Bis zum bitteren Ende: Prager deutsches Theater 1845–1945

Foto: Verlag Academia

Das deutschsprachige Theater war ähnlich wie die deutschsprachige Literatur mehrere Jahrzehnte lang ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens in der böhmischen Hauptstadt Prag. Die Theaterhistorikerin Jitka Ludvová beschäftigt sich bereits seit dreißig Jahren mit diesem Phänomen, sie hat Quellen in Archiven und zeitgenössischen Zeitungen gesammelt. Das Ergebnis ihrer Forschungsarbeit ist ein umfangreiches Buch mit dem Titel „Bis zum bitteren Ende. Prager deutsches Theater 1845–1945“. Ihre Monographie ist der wichtigsten Etappe in der Entwicklung des deutschen Theaters in Prag gewidmet. Sie beschränkt sich allerdings nicht nur auf das Theater, sondern zeigt die Theatergeschichte in einem breiteren Kontext der tschechisch-deutschen Beziehungen von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Radio Prag hat Jitka Ludvová vors Mikrophon gebeten.

Foto: Verlag Academia
Sie nennen Ihr Buch „Bis zum bitteren Ende“. Es geht um das Ende des deutschsprachigen Theaters in Prag. Wann kam dieses Ende und wo liegen die Anfänge des deutschsprachigen Theaters in Prag beziehungsweise in Böhmen?

„Mein Buch befasst sich in Einzelheiten mit den letzten hundert Jahren des deutschen Theaters in Prag. Das heißt etwa mit dem Zeitabschnitt 1845 – 1945. Im Jahr 1945 nahm die gesamte deutsche Kultur in den böhmischen Ländern mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung ihr Ende.

Die Anfänge der deutschen Kultur in den böhmischen Ländern liegen natürlich tief in der Geschichte. Die deutschsprachige Bevölkerung lebte auf dem Gebiet Böhmens seit dem Mittelalter. Der böhmische Adel hatte viele internationale Verbindungen durch Verwandtschaften in den deutschsprachigen Ländern, und das kulturelle Milieu der Adeligen war international. Etwas anderes ist natürlich die öffentlich zugängliche Kultur in der Stadt, von der wir in Prag erst im 17. Jahrhundert sprechen können.“

Prag am Ende des 19. Jahrhunderts
Welche Position hatte das Prager deutsche Theater im Kulturleben der Stadt?

„Die Position hängt von der jeweiligen Zeitperiode ab. In der älteren Zeit dominierte die deutsche Kultur in Prag. Die neuzeitliche tschechische Kulturinitiative setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch. Sie war aber so intensiv, dass sich die Positionen von tschechischen und deutschen Bevölkerung im Laufe von drei Generationen geändert haben. Die Tschechen, die früher eine kulturelle Minderheit waren, sind zur Mehrheit geworden. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte Prag etwa 30.000 bis 40.000 deutsche Einwohner und dagegen hunderttausende tschechische Einwohner. Solche quantitative Verhältnisse müssen sich zwangsläufig auch in der Kultur niederschlagen.“

Ständetheater (Foto: Kristýna Maková)
Wie sah das deutschsprachige Theaterleben in Prag aus? Gab es eine Bühne oder mehrere Häuser, in denen auf Deutsch gespielt wurde?

„In dieser Hinsicht war die Situation in Prag wirklich interessant und kompliziert, begleitet von mehreren nationalen Konflikten. Seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bis 1862 spielten das deutsche und das tschechische Ensemble in einem Haus, im Ständetheater in der Altstadt, das bis heute in Betrieb ist. Am Anfang spielte das deutsche Ensemble mehr als 90 Prozent der Vorstellungen. Die Anzahl der tschechischen Spieltage war sehr gering. Sie hat sich aber allmählich erhöht und im Jahr 1862 war es so weit, dass das tschechische Ensemble ein selbständiges Haus bekommen hat. Die Deutschen sind im alten Ständetheater geblieben und nach zwanzig Jahren, im Jahr 1882, haben sie ein neues, größeres und modernes Theater erbaut. Das Neue Deutsche Theater ist die heutige Staatsoper. In diesem Haus haben sie bis zum Ende, das heißt bis 1945 gespielt. Das Ständetheater wurde im November 1920, kurz nach der Entstehung der Tschechoslowakei, rechtswidrig den Deutschen weggenommen. Der damalige Direktor musste als Ersatz ein kleineres Prager Haus für eine neue Bühne adaptieren.“

Angelo Neumann
Von wem wurde das Neue Deutsche Theater geführt, wer hat seine Gestalt geprägt?

