Das Ende der Normalität: Wie wird die Klimakrise unser Alltagsleben beeinflussen?

Hitzewellen, Wassermangel, Waldbrände, aber gleichzeitig auch häufigere Überschwemmungen. Experten zufolge sind dies alles Folgen des Klimawandels, die mittlerweile auch in Tschechien und Deutschland zu beobachten sind. Worauf müssen wir uns noch vorbereiten? Welche Auswirkungen wird die Klimakrise in den kommenden Jahrzehnten haben? Und wie wird sie unser Alltagsleben beeinflussen? Dies ist das Thema der fünften Folge unseres tschechisch-deutschen Klima-Podcasts „Karbon“. Seine Autoren, Filip Rambousek und Štěpán Vizi, konzentrieren sich zuerst auf die Frage, wie die Klimakrise unsere Wassersysteme betreffen wird.

0:00
/
0:00
Karsten Rinke | Foto:  Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Das Thema Wasser, genauer gesagt Wassermangel, rückt im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer mehr in den Vordergrund. Das ist auch in Tschechien und Deutschland der Fall. Während früher vor allem über die Hochwassergefahr gesprochen wurde, ist in den vergangenen Jahren die Dürre ganz klar zum Thema Nummer eins geworden. Das bestätigt auch der Hydrobiologe Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung:

„Wir erleben seit 2018 eine ausgesprochene Trockenphase. Dieses Jahr ist etwas feuchter. Aber trotzdem sind die letzten Jahre so außergewöhnlich trocken gewesen, dass sowohl die Medien als auch die Menschen auf der Straße vorwiegend darüber sprechen, wie trocken es ist und wie wenig Wasser verfügbar ist. Dies wird deutlich in den Wäldern, die sterben, in den Flüssen, die sehr niedrige Pegelstände haben, die Landwirte klagen. Das ist das große Thema, das uns im Moment beschäftigt. Insofern hat sich die Debatte wirklich um 180 Grad gedreht. Und nicht nur diese, sondern auch die Methoden im Wassermanagement. Früher haben wir viel Geld dafür ausgegeben, um das Wasser aus der Landschaft zu entfernen. Heute sprechen wir davon, dass wir Infrastrukturen brauchen, die das Wasser in der Landschaft halten. Es gibt also auch eine Umkehr der Bewirtschaftung.”

Grundwasser | Illustrationsfoto: SatyaPrem,  Pixabay,  CC0

Eine der Folgen des schlechten Wassermanagements – in Verbindung mit der Erderwärmung – ist der langfristige Rückgang des Grundwassers.

„Ich habe gerade die Grundwasserpegel in Sachsen-Anhalt und Brandenburg analysiert. Weit über die Hälfte der Messstellen verzeichnen historisch tiefe Pegelstände. Das Grundwasser ist also sehr stark ausgezehrt. Deswegen stirbt an manchen Orten der Wald oder die Vegetation. Wir müssen mit diesem natürlichen Wasservorrat nachhaltig wirtschaften und Strategien entwickeln, um diese Wassermenge im Untergrund stabil zu halten.”

Das könnte in Zukunft jedoch immer schwieriger werden. Die steigenden Temperaturen führen zum einen dazu, dass mehr Wasser verdunstet. Zum anderen steigt die Nachfrage nach Wasser. Etwa in der Landwirtschaft, wo immer mehr bewässert werden muss. Mit anderen Worten: Der Anstieg der Durchschnittstemperatur ist ein essentielles Problem. Auch die Niederschlagsmenge und deren Verteilung werden sich im Laufe der Zeit wahrscheinlich ändern. Allerdings nicht so dramatisch, wie die Temperatur, erklärt Karsten Rinke:

Illustrationsfoto: Ramin Khatibi,  Unsplash,  CC0

„Während in der Vergangenheit Dürreperioden in der Regel durch zu wenig Niederschlag verursacht wurden, werden sie in Zukunft vor allem  durch Hitzewellen ausgelöst – also durch außergewöhnlich hohe Temperaturen und damit einhergehende starke Verdunstung. Dramatischer formuliert: Selbst bei normalen Niederschlagsverhältnissen, die in der Vergangenheit niemals solche Folgen hatten, besteht in Zukunft ein hohes Risiko für eine Dürre. Wenn es nämlich zu lange zu warm ist, trocknet die Landschaft stark aus – obwohl der Niederschlag im langjährigen Mittel bleibt.”

Mehr Hochwasser und mehr Dürre

Häufigere Dürreperioden sind jedoch nicht die einzige Veränderung, auf die wir uns einstellen müssen. Klimamodelle gingen auch von einer größeren Anzahl entgegengesetzter Extreme aus, insbesondere von starken Niederschlägen mit anschließenden Überschwemmungen, bemerkt Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung:

Illustrationsfoto: Hans Braxmeier,  Pixabay,  CC0

„Das sind zwei Entwicklungen, die in Mitteleuropa – in Deutschland, Tschechien, der Schweiz, Österreich – verstärkt zu beobachten sind: mehr Hochwasser und mehr Dürre. Beide Phänomene können in verschiedenen Jahren auftreten. Ich glaube, dass Hochwasser etwas anders wahrgenommen werden. Sie werden weniger mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht. Aber es handelt sich eigentlich um die zwei Seiten derselben Story.”

