantisch. Er wurde in eine mittelständische, gut situierte Familie geboren und konnte sich seit seiner Kindheit der Musik widmen. Der Schulunterricht interessierte ihn nicht sonderlich, deswegen musste sein Vater ein gutes Wort beim befreundeten Direktor des Gymnasiums im westböhmischen Plzeň / Pilsen einlegen, damit sein Sohn überhaupt das Abitur bestand. Smetana wollte jedoch nach Prag, um Pianist und Komponist zu werden. Das gelang ihm auch, er erhielt viel Umgang in der Gesellschaft, spielte Klavier auf Bällen, tanzte und komponierte Polkas. Außerdem muss man vermuten, dass er ein ziemlicher Schürzenjäger war.

Beruflich ging es insgesamt bergauf: Nachdem Smetana zunächst die Kinder von Graf Leopold Thun in Musik unterrichtete, eröffnete er 1848 eine eigene Klavierschule am Altstädter Ring in Prag. Die Schule wurde von Kindern aus Adelsfamilien besucht. Im selben Jahr kam es in der Stadt zum revolutionären Pfingstaufstand, und der Komponist kämpfe sogar selbst auf den Barrikaden. Aus diesem Anlass schrieb er auch zwei Kompositionen: den Marsch der Prager Nationalgarde und den Marsch der Prager Studentenlegion.

Hochzeit von Kaiser Franz Josef
Smetana strebte immer höher: 1854 komponierte er zur Hochzeit von Kaiser Franz Josef eine Triumph-Symphonie. Bei der Uraufführung war er erstmals als Dirigent zu sehen. Das Werk fand aber bei seinen Zeitgenossen nur wenig Anklang. In dieser Zeit erlebte Smetana eine Familientragödie: In kurzen zeitlichen Abständen starben drei seiner vier Töchter. Um einen Neuanfang zu probieren, nutzte Smetana das Angebot, im schwedischen Göteborg als Dirigent zu arbeiten. Doch auch im Ausland meinte es das Schicksal mit ihm nicht gut: Seine Frau Kateřina starb bei einer Rückreise von Göteborg nach Prag an Tuberkulose. Danach heiratete er zum zweiten Mal, doch die Ehe war nicht glücklich, und beide lebten schon bald getrennt voneinander. Smetana fühlte sich einsam, er spürte die Sehnsucht nach seiner Heimat. Auch seine künstlerischen Ambitionen konnte er nicht voll ausleben. In seinem Tagebuch notierte er sinngemäß:

Foto: Anton Kajmakow
„Ich kann mich nicht in Göteborg vergraben. Ich muss mich bemühen, meine Kompositionen in die Welt zu bringen, um wieder neue Gelegenheiten und Anregungen für weiteres Schaffen zu bekommen. Daher weg von hier, so schnell wie möglich!“

Nach kurzen Engagements in Deutschland und den Niederlanden kehrte Smetana 1862 endgültig nach Prag zurück. Erst ab da begann er, sich seiner tschechischsprachigen Umgebung zuzuwenden und schloss sich der tschechischen Nationalbewegung an. Bis dahin hatte der Komponist praktisch nur auf Deutsch kommuniziert. Er schrieb sogar sein Tagebuch in dieser Sprache. Milan Pospíšil vom Museum der tschechischen Musik.

Milan Pospíšil (Foto: Archiv von Milan Pospíšil)
„Smetana war in der Schule auf Deutsch unterrichtet worden, tschechische Mittelschulen hatte es ohnehin zu der Zeit nicht gegeben. Auch später bewegte er sich überwiegend in einem deutschsprachigen Umfeld, in Göteborg konnte er wiederum außerhalb seiner Familie gar kein Tschechisch hören. Seine nationale Bekehrung hing offensichtlich mit dem politischen Wandel in der Habsburger Monarchie zusammen. 1860 erließ Kaiser Franz Joseph das sogenannte ‚Oktoberdiplom‘, mit dem er die neoabsolutistische Regierungsform aufgab. Nationalen Minderheiten wurden zudem die politische und kulturelle Betätigung ermöglicht. In der Folge begannen die Tschechen, unterschiedliche Vereine zu gründen und eine eigene nationale Kultur zu entwickeln. Smetana empfand dies als große Herausforderung, und er entdeckte darin ein breites Feld für seine Betätigung.“

