Das Verhältnis zwischen Tschechen und Sudetendeutschen bleibt weiterhin schwierig

Sudetenland

Die abgelaufene Woche wurde wieder einmal stark vom schwierigen Verhältnis der Tschechen zu ihren ehemaligen deutschen Mitbürgern geprägt. Warum? Das erfahren Sie in der folgenden Ausgabe des Schauplatzes von Radio Prag, der Sendung über Hintergründe zum aktuellen Zeitgeschehen. Am Mikrophon sind Chris Schmelzer und Robert Schuster.

 Gerhard Schröder und Jiri Paroubek in Terezin (Foto: CTK)
Anfang vergangener Woche war Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einem Kurzbesuch in Tschechien. In Prag traf er sich mit dem neuen tschechischen Premierminister Jiri Paroubek. Später fuhr Schröder noch ins ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt, etwa sechzig Kilometer nördlich von der Hauptstadt, um dort der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Immer wieder wurde dabei sowohl von Schröder, als auch Paroubek betont, wie hervorragend sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien in den vergangenen sieben Jahren entwickelt hätten und dass es heute zwischen beiden Ländern keine Probleme gäbe.

Ob das Gleiche auch für das tschechisch-sudetendeutsche Verhältnis zutrifft, darf aber bezweifelt werden. Zwei Tage vor Schröders Prag-Visite fand nämlich in Augsburg das diesjährige Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft statt. Obwohl diese Veranstaltung, bzw. der Inhalt der dort gehaltenen Reden, in der jüngsten Vergangenheit oft zu heftigen Reaktionen Prags geführt haben, schien es diesmal fast so, als ob die tschechischen Medien angesichts des zeitgleich stattfindenden Finales der diesjährigen Eishockey-Weltmeisterschaft in Wien, wo die tschechische Mannschaft letztlich auch den Titel holte, sich nur am Rande dieses Themas annahmen.

Edmund Stoiber (Foto: CTK)
Doch dann übte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber in seiner Eigenschaft als oberster Schirmherr der vertriebenen Sudetendeutschen heftige Kritik an der geplanten Enthüllung einer Statue zu Ehren des langjährigen tschechoslowakischen Außenministers und späteren Präsidenten Edvard Benes. Eben mit dem Namen Benes wird von vielen Sudetendeutschen deren Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach 1945 in Verbindung gebracht.

Das, was folgte, waren gereizte Reaktionen einiger tschechischer Politiker und einige forderten gar eine Entschuldigung von Stoiber. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder sah sich bei seiner Prager Pressekonferenz gezwungen, Stellung zu beziehen. Auf den ersten Blick scheint also das Pfingstwochenende den traditionellen Schlagabtausch zwischen Prag und München gebracht zu haben.

Interessant ist jedoch, dass viele tschechische Teilnehmer des diesjährigen Pfingsttreffens der Sudetendeutschen Landsmannschaft den Eindruck hatten, dass die ewigen Themen, wie Vertreibung, oder Benes-Dekrete diesmal lange nur am Rand behandelt wurden und nicht im Mittelpunkt des Augsburger Treffens standen. Unter den Teilnehmern war auch der Politikwissenschaftler Rudolf Kucera von der Prager Karlsuniversität. Unsere erste Frage an ihn war deshalb, ob das Bild, welches die tschechischen Medien über das Augsbruger Treffen nachher zeichneten, ein etwas anderes war als die Wirklichkeit? Dazu meint Rudolf Kucera:

 Benes-Statue vor dem tschechischen Außenministerium in Prag (Foto: CTK)
"Das etnspricht auch meiner Erfahrung. Ich muss sagen, dass auf dem diesjährigen Treffen, an dem ich anwesend war, über die tschechisch-deutschen oder tschechisch-sudetendeutschen Beziehungen lange Zeit gar nicht gesprochen wurde. Erst am Samstag machte dann die Meldung die Runde, dass am Montag in Prag ein Denkmal zu Ehren von Edvard Benes enthüllt werden soll. Erst das hat dann die diesbezüglichen Debatten ausgelöst und wurde dann von Ministerpräsident Stoiber in dessen Rede während der Abschlusskundgebung am Sonntag aufgegriffen."

Eine gewisse, wenn vielleicht auch nur eine leichte, Haltungsänderung in Bezug auf das regelmäßig wiederkehrende Treffen der Sudetendeutschen lässt sich aber auch auf tschechischer Seitze feststellen. So wurde zum Beispiel in den frühen 90er Jahren, als der Themenkomplex Sudetendeutsche-Vertreibung-Dekrete erstmals aufkam und fast ausschließlich den tschechisch-deutschen Diskurs prägte, in den Tagen um Pfingsten im Prager Außenministerium regelmäßig ein spezieller Krisenstab gebildet. Seine Aufgabe bestand darin. sofort auf die Reden zu reagieren, die auf dem Treffen der Landsmannschaft gehalten wurden und somit die tschechische Öffentlichkeit zu beruhigen. So etwas gibt es mittlerweile im Prager Außenamt nicht mehr, oder zumindest nicht offiziell.

Ist also die tschechische Seite in dieser Hinsicht generell etwas gelassener geworden? Was meint der Politologe Rudolf Kucera?