Anzeichen für diesen Trend können wir übrigens schon heute beobachten. Und das bei Weitem nicht nur in Mitteleuropa, wie Gertens Kollegin an der Potsdamer Einrichtung, Leonie Wenz, betont:

Illustrationsfoto: Joshua Woroniecki,  Pixabay,  CC0

„Die Gletscher schmelzen. Wir haben immer neue Hitzerekorde, immer mehr Extremwetterereignisse. Im Westen Deutschlands gab es gerade die massiven Überschwemmungen. Aber auch die Dürresommer der vergangenen Jahre oder die derzeitigen Waldbrände in Griechenland, in der Türkei, in Kanada und in den USA. Also im Prinzip sieht man überall schon den Klimawandel. Und mit fortschreitender Erwärmung äußert er sich immer extremer. Die Extremwetterereignisse werden also häufiger und intensiver.”

All diese Ausprägungen des Klimawandels verursachen enorme ökologische und wirtschaftliche Schäden. Sie haben aber auch direkte Auswirkungen auf unser Leben.

Leonie Wenz | Foto: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

„Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Gesundheit. Gerade bei älteren Menschen in der Stadt sieht man schon, dass die Hitze massive Auswirkungen hat. Es gibt viele Hitzetote. Eine andere Sache ist die Arbeitsproduktivität. Jeder kennt es von sich selbst, dass man weniger produktiv arbeitet, wenn die Temperaturen steigen. Das lässt sich dann in den Wirtschaftsdaten messen. Relevant sind dann auch die zwischenmenschlichen Konflikte. Die Menschen werden aggressiver und gehen weniger freundlich miteinander um. Wasserknappheit ist zum Beispiel ein weiteres großes Thema, bei dem sich schon jetzt verstärkte Konflikte abzeichnen. Der Klimawandel kann ein Katalysator sein für gesellschaftliche Spannungen, die sowieso schon bestehen.”

Leonie Wenz zählt einige der Probleme auf, die die fortschreitende Klimakrise mit sich bringt. Aber auch in anderen Bereichen ist mit unerfreulichen Veränderungen zu rechnen. Der Klimawandel könne sich auch auf die Weltwirtschaft auswirken, einschließlich der Verfügbarkeit vieler Produkte, erklärt Zuzana Harmáčková vom Global Change Research Institute der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Zuzana Harmáčková | Foto:  Global Change Research Institute

„Der Klimawandel beeinflusst den Meeresspiegel und damit auch die großen internationalen Seehäfen. Schon heute wirken sich die klimatischen Veränderungen negativ auf die Schifffahrt aus und gefährden den Warenverkehr, so wie wir ihn kennen. In einigen Szenarien haben wir keinen normalen Zugang mehr zu den Produkten, die wir regelmäßig konsumieren.“

Der Mensch hat großen Einfluss

Klimamodelle gehen davon aus, dass sich all diese negativen Auswirkungen im Laufe der Zeit noch verstärken werden. In welchem Ausmaß? Das hängt vor allem davon ab, ob der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gebremst werden kann. Ziel des Pariser Abkommens ist es, die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf maximal 1,5 bis 2 Grad Celsius zu begrenzen. Dabei zählt jedes Zehntel Grad. Wie kann es sein, dass selbst solche, allem Anschein nach geringen Unterschiede eine so große Rolle für den weiteren Verlauf des Klimawandels spielen?

Illustrationsfoto: Gerd Altmann,  Pixabay,  CC0

„Die Art und Weise, wie wir die Temperatur wahrnehmen – ob sie also 20 oder 30 Grad Celsius beträgt – unterscheidet sich völlig von dem, was wir unter einem globalen Temperaturanstieg verstehen, selbst wenn es sich nur um ein Grad handelt. Zurzeit wird viel über verschiedene Szenarien für die zukünftige Entwicklung gesprochen. Einige rechnen mit einer Erwärmung von anderthalb bis zwei Grad, andere von drei bis vier Grad. Dabei macht es bereits einen erheblichen Unterschied, welche Veränderungen nur 0,1 Grad im Hinblick auf die Landwirtschaft, Bevölkerungsbewegungen oder die Verfügbarkeit von Wasser mit sich bringt. Es liegen wirklich Welten dazwischen, ob sich die Erde um anderthalb Grad oder um vier Grad erwärmt. Bei vier Grad sprechen wir bereits von Zukunftsaussichten, die katastrophal sind. Es wird mit massenhaften Migrationsbewegungen gerechnet, mit dem Zusammenbruch politischer Systeme. Handelsketten werden vermutlich unterbrochen, bestimmte Waren wären dadurch schwerer verfügbar. Anders ausgedrückt: Die Gesellschaften würden nicht mehr so funktionieren, wie wir sie kennen. Ich kann zwar nachvollziehen, wenn jemand ein paar Grad Erderwärmung als banal abtut. Dies stimmt aber eben nicht. Es macht einen wirklich großen Unterschied aus."