Smetana musste sogar mit fast 40 Jahren seine ursprüngliche Muttersprache neu lernen, dies belegen damalige Grammatikübungshefte von ihm. Als Musiker war er jedoch in Prag nur wenig bekannt, seine Bewerbung um die Stelle des Kapellmeisters im sogenannten Einstweiligen Theater, dem Vorläufer des späteren Nationaltheaters, hatte keinen Erfolg. Erst im zweiten Versuch gelang es ihm, dort seine erste tschechische Oper „Die Brandenburger in Böhmen“ auf die Bühne zu bringen. Sie wurde erfolgreich aufgenommen. Als Nächstes schrieb er die Oper „Die verkaufte Braut“. Olga Mojžíšová, Leiterin des Museums der tschechischen Musik:

Olga Mojžíšová (Foto: Kateřina Benešová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Die verkaufte Braut war die einzige tschechische Oper, die nach ihrer Uraufführung nie aus dem Repertoire des Einstweiligen Theaters und des späteren Nationaltheaters verschwand. Alle anderen Opern wurden nach einer bestimmten Zahl an Reprisen wieder abgesetzt und erst später neu aufgeführt – oder auch nicht. Die Verkaufte Braut galt von Anfang an als Kultstück. Smetana hat sie jedoch noch ein paar Mal überarbeitet: Ursprünglich war sie nur zweiaktig, ohne Tanz, und gesungene Passagen standen neben gesprochenen Passagen. Wegen kritischer Anmerkungen und auch um den weltweiten Trend aufzugreifen, teilte Smetana das Werk in drei Teile; er fügte Tanzpassagen hinzu, und die gesprochenen Passagen ersetzte er durch Gesang. Die Oper wurde damit deutlich länger. Sie war trotzdem so populär, dass sie 16 Jahre nach der Premiere bereits zum 100. Mal aufgeführt wurde. Das war eine der größten Ehren, die Smetana seitens des tschechischen Publikums erlebte.“

Smetana bekam schließlich auch die ersehnte Stelle als Kapellmeister im Einstweiligen Theater. Dabei komponierte er weitere tschechische Opern und in eingeschränktem Rahmen auch Orchesterwerke. Etwa um 1870 wurde der Komponist immer kränklicher. Er litt an starken Hautentzündungen, Kopf- und Zahnschmerzen und wurde letztlich sogar taub. Die Stelle am Theater musste er deswegen aufgeben. Musik schrieb er jedoch weiterhin, vor allem den Zyklus „Mein Vaterland“. In den folgenden Jahren verschlechterte sich indes Smetanas Gesundheitszustand, bis er 1874 in der Prager Anstalt für Geisteskranke starb. Damals wurde bereits erbittert darüber diskutiert, woran der Komponist eigentlich gelitten hatte. Der Psychiater Cyril Höschl hat in den Quellen nachgeforscht:

Cyril Höschl (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Der Streit drehte sich darum, ob die Taubheit und Unzurechnungsfähigkeit eine Folge von Arteriosklerose war, oder ob es sich um das letztes Stadium einer syphilitischen Entzündung handelte. Der Hintergrund der Auseinandersetzung war nationalistisch begründet, denn die Tschechen lehnten die Möglichkeit von Syphilis bei Smetana meist ab, während die Deutschen genau zu dieser Erklärung neigten. Beide Theorien hatten ihr Für und Wider. Die Frage wurde erst 1987 nach der Exhumierung von Smetanas Gebeine endgültig beantwortet. Bei einer serologischen Untersuchung wurde in allen Geweben eine sehr hohe Konzentration von Quecksilber gefunden. Salben mit Quecksilber wurden traditionell ab dem 16. Jahrhundert zur Behandlung von Syphilis verwendet. Außerdem waren auch alle Tests auf Syphilis positiv, das ließ sich damals auch bestimmen. Wenn man dazu das Obduktionsprotokoll aus der Zeit direkt nach dem Tod zur Hand nimmt, in dem alle Befunde nach heutigen Erkenntnissen von einer fortgeschrittenen Phase von Syphilis zeugen, dann wäre es falsch, eine andere Diagnose zu stellen.“

Foto: Kristýna Maková
Smetanas künstlerische Größe sei durch diese Erkenntnis aber nicht angetastet, sagt Höschl. Er halte Smetana für einen Menschen, der litt, aber allen Schmerzen und Hindernissen mit Geduld trotzte. Und das Wichtigste: Trotz seiner Krankheit komponierte Smetana wunderschöne Musik, in der sich zudem keine Spuren von Trauer und Leid erkennen lassen.

Autor: Jakub Šiška
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