"Vor allem glaube ich, dass viele Sudetendeutsche lange Zeit die Erwartung hegten, dass vielleicht doch der eine oder andere hochrangige tschechische Politiker kommen und vielleicht auch zu den Anwesenden sprechen würde. Das erwartet heute niemand mehr. Man sieht das auch daran, dass zum Beispiel immer wieder das Engagement der tschechischen Bischöfe gewürdigt wird, wovon auch die diesjährige Karls-Preis-Verleihung an den früheren Leitmeritzer Bischof Josef Koukl zeugt. Wenn schon Forderungen an die tschechische Seite erklingen, so oft in erster Linie von den Politikern, wie Edmund Stoiber, die darin natürlich auch die Möglichkeit sehen, sich gegenüber ihren Wählern zu profilieren. Es gibt dort immer auch eine Reihe von Veranstaltungen und Seminaren zu ganz konkreten Themen und dort hört man oft nichts von den üblichen polemischen Fragen wie den Dekreten und anderen. So war es auch in diesem Jahr. Erst die Meldung über die geplante Enthüllung der Benes-Staue hat den Schwerpunkt ein wenig verändert. Was aber ebenfalls von den tschechischen Medien anders dargestellt wurde, war der Umstand, dass auch Stoiber während seiner Rede ganz klar auf die Kausalität zwischen Krieg und Vertreibung hingewiesen hat und ebenso klar sagte er auch, dass das größte Verbrechen der Nazis in der versuchten Vernichtung des jüdischen Volkes bestand."

Die Forderung nach der Aufnahme direkter Gespräche mit Vertretern der Vertriebenen ist ja etwas, womit die tschechischen Politiker seit den frühen 90er Jahren immer wieder konfrontiert werden. Ebenso konstant war bislang auch die ablehnende Haltung aller wichtigen tschechischen Parteien, die stets darauf verwiesen, ihre Partner würden in Berlin und nicht in München sitzen.

Dennoch muss in diesem Zusammenhang eine interessante Initiative erwähnt werden, die Anfang der 90er Jahre der damalige tschechische Regierungschef und heutige Staatspräsident, Vaclav Klaus, anregte. Klaus wollte im Rahmen seiner damaligen Vier-Parteien-Koalition eine spezielle Arbeitsgruppe bilden und die hatte die Aufgabe, mit den Vertretern der Sudetendeutschen Landsmannschaft ins Gespräch zu kommen. Das Vorhaben scheiterte jedoch, als sich eine von Klaus Koalitionspartnern damals weigerten, ihre Vertreter in diese Arbeitsgruppe zu entsenden.

Damit hängt auch unsere weitere Frage an den Politikwissenschaftler Rudolf Kucera zusammen: Gesetzt den Fall, ein hochrangiger tschechischer Politiker würde tatsächlich an einem der nächsten Treffen der Sudetendeutschen teilnehmen, könnte das tatsächlich helfen, die Barrieren zwischen Tschechen und Sudetendeutschen abzubauen?

"Ich denke, dass das sicher helfen würde, denn ich sehe den ganzen Streit nicht auf der rechtlichen Ebene, sondern auf einer emotionalen. Es geht darum, dass die Sudetendeutschen das Gefühl haben, dass ihnen elementares Unrecht widerfahren ist und sie wollen zumindest eine gewisse Bereitschaft der tschechischen Seite zu einem gemeinsamen Gespräch spüren. Sie erwarten keine Lösungen des Problems. Man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der Sudetendeutschen voll in der deutschen Gesellschaft integriert ist und deshalb völlig ausgeschlossen werden kann, dass sie zurückkehren würden. Die Sudetendeutschen wollen verstanden und auch als Gesprächspartner akzeptiert werden, nicht aber als Feinde. Dieses direkte Aufeinandergehen hätte sicherlich heilende Wirkung."

Rudolf Kucera hat bereits angedeutet, dass es zwischen Tschechen und Sudetendeutschen nur dann eine Annäherung geben kann, wenn beide Seiten auf die Lösung von Eigentums- oder Rechtsfragen verzichten würden. Gerade hier lag aber in der jüngsten Vergangenheit auf der tschechischen Seite der wunde Punkt. Wie stark also spielen Befürchtungen eine Rolle, den Sudetendeutschen würde es in erster Linie nur um die Rückgabe ihres früheren Eigentums gehen? Hat sich da in den letzten Jahren die Einstellung der tschechischen Öffentlichkeit gewandelt? Hören Sie dazu abschließend noch einmal den Politikwissenschaftler Rudolf Kucera von der Prager Karlsuniversität:

"Ich denke, dass diese Ängste vor möglichen Eigentumsforderungen vor allem bestimmte Politiker und Parteien schüren mit dem Ziel, politisches Kapital herauszuschlagen. Das Problem besteht also darin, dass diese Ängste immer noch politisch instrumentalisiert werden können. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die eine oder andere Vertriebenen-Gruppe entsprechende Schritte unternehmen könnte, aber wie der Versuch der so genannten Preußischen Treuhand in Bezug auf Polen zeigt, hatte deren Vorstoß weder Unterstützung von Seiten der deutschen Politik, noch von Seiten des Bundes der Vertriebenen. Das heißt diese Fragen nicht in den Mittelpunkt zu stellen und die Öffentlichkeit in beiden Ländern zu provozieren."