Dieter Gerten | Foto: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Es steht also viel auf dem Spiel. Und wenn es uns als Weltgemeinschaft nicht gelingt, die Erwärmung des Planeten zu verlangsamen, müssten wir mit weitreichenden negativen Konsequenzen rechnen, warnt Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

„Wir können mehr Extreme erwarten: Hitze, Waldbrände, Überflutungen, Dürren. Außerhalb Europas auch Hurricane, etwa in den östlichen USA oder Taifune in Pazifik. Auch diese werden intensiver und immer häufiger von höheren Meerestemperaturen hervorgerufen. Der Meeresspiegel steigt langsam an und kann dann irgendwann die Küstengebiete bedrohen. Dies liegt noch in weiterer Zukunft, aber das fängt so langsam an. Und es gibt leider auch Knackpunkte in dem komplexen System dieser Erde, durch die sich die Verhältnisse in nur wenigen Jahren komplett ändern können. Der vorherige Zustand ist dann nicht mehr so leicht – oder gar nicht mehr – wiederherzustellen. All das wollen wir vermeiden und deswegen den Klimawandel begrenzen. Denn je weiter er voranschreitet, desto gefährlicher wird es.“

Auch deshalb sind sich alle Experten einig, dass wir so schnell wie möglich handeln müssen. Dies liege schließlich auch in unserem eigenen Interesse, sagt Leonie Wenz.

Pariser Klimaabkommen | Foto: Außenministerium der Vereinigten Staaten,  Flickr,  gemeinfrei

„Je früher man reagiert, desto mehr Handlungsoptionen gibt es und desto sanfter kann man auch die Transformation gestalten. Wenn das Pariser Klimaabkommen erfüllt werden und die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Netto Null sinken sollen, dann bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn man vor zehn zwanzig Jahren angefangen hätte, wären viel sanftere Veränderungen möglich gewesen als jetzt. Gleichzeitig ist es wichtig zu sagen: Wir haben noch Zeit und wir können es noch schaffen, die schlimmsten Folgen abzuwenden. Gleichzeitig ist der Klimawandel aber schon da. Das heißt man muss auch über Anpassungen nachdenken und verhindern, was noch verhindert werden kann. Gleichzeitig muss man sich anpassen an das, was schon ist oder was noch eintreten wird, weil das Klimasystem eine gewisse Trägheit hat.”

Der Weg, wie wir diese düstersten Szenarien vermeiden können, ist allgemein bekannt. Am wichtigsten ist es, die Treibhausgas-Emissionen zu verringern. In der Praxis bedeutet dies unter anderem, so schnell wie möglich aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen.

Illustrationsfoto: Gerd Altmann,  Pixabay,  CC0

„Je schneller wir aufhören, CO2 in die Luft zu blasen, desto besser ist es für uns. Und desto größer sind die Chancen, dass wir das Klima stabilisieren und noch weitere Folgen verhindern können. Der Mensch hat also einen unglaublich großen Anteil daran. Die Frage ist, wie wir es als Gesellschaft schaffen können, dass alle mitgenommen werden. Für manche Länder ist Klimaschutz leichter möglich als für andere, die noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, wie etwa Armut. Deswegen denke ich, dass die Hauptverantwortung bei den Industrieländern liegt und in ihnen wiederum bei der Politik. Diese muss die Anreize und Strukturen so gestalten, dass der Ausstoß von CO2 einfach so teuer ist, dass er sich nicht mehr lohnt. Es müssen Innovationen und technologische Entwicklungen angestoßen werden, die nach Alternativen suchen.”

Illustrationsfoto: Quartzla,  Pixabay,  CC0

Der Weltklimarat hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass wir das Zwei-Grad-Ziel höchstwahrscheinlich verfehlen werden, wenn wir nicht so schnell wie möglich mit der Reduzierung der Emissionen beginnen. Gleichzeitig können wir aber das Ausmaß der Erwärmung noch immer beeinflussen und damit die schlimmsten Folgen vermeiden.

„In diesem Punkt müssen wir uns darüber klar werden, dass der Klimawandel kein physikalisches Phänomen ist, das von uns losgelöst existiert. Er ist eine gesellschaftliche Angelegenheit. Zum einen, weil er menschengemacht ist, und zum anderen, weil wir als Menschen mit seinen Folgen konfrontiert sind. Der Klimawandel wirkt sich unmittelbar auf unsere Lebensqualität aus. Und wie er sich weiter entwickeln wird, hängt davon ab, wie wir uns als Gesellschaft verhalten, wie viel Emissionen wir also produzieren.“

Autoren: Filip Rambousek , Štěpán Vizi
schlüsselwort:

Verbunden