Dan Brown inspiriert touristische Stadtführungen: Wo Robert Langdon durch Prag jagt

Miloslava Nevolová auf dem jüdischen Friedhof

Am Dienstag ist der neue Roman von Dan Brown auf den weltweiten Markt gekommen. Schon zum sechsten Mal lässt er den Symbolforscher Robert Langdon mystische Rätsel lösen, die nicht weniger als das Schicksal der ganzen Menschheit bedrohen. Und diesmal spielt der Thriller in Prag. Das inspiriert die Tourismusindustrie, und schon werden thematisch passende Stadtführungen angeboten.

Altstadt Prag | Foto: Radio Prague International

Prag hat etwas Magisches. Kleine Gassen, goldene Dächer, tausend Türme, zudem eine lange Tradition in Alchemie und nicht zu vergessen das alte jüdische Viertel mit seiner Golem-Legende. Ein perfektes Setting also für eine Story aus der Feder von Dan Brown. Und sein neuester und sechster Fall führt Symbolfoscher Robert Langdon nun also tatsächlich nach Prag. Das wurde auch höchste Zeit, findet man bei Browns tschechischem Verlag Argo.

„Zwischen Leben und Tod – Das letzte Geheimnis der Menschheit“ | Foto: Verlag Argo

Ebenso verlautet aus der Agentur Prague City Tourism, dass Dan Brown endlich einmal einen Thriller in die Moldaustadt verlegt hat. Schon der Titel „Zwischen Leben und Tod – Das letzte Geheimnis der Menschheit“ lässt Großes erahnen. Und so soll das Buch der Stadt auch als Reiseziel gute Dienste leisten, wozu die Kampagne „Praha – Město tajemství“ (Prag – Stadt der Geheimnisse) gestartet wurde. Jana Adamcová ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Prague City Tourism. Anlässlich des Verkaufsstarts des neuen Brown-Romans am Dienstag sagte sie im Interview mit Radio Prag International:

„Vor fünf Jahren haben wir uns vom Massentourismus abgekehrt. Das Phänomen, zu dem Dan Brown beiträgt, nennen wir Literaturtourismus – und der interessiert uns. Er umfasst Menschen, die mit einem tieferen Interesse an der Geschichte und Kultur Prags hierherkommen. Das sind individuell Reisende, und für sie haben wir ein ganzes Angebotspaket erarbeitet, mit dem sie Prag auf den Spuren von Dan Brown kennenlernen können. Es gibt spezielle Stadtführungen, Souvenirs und Stadtpläne mit den Orten, an denen das Buch spielt.“

Es sei der vielschichtige Reichtum an Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Legenden, der Prag – ganz ähnlich wie etwa das italienische Florenz – nicht nur für Dan Brown so faszinierend mache, fügt Adamcová hinzu. Und diesen Reichtum kennt die Stadtführerin Miloslava Nevolová bis ins Detail. Sie hat für Prague City Tourism den ersten thematischen Spaziergang anhand des Buches „Zwischen Leben und Tod – Das letzte Geheimnis der Menschheit“ erarbeitet. Es sei eine große Ehre für die Stadt, dass sich der weltbekannte Romanautor Brown diesmal gerade Prag ausgesucht habe, findet Nevolová. Was erwartet die Fans?

„Gezeigt wird natürlich das historische Prag, voller wunderbarer Orte im Zentrum der Altstadt. Dann ist es das magische Prag, denn es geht um viele legendäre Geschichten, die mit dem historischen Stadtzentrum verbunden sind. Und es ist auch ein Prag, das auf Symbole des Christentums, des Judentums und verschiedener Rätsel verweist. Die Story im Buch ist verwickelt, denn in ihr wird die Historie verbunden mit den Ergebnissen neuzeitlicher wissenschaftlicher Forschung. Dies betrifft die Bereiche der Erkenntnistheorie, der Neurologie oder der Implantation von Computerchips in das menschliche Gehirn.“

Auch Interessenten, die den neuen Roman nicht gelesen haben, werden von Nevolová zusammenfassend in das Geschehen rund um die Hauptfiguren eingeweiht. Und dann geht es los auf den anderthalbstündigen Stadtspaziergang auf den Spuren von Dan Brown.

Ein Mensch namens Golem

Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring in Prag | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Start ist direkt auf dem Altstädter Ring. Hier werden die Spaziergänger mit der Romanfigur namens Golem bekanntgemacht. Die Parallele zu jener Lehmfigur, die der berühmte Prager Rabbiner Löw Ende des 16. Jahrhundert erschaffen haben soll, ist absolut gewollt. Bei Brown sei Golem jedoch ein Mensch aus dem Heute, berichtet Miloslava Nevolová. Und er wohne in den verwinkelten Gassen, die den Altstädter Ring umgeben. Darum käme er tagtäglich an der mystischen Statue des Predigers Jan Hus vorbei.

