Bischof Malý über Václav Havel: „Es war ein Geschenk, ihn an der Spitze des Staates zu haben“

Václav Havel und Václav Malý im November 1989

Am 5. Oktober hätte Staatspräsident Havel den 90. Geburtstag gefeiert. Gut gekannt hat ihn der emeritierte Prager Bischof und Bürgerrechtler Václav Malý. Martina Schneibergová hat Bischof Malý getroffen, um mit ihm über Václav Havel zu sprechen.

Beide kannten sich aus der Dissidentenbewegung: der spätere tschechoslowakische und tschechische Präsident Václav Havel und der Priester Václav Malý. Denn der Geistliche gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Charta 77 und den Begründern des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (VONS). Malý erhielt darauf vom kommunistischen Regime ein Berufsverbot und verbrachte 1979 sogar einige Monate im Gefängnis. Während der politischen Wende 1989 beteiligte er sich an der Gründung des Bürgerforums (OF), er war zudem dessen erster Sprecher.

Anfang 1997 wurde Malý zum Bischof geweiht. Im Gespräch für Radio Prag International erinnert er sich an seine erste Begegnung mit Václav Havel, der an diesem Montag 90 Jahre alt geworden wäre.

Foto: Archiv der Sicherheitskräfte

„Ich habe ihn erstmals 1978 in der Wohnung des Ehepaars Benda am Prager Karlsplatz getroffen, als wir damals das Komitee zu Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten gründeten. Havels Theaterstücke habe ich nach 1968 im ‚Theater Am Geländer‘ gesehen. Während der Zeit der Normalisierung kannte ich verschiedene Äußerungen von Havel und dann jenen berühmten offenen Brief, den er 1975 an Präsident Gustáv Husák gerichtet hatte. Persönlich lernte ich Havel jedoch erst 1978 kennen.“

Malý sagt, in der Zeit vor 1989 sei er in einem sehr intensiven Kontakt mit Václav Havel gestanden. Wie der Bischof weiter erzählt, habe sich Havel ihm in verschiedenen Angelegenheiten anvertraut. Hat ihn der damalige Dissident bei ihrem ersten Treffen aber auch irgendwie überrascht?

„Ja, und zwar dass er sich nicht wie jemand verhielt, der berühmt ist. Er wirkte sehr bescheiden. Ich muss sagen, dass es mir die Sprache verschlug – ich wagte es nicht einmal, vor einer so bedeutenden Persönlichkeit ein Wort zu sagen. Es dauerte eine Weile, bis ich diese anfängliche Befangenheit dann ablegte. So grüßten wir uns. Zu jener Zeit war ich noch als Kaplan in Pilsen tätig. Kurz darauf verlor ich die Möglichkeit, als katholischer Priester öffentlich zu wirken.“

Als Dissidenten waren Malý und Havel oft in Kontakt. Nachdem Havel Ende 1989 zum tschechoslowakischen Staatsoberhaupt gewählt worden war, änderte sich dies jedoch.

Václav Havel | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

„Als er Staatspräsident wurde, waren die Kontakte eher spärlich. Ich wollte mich nicht aufdrängen und hatte volles Verständnis dafür, dass er angesichts seiner neuen Position mit einer Vielzahl von Aufgaben und Herausforderungen überlastet war. Ich erinnere mich aber gut daran, dass ich ihn etwa zwei Jahre vor seinem Tod im Krankenhaus besucht habe und wir ein sehr nettes Gespräch über spirituelle Themen führten, bei dem er mich sogar darum bat zu beten. An diesen Augenblick erinnere ich mich sehr gern. Ansonsten war unser Kontakt mehr oder weniger flüchtig und fand im Allgemeinen im Beisein anderer Persönlichkeiten statt.“

Spirituelle Verankerung

Kurz nach seiner Wahl zum tschechoslowakischen Staatspräsidenten lud Havel im Januar 1990 Papst Johannes Paul II. nach Prag ein. Der Besuch fand dann im April desselben Jahres statt. Havel bezeichnete die historische Visite des Heiligen Vaters damals als ein „Wunder“. Zudem ist allgemein bekannt, dass Havel sehr gute Beziehungen zum Dalai Lama hatte. Auch das geistliche Oberhaupt der Tibeter besuchte Prag gleich 1990. Wie war die spirituelle Verankerung von Präsident Havel?