„Sprechen wir über die letzten fünfzig Jahre, müssen wir Direktor Angelo Neumann als den Gründer des modernen deutschen Theaters nennen. Er stammte aus Wien und wirkte für eine bestimmte Zeit als Sänger an der Wiener Oper. Dort machte er Erfahrungen mit dem großen Theaterbetrieb, lernte berühmte Musiker, Schauspieler und Dirigenten kennen. Er brachte seine unternehmerische Großzügigkeit mit nach Prag. Mehr als zwanzig Jahre lang veranstaltete er in Prag seine so genannten Mai-Festspiele mit vielen berühmten ausländischen Gästen. Das war von großer Bedeutung nicht nur für die Deutschen in Prag, sondern auch für die Tschechen. Diese Gäste pflegten nämlich auch die tschechischen Opernvorstellungen im Nationaltheater und die Konzerte der Tschechischen Philharmonie zu besuchen und nahmen das Wissen über die gute Qualität der tschechischen Kultur mit nach Hause. Dadurch wurden viele internationale Kontakte auch für die tschechische Kultur geknüpft. Angelo Neuman war der wirkliche Gründer des Neuen Deutschen Theaters in Prag.“

Das Neue Deutsche Theater ist die heutige Staatsoper (Foto: Oleg Fetisow)
Sie sprechen über die internationalen Kontakte und von der Vermittlung tschechischer Kultur ins Ausland. Wie war die Beziehung zwischen dem deutschen und dem tschechischen Theater in Prag?

„Die Beziehungen zwischen den Direktoren des Prager deutschen Theaters und des Nationaltheaters waren korrekt. Die beiden waren natürlich Konkurrenten, aber unter ungleichen Bedingungen. Das tschechische Theater wurde vom Staat insbesondere während der Ersten Tschechoslowakischen Republik großzügig unterstützt. Es hatte ein riesiges Publikumspotential aus dem ganzen Lande. Das Prager deutsche Theater spielte dagegen in zwei Häusern für nur etwa 40.000 Einwohner, und seine finanzielle Unterstützung durch den Staat war leider recht gering. Die Beziehungen der Künstler waren aber in dieser Zeit sowohl bei Älteren als auch bei Jüngeren gut und sie haben auch in internationalen Künstlerorganisationen als Vertreter der Tschechoslowakischen Republik zusammen gearbeitet.“

Franz Werfel (Foto: Carl Van Vechten, Free Domain)
Ein weltbekanntes Phänomen ist die Prager deutsche Literatur. Wie war das Verhältnis der Prager deutschen Autoren zum Prager deutschen Theater? Haben sie auch Stücke dafür geschrieben?

„Aus dieser berühmten Generation der Prager deutschen Literatur war eigentlich nur Franz Werfel ein Dramatiker. Die berühmteste Persönlichkeit dieser Literaturwelt, Franz Kafka, war zwar ein interessierter Theaterbesucher, aber kein Theaterautor. Die Literaten dieser Generation haben zwar auch interessante Stücke hinterlassen, aber als Journalisten oder Dichter haben sie unvergleichbar mehr geleistet. Franz Werfel lebte ja bekanntlich im Ausland. Er hat natürlich die meisten Stücke ausländischen Bühnen zur Uraufführung angeboten. In Prag fand nur eine Uraufführung statt, und zwar im Jahre 1923: sein Drama ‚Schweiger’ mit der Thematik des Ersten Weltkriegs. Mehr Theaterstücke wurden von Max Brod in Prag aufgeführt, insgesamt fünf Werke. Ein europaweit erfolgreiches Stück von einem Prager Dramatiker war zum Beispiel die Komödie ‚Zwei Eisen im Feuer’ von Friedrich Adler, eine Bearbeitung nach Calderon. Diese ‚Zwei Eisen’ wurden an mehreren österreichischen und reichsdeutschen Bühnen gespielt.“

Paul Eger
Welche Rolle hat das Prager deutschsprachige Theater im Kontext des deutschen Theaters im Allgemeinen gespielt?