Mikoláš Aleš: Rabbi Löw und Golem | Foto: public domain

„Dieser Golem hat das Gefühl, er würde das Schicksal auf seinen Schultern tragen – ganz so wie einst der legendäre Golem, der das jüdische Viertel rettete. Unser Golem wird in dem Roman dann auch zum Retter eines Menschen. Er ist der Beschützer der Patientin Sasha Vesna, bewahrt die guten Beziehungen für sie und ermöglicht ihr überhaupt ein normales Leben bei allem, was ihr sonst schadet und sie vernichtet. Golem ist dann auch derjenige, der alle Feinde tötet.“

Der Altstädter Ring ist nicht nur Golems Zuhause. Auch Robert Langdon und seine neue Partnerin Katherine Solomon machen Halt im Herzen von Prag. Das Kinský-Palais werde in dem Buch zu einem romantischen Ort, berichtet Nevolová, als das Paar sich dort im Regen unterstellt und küsst.

Da Brown für seinen Romanhelden Golem auf die alte Prager Legende zurückgegriffen hat, konnte er wohl kaum anders, als seine Figur auch regelmäßig auf den berühmten jüdischen Friedhof zu schicken. Diese Lokalität bedient ebenfalls die magische Kulisse von „Zwischen Leben und Tod – Das letzte Geheimnis der Menschheit“ – auch wenn er im täglichen Tourismusbetrieb kaum als der kontemplative Ort wahrgenommen werden kann, als der er im Roman beschrieben wird. Die Stadtführerin weiht ihre Gruppe ein:

Der alte jüdische Friedhof in Prag | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Der Golem aus dem Buch kommt regelmäßig auf den Friedhof, um Kraft zu sammeln an dem berühmtesten aller hiesigen Gräber. Dieses beherbergt die sterblichen Überreste eines großen jüdischen Denkers, Philosophen und Mathematikers. Golem tankt also Energie am Grab von Maharal – was der Beiname für den großen Lehrer Rabbi Löw ist. Dieser ruhmreiche und zentrale Vertreter des jüdischen Prags wurde 1609 auf diesem Friedhof beigesetzt.“

Dem Rabbi Löw begegnen die Teilnehmer der Führung kurz darauf noch einmal. Der Weg führt nämlich weiter zum Gebäude des Prager Magistrats. Blickt man auf den Haupteingang, steht an der rechten Ecke der Frontseite die große Statue des jüdischen Geistlichen und an der linken Ecke die des Eisernen Ritters.

Statue des Rabbi Löw am Prager Magistrat | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Der berühmte Schöpfer dieser Skulpturen, Ladislav Šaloun, ist auch der Autor des Jan-Hus-Denkmals auf dem Altstädter Ring. Er war Spiritist. Er interessierte sich für die Kabbala und für spirituelle Séancen, die im Keller seiner Villa stattfanden. In deren Nähe ließ er sich das Atelier bauen, in dem er das Hus-Monument anfertigte. Šaloun lud sich namhafte Persönlichkeiten ein, die mit der Mystik in Verbindung standen – František Bílek, Ema Destinnová, Jan Konůpek oder auch Josef Váchal. Damals, im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, waren Okkultismus und die Suche nach anderen Sphären sehr populär. Und die Mystik wird auch an diesen beiden Statuen ersichtlich.“

Der steinerne Rabbi Löw finde bei Brown Erwähnung, als auch diese Skulptur als Unterschlupf bei einem Regenschauer dient, ergänzt Nevolová. Und schon geht es weiter durch die große Toreinfahrt direkt gegenüber des Magistrats, direkt in den Hof des Klementinums. In dem Komplex befindet sich unter anderem eine wunderschöne barocke Bibliothek – die in Dan Browns neuem Buch wiederum der verfolgten Wissenschaftlerin Katherine Solomon als Versteck dient…

Miloslava Nevolová im Hof des Klementinums | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Hier findet zudem eine actionreiche Verfolgungsjagd statt. Denn die beiden Helden, Langdon und Solomon, werden von einem Scharfschützen des tschechischen Geheimdienstes verfolgt. Er spürt ihnen bis in die barocke Bibliothek nach. Wichtig ist hierbei nun das größte Buch der Welt, der Codex Gigas oder auch die Teufelsbibel. Sie wird mit ihren riesigen Ausmaßen in dem Roman erwähnt, und Autor Dan Brown beschreibt sie auf ganz exzellente Weise.“

Tatsächlich ist das 75 Kilogramm schwere Buch heute in Stockholm ausgestellt, weil es im Dreißigjährigen Krieg aus Prag gestohlen wurde. Dan Brown würde seine weltweite Leserschaft aber an die historische Verbindung der Teufelsbibel nach Prag erinnern, lobt Miloslava Nevolová.

