David Jarolím: Pokalfinalniederlage ist riesige Enttäuschung für uns

David Jarolím

In der derzeit besten Fußball-Liga Europas, der deutschen Bundesliga, wird die Saison 2012/13 am Samstag mit dem Pokalfinale abgeschlossen. In Tschechien wird am gleichen Tag der neue Landesmeister ermittelt. Er wird Viktoria Pilsen oder Sparta Prag heißen. Dafür ist die Pokalentscheidung hierzulande schon gefallen. In einem packenden Endspiel setzte sich der Club aus Jablonec nad Nisou / Gablonz gegen den FK Mladá Boleslav durch. Und für den Verein aus der Autostadt spielt seit Januar der ehemalige HSV-Profi David Jarolím.

David Jarolím im Trikot des 1. FC Nürnberg
Zwölf Jahre spielte David Jarolím als Profi in der Bundesliga, von 2000 bis 2003 für den 1. FC Nürnberg und von 2003 bis 2012 für den Hamburger SV. Zuvor gehörte er bereits drei Jahre dem Profikader des FC Bayern München an, kam aber vorwiegend nur bei den Amateuren des deutschen Spitzenclubs zum Einsatz. Seine einzigen Partien für die Profimannschaft des FC Bayern absolvierte er am 13. April 1999 (26. Spieltag) bei der 1:2-Niederlage in Kaiserslautern, am 17. Juli 1999 beim 2:1-Sieg im Ligapokalfinale gegen Werder Bremen, und am 22. März 2000 bei der 0:2-Niederlage im letzten Zwischenrundenspiel der Champions League gegen Dynamo Kiew. In allen drei Fällen wurde der gebürtige Tscheche jeweils knapp eine Viertelstunde vor Spielende eingewechselt. Trotz dieser äußerst kurzen Spielzeit darf sich der 34-Jährige bereits zweifacher deutscher Meister und DFB-Pokalsieger nennen – weil er von 1997 bis 2000 offiziell im Kader der Bayern geführt wurde. Seine besten Jahre aber verbrachte Jarolím beim HSV. In Hamburg war er eine Saison lang Kapitän, und bei den Norddeutschen bestritt er auch mehrere internationale Spiele. Im Dezember 2005 trat er dabei im UEFA-Cup in Hin- und Rückspiel gegen den SK Slavia Prag an – also dem Team, in dem damals auch sein jüngerer Bruder Lukáš mitspielte.

David Jarolím im Trikot des FK Mladá Boleslav (Foto: Archiv FK Mladá Boleslav)
In der zurückliegenden Winterpause kam David Jarolím vom französischen Erstligisten FC Évian TG, bei dem er im Herbst spielte, zum tschechischen Erstligaclub FK Mladá Boleslav. Mit diesem Wechsel verband der ehemalige Nationalspieler die Hoffnung, in der nächsten Saison auch wieder in einem europäischen Wettbewerb spielen zu können. Denn der Verein aus der mittelböhmischen Autostadt – gesponsert vom hier ansässigen Škoda-Konzern – verfolgte das ehrgeizige Ziel, sich über die Liga oder den Pokal für die Europa League zu qualifizieren. In der nationalen Gambrinus Liga aber belegt Mladá Boleslav einen Spieltag vor Saisonende nur einen Platz im Mittelfeld. Also ruhten alle Hoffnungen auf dem Pokalwettbewerb, in dem die Blau-Weißen auch tatsächlich bis ins Finale vorstießen. Dort aber unterlagen sie vor zwölf Tagen dem FK Baumit Jablonec erst nach Elfmeterschießen, nachdem es in der dramatischen Partie nach 90 Minuten und Verlängerung 2:2 gestanden hatte. Auch zu dieser Niederlage stand uns Jarolím nach dem Punktspiel gegen Jablonec, das 1:1 endete, vor einer Woche Rede und Antwort.

Pokalfinal-Niederlage gegen den FK Baumit Jablonec (Foto: Tschechisches Fernsehen)
War es heute eigentlich leicht oder eher schwer, sich zu motivieren nach der Pokalfinal-Niederlage gegen denselben Gegner?

„Das war schwer, doch wir wollten trotzdem gewinnen.“

Es hat nicht geklappt. Woran lag es?

„Wir haben viele Chancen gehabt, sie aber nicht genutzt. Zudem hat uns der Schiedsrichter zwei Elfmeter verwehrt, vermutlich war er etwas überfordert. Doch die Riesenchance kurz vor dem Abpfiff, die müssen wir einfach reinmachen.“

Pokalfinal-Niederlage gegen den FK Baumit Jablonec (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Wie ärgerlich ist eigentlich die Niederlage im Pokalfinale?

„Es war das Schlimmste, was uns passieren konnte. Mit einem Sieg hätten wir uns für die Europa League qualifiziert, nun aber sind wir schwer enttäuscht. Zumal wir nur im Elfmeterschießen verloren und den Ausgleich zum 2:2 erst vier Minuten vor dem Abpfiff kassiert haben. Das tut weh, aber so ist Fußball.“

Hat das auch für Sie Konsequenzen? Sie hatten zuvor angedeutet, nur dann in Mladá Boleslav zu bleiben, wenn die Mannschaft in der nächsten Saison auch international spielt. Haben Sie da schon eine Entscheidung getroffen?

FK Mladá Boleslav (Foto: Archiv FK Mladá Boleslav)
„Nein, dazu ist noch nichts entschieden. Ich muss erst sehen, wie es weitergehen kann.“

Wie lange läuft Ihr Vertrag in Mladá Boleslav?

„Bis zum Ende dieser Saison.“

Wie ist es eigentlich zu Ihrem Engagement hier gekommen? Sie haben im Herbst in Frankreich gespielt, sind in Évian aber wenig zur Geltung gekommen. War es also ein Fehler oder eine Enttäuschung, dort zu spielen?

David Jarolím im Trikot des FC Évian TG (Foto: Archiv FC Évian TG)
„In Frankreich war es für mich und meine Familie nicht einfach, sich zurechtzufinden. Wir haben uns daher entschieden, unseren Aufenthalt dort kurzfristig zu beenden.“

Hat Sie dann