„Soweit ich ihn kannte, hat er nie öffentlich gesagt, er glaube an Gott. Auch in dieser Hinsicht war er sehr zurückhaltend. Der Mensch sei nicht der Mittelpunkt der gesamten Schöpfung, er solle auf eine Herausforderung antworten, meinte er. Diese komme aus der Transzendenz, von irgendwoher jenseits menschlicher Reichweite. So hat es Havel beschrieben. Der Mensch sollte sich verpflichtet fühlen, auf diese Stimme zu hören und sein Gewissen wahrhaft zu verschärfen. Ob Václav Havel am Ende seines Lebens ausdrücklich erklärte, er glaube an Gott, dass können nur diejenigen sagen, die in den letzten Monaten bei ihm waren. Ich persönlich kann das nicht bestätigen, aber die Orientierung war klar. Und er hegte durchaus Respekt vor dem Christentum und vor den Gläubigen.“

Václav Havel und Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 | Foto: Profimedia

Havels Freundschaft mit dem Dalai Lama folgte auch aus seiner Unterstützung für Tibet und für seine von China unterdrückten Bewohner. Interessierte sich Havel auch für den Buddhismus? Václav Malý:

„Die spirituelle Dimension des Buddhismus hat Václav Havel angesprochen. Seinerseits war das also nicht nur der Respekt vor einer Persönlichkeit, die für Gerechtigkeit und den Kampf um die Menschenwürde stand, sondern es gab definitiv diese spirituelle Dimension.“

Demonstration auf der Letná

Für die tschechische Öffentlichkeit ist Václav Malý bis heute auch der Moderator der großen Demonstration während der Samtenen Revolution, die am 25. November 1989 auf der Prager Letná-Anhöhe stattfand. Bei sehr kaltem Wetter waren rund 800.000 Menschen aus der ganzen Tschechoslowakei nach Prag gekommen. Malý forderte damals während der Kundgebung die Menschen zum Gebet für zwei Polizisten auf, die sich zuvor für ihre Teilnahme an der brutalen Unterdrückung der Studentendemonstration vom 17. November entschuldigt hatten. War dies zuvor mit Václav Havel abgesprochen worden, oder war es ein spontaner Gedanke?

„Das war überhaupt nicht geplant, es war eine spontane Reaktion. Von den beiden Polizeibeamten hatte es großen Mut gefordert, diesen Schritt zu wagen und sich zu entschuldigen. Anstatt lange darüber zu sprechen, was die Vergebung bedeutet – und die Menschen dort waren bereit, zu vergeben – hatte ich das Gefühl, dass dies im ‚Vaterunser‘ am besten zum Ausdruck kommt. Ich hatte einen Kloß im Hals, denn ich hatte keine Ahnung, wie die Leute reagieren würden. Aber sie reagierten sehr wohlwollend. Für mich war es wirklich herzerwärmend, dass sie dies so angenommen haben. Ich glaube, dass ein Großteil das Vaterunser nicht kannte, aber sie versuchten zumindest, die Lippen zu bewegen – so schien es mir von der Tribüne aus.“

In Wahrheit und Liebe leben

Mit Václav Havel verbanden viele Menschen ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Und er war sich dessen bestimmt bewusst. War es für ihn nicht eine Last, dass ein Großteil der Gesellschaft in ihm eine Art Heilsbringer sah? Václav Malý meint:

Václav Malý | Foto: Štěpán Ron,  Tschechischer Rundfunk

„Es war gewiss eine schwere Last, doch er trat nie als Retter auf, als derjenige, der auf alles eine Antwort wusste. Es ging nicht nur um politische Analysen, sondern es ging darum, zu erkennen, wer man ist, und dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Ich denke, das war das Entscheidende. Václav Havel hat uns immer wieder daran erinnert. Es war zweifellos eine schwere Last, denn er hatte so gut wie keine Privatsphäre. Und nun projizierten die Menschen ihre unterschiedlichen Erwartungen auf ihn, die er nicht erfüllen konnte. Und doch ist es ein großes Geschenk, dass wir ihn so viele Jahre lang an der Spitze der Tschechoslowakei und später der Tschechischen Republik haben konnten.“

Václav Malý hat auf einer Kundgebung, die einige Jahre nach Havels Tod stattfand, dessen Worte zitiert, dass die Hoffnung nicht darin liege, dass alles gut ausgehe, sondern darin, dass unser Handeln einen Sinn habe. Der Bischof bezeichnete diese Worte damals als inspirierend. Kehrt er auch in der Gegenwart zu diesen Worten zurück?

„Ja, ich denke daran und zitiere sie oft. Ich bin davon überzeugt, dass sie weiterhin gelten. Und das, was Havel 1989 auf der Demonstration auf der Letná sagte, gilt auch heute noch: dass Wahrheit und Liebe über Lügen und Hass siegen müssen. Das bedeutet keine Naivität, zu glauben, dass alles gut ausgehen wird. Vielmehr ist es für jeden von uns eine Aufgabe und Herausforderung, in Wahrheit und in Liebe zu leben. Und das ist einfach ein endloser Prozess, der für jede Epoche und für alle politischen Systeme gilt. Es wurde heruntergespielt und verspottet, und es ist eine Schande, dass manche Leute es heute noch ironisch verwenden, indem sie die Frage stellen, was Václav Havel im Sinn gehabt habe.“

Václav Havel | Foto: Post Bellum

Havels Gedanken und die junge Generation

Was sollte jene Generation, die Havel nicht erlebt hat, laut Malý von seinen Gedanken, aus seinem Vermächtnis übernehmen?