Nun muss ihre Gruppe nur noch die Grünphase der Fußgängerampel an der vielbefahrenen Straße vor dem Klementinum abwarten, und schon steht sie am wahrscheinlich beliebtesten Fotomotiv von ganz Prag, an der Karlsbrücke:

Miloslava Nevolová auf der Karlsbrücke | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Diese Brücke, die die Altstadt mit der Kleinseite verbindet, ist das ikonische Symbol Prags, das jeder Besucher sehen will. Sie wird auch zum Handlungsort in dem Roman. Denn Robert Langdon, der im Hotel Four Seasons untergebracht ist, geht jeden Tag seinem Jogging-Ritual nach. Er läuft über die Karlsbrücke auf den Petřín, wo er in dem alten Sportstadion schwimmen geht. Schon in seinen Jugendjahren brach Langdon nämlich Rekorde im Schwimmen, und sein Spitzname war Dolphin 123. Dies wird dann auch in der neuen Story zu einem wichtigen Code.“

Und eine weitere Nummernfolge vor Ort konnte Autor Dan Brown wohl ebenfalls nicht ignorieren. Womöglich ist sie auch regelmäßigen Prag-Besuchern, die schon öfter den historischen Weg über die Moldau gegangen sind, noch unbekannt: Seitlich und eher unauffällig ist über dem Eingang zum Karlsbrücken-Museum eine Zahlenreihe angebracht…

Magische Zahlenfolge am Fuße der Karlsbrücke | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Mit der Karlsbrücke verbindet sich diese interessante Zahl in Form eines Palindroms. Man kann sie lesen als 1357, am 9.7. um 5.31 Uhr – der Zeitpunkt, als der Grundstein verlegt wurde. Auch dieses astrologische Symbol ist sehr wichtig für die gesamte mysteriöse Geschichte von Dan Brown.“

Und bei dieser Gelegenheit vergisst Stadtführerin Nevolová auch nicht, auf die angrenzende Kirche des Heiligen Franziskus von Assisi zu verweisen, die vom Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern errichtet worden ist. Dieser sei, so der Einwurf, der einzige Kirchenorden in der Welt, der von einer Frau gegründet worden ist – nämlich von der Heiligen Agnes von Böhmen.

Privatführung in den Folimanka-Bunker

Unterirdische Deckung Folimanka | Foto: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

Die Führung endet mitten auf der Karlsbrücke mit der Erzählung von einer weiteren spannenden Verfolgungsjagd à la Dan Brown, bei der Robert Langdon unter anderem die 299 Stufen des Aussichtsturms auf dem Petřín hochhastet. Die Passagen, die Miloslava Nevolová in den anderthalb Stunden zum Besten gegeben hat, sind aber längst nicht alles, was „Zwischen Leben und Tod – Das letzte Geheimnis der Menschheit“ für die interessierten Prag-Besucher bereithält. Was die Orte des Romangeschehens angeht, birgt wohl die Platzierung des Geheimlabors der bösen Neurologin Brigitte Gessner den größten Überraschungseffekt. Der beschriebene Bunker im Folimanka-Park im Prager Stadtteil Nusle existiert tatsächlich – und in einer Privatführung können ihn Dan-Brown-Fans demnächst auch besichtigen. Jana Adamcová von Prague City Tourism kündigt an:

Unterirdische Deckung Folimanka | Foto: Alžběta Němcová,  Radio Prague International

„Wir werden insgesamt drei Stadtführungen zu Dan Brown anbieten. Die erste im jüdischen Viertel haben wir gerade vorgestellt. Vorbereitet wird noch eine Trasse auf Seiten der Prager Burg, denn dort passiert im Buch auch sehr viel. Und den dritten Spaziergang wollen wir rund um die Bastion U božích muk und den Folimanka-Bunker anlegen. Damit möchten wir das denkmalgeschützte Zentrum entlasten. Dass Dan Brown den Fokus auf die Bastion gelegt hat und wir dadurch mehr Menschen in Richtung Vyšehrad führen können, ist eine große Hilfe für uns, die Touristen von dem überlasteten Zentrum wegzulenken.“

Miloslava Nevolová vor Kafkas Geburtshaus | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

In Prag kommen jedoch nicht nur Fans von Dan Brown auf ihre Kosten. Denn im Bereich des Literaturtourismus mache die Agentur schon seit Längerem spezielle Angebote, betont Adamcová:

„Es gibt bei uns sehr viele solcher Führungen, so etwa zum Thema Franz Kafka oder Guillaume Apollinaire. Sie lassen sich auch kombinieren. Und da Sie es gerade erwähnen: Wir werden jetzt einen Spot drehen zu Ehren der Literatur in Prag. Diesen Spot wollen wir nächstes Jahr in unseren Werbekampagnen nutzen und damit auch die Teilnahme Tschechiens als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2026 unterstützen. Das Thema Literatur wird sich bei uns also in diesem und im nächsten Jahr richtig schön entfalten.“

Die Führung „Praha Dana Browna“ (Das Prag von Dan Brown) kann bei Prague City Tourism bestellt werden und kostet symbolische 666 Kronen (27,30 Euro).

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