„In diesem Zusammenhang möchte ich mich auf ein einziges Thema konzentrieren, und zwar auf die Emigration in den 1930er Jahren. Nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland im Jahre 1933 wurden hunderte von Schauspielern, Orchestermusikern, Sängern, Regisseuren, Bühnenkünstlern, Journalisten und anderen Theaterleuten entlassen und von einem Tag auf den anderen aus dem Land gejagt. Die wirtschaftliche Situation in diesen Krisenjahren war bei uns keinesfalls optimal, aber trotzdem haben es die deutschen Theater und die deutsche Bevölkerung in Prag geschafft, Dutzenden dieser verfolgten Emigranten Zuflucht zu bieten. Der damalige Direktor des Deutschen Theaters, Paul Eger, hat einige engagiert, einige zu Gastspielen eingeladen und ihnen dadurch die Möglichkeit gegeben, ihr Leben zu retten und ihre weitere Emigration zu organisieren. Das ist der größte Verdienst des Theaters in den letzten Jahren seines Bestehens.“

Gustav Mahler
Sie haben bereits einige Direktoren erwähnt. Welche bedeutenden Persönlichkeiten haben das deutschsprachige Theater in Prag besonders geprägt?

„Am Prager deutschen Theater wurden hunderte von Künstlern in verschiedenen Positionen engagiert. Einige kamen als talentierte Anfänger und gingen mit wertvollen Erfahrungen von einer großen Bühne weg. Ein Beispiel ist Gustav Mahler. Er kam als junger Dirigent im Jahre 1885. Nach einer Saison ist er weggegangen, kam aber mehrmals als Dirigent zurück, und seine Spuren sowohl in der deutschen als auch in der tschechischen Musik- und Theaterwelt bleiben bis heute sichtbar. Angelo Neumann hat als Direktor am Ende des 19. Jahrhunderts eine große Wagner-Epoche in Prag gestaltet und so für immer seine Spur in Prag hinterlassen. Alexander Zemlinski verbrachte 17 Jahre in Prag. Man erkennt seinen Einfluss nicht nur im Prager Theater, sondern auch im Konzertleben der Tschechischen Philharmonie. In den 1930er Jahren war Georg Szell Chefdirigent in Prag, und in seiner Zeit wurde die neueste deutsche, italienische und französische Opernmusik auf der Prager Bühne aufgeführt. Es ist unmöglich, einzelne Persönlichkeiten zu nennen. Das Theater ist immer eine kollektive Arbeit, und es beteiligen sich immer mehrere Personen an einem Gesamtbild.“

Oper Salome im Neuen Deutschen Theater (1938)
Gab es einige Perioden, in denen das Prager deutschsprachige Theater von besonderer Bedeutung war, eine wichtigere Rolle spielte?

„Man spricht oft von verschiedenen goldenen Zeiten der Kultur, aber es gibt eigentlich keine besondere. Im Leben des deutschen Theaters in Prag gab es bessere und schlechtere Zeiten. Die Bedeutung der Meilensteine können wir von mehreren Gesichtspunkten aus betrachten: Es gibt künstlerische Wendepunkte, zum Beispiel das Engagement einer großen Persönlichkeit. Es gibt historische Wendepunkte, zum Beispiel die Trennung des deutschen und des tschechischen Theaters im Jahre 1862. Es gibt Wendepunkte, die aus dem Ausland kommen und die man hierzulande überhaupt nicht beeinflussen kann, zum Beispiel Hitlers Machtübernahme in Deutschland im Jahr 1933. Das Theater ist eine komplizierte Sache, es lebt nicht allein, sondern innerhalb der ganzen Gesellschaft. Und so war es auch im Falle der deutschen Bühne in Prag. Das deutsche Theater war fast 300 Jahre in Prag zu Hause, und sein Schicksal und seine Meilensteine wurden vom Rythmus der Stadt bestimmt.“