„Ich denke, eben die beiden erwähnten Zitate. Sie sprechen mich sehr an. Auch heute sollte an sie erinnert werden. Zudem finde ich den Appell an die Verantwortung der Bürger wichtig – dass man sich nicht allein auf die eigenen privaten Angelegenheiten und Pläne konzentrieren dürfe, sondern sich als Teil der Gesellschaft begreifen müsse. Dass man nicht ein gleichgültiger Beobachter dessen bleiben dürfe, was um einen herum geschieht. Dieser Appell ist meiner Meinung nach weiterhin aktuell.“

Bischof Malý weist zudem auf Havels Essay „Ein Wort über das Wort“ von 1989 hin, den er ebenfalls für aktuell hält.

„Wir wissen, wie sich heutzutage Menschen leider in Verkürzungen und Floskeln ausdrücken und Wörtern dabei unterschiedliche Inhalte geben. Wir müssen das große Geschenk, uns frei äußern zu können, zu schätzen wissen. Doch müssen wir es auf eine wahrhaft klare Weise tun, sodass es eine Kommunikation und nicht nur emotionale Aufschreie sind. Es freut mich, dass Václav Havel damals daran erinnert hat. Genau darin sehe ich sein Vermächtnis, ohne ihn oder sein Leben idealisieren zu müssen.“

Bischof Malý hält es für wichtig, gegenüber der jungen Generation, die über verschiedene digitale Wege kommuniziert, zu betonen, dass das größte Geschenk sei, mit anderen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

„Es geht nicht darum, die vielfältigen, großartigen Kommunikationsmöglichkeiten moderner Tools abzutun. Doch diese können ein persönliches Gespräch, einen direkten Austausch mit anderen nicht ersetzen. Daran sollte man heutzutage erinnern.“

Schüchterner und höflicher Mann

Václav Havel machte im Umgang mit anderen eher den Eindruck eines schüchternen und sehr netten Menschen. Man konnte ihn auf der Straße ansprechen, und er hat immer geantwortet. Ich selbst habe ihn unter anderem nach einem der Rolling-Stones-Konzerte in Prag oder vor einem Buchladen erlebt, wo er sehr nett und höflich auf die Fragen der Passanten einging. Václav Malý dazu:

„Ja, er war ein schüchterner und höflicher Mann. Und selbst wenn er anderer Meinung war, habe ich beim ihm nie auch nur den geringsten Anflug von Hass oder Rachsucht bemerkt. Das ist etwas, was ich betonen möchte. Denn ich wage zu behaupten, dass ich ihn vor 1989 recht gut kennengelernt habe und er sehr offen war. Ein solcher Tonfall wurde dort nie angeschlagen.“

„Seine Authentizität war unverkennbar“

Was ist mit Václav Havel verschwunden? Was fehlt heutzutage in der politischen Kultur?

„Eine gewisse Wahrhaftigkeit. Denn er ist zu dem gestanden, was er gesagt hat. Ich sage es noch einmal: Er war ein Mann mit Fehlern, jemand, der seine Fehler weder leugnete, noch verbarg. Doch seine Authentizität war unverkennbar – es war nichts Künstliches, kein bloßes Spiel, um an Beliebtheit zu gewinnen, sondern der Ausdruck seiner eigenen, aufrichtigen Überzeugung. Diese Art der persönlichen Überzeugungskraft halte ich für wichtig für jeden Amtsträger in jeder Epoche und auch heute.“

Václav Havel wird oft mehr im Ausland als hierzulande geschätzt. Und in der tschechischen Politik wird derzeit der Pragmatismus über die Werteorientierung gestellt. Doch Václav Havels Engagement für die Menschenrechte in der Welt ist nicht vergessen. Vor kurzem erzählte eine belarussische Dissidentin in Prag anlässlich einer von Havel inspirierten Theatervorstellung darüber, wie bekannt seine Werke und Gedanken unter den Regimekritikern in Belarus seien. Václav Malý meint:

„Leider wird viel vergessen. Aber ich finde, dass Menschen, die nachdenken, nicht vergessen haben. Ich glaube, es ist gut, sich an die Anliegen zu erinnern, für die Havel eintrat und die er verkörperte. Ich bin viel gereist, um ehrenwerte Menschen bei der Verteidigung der Menschenrechte in der Welt zu unterstützen. Als ich beispielsweise China besuchte, war ich beim Gespräch mit einigen dortigen Dissidenten erstaunt, wie gut sie Havels Werke kannten. Etwas Ähnliches habe ich auch auf Kuba und in anderen Ländern erlebt.“

Václav Malý,  Pavel Landovský und Václav Havel vor der chinesischen Botschaft in Prag im Jahr 2010 | Foto: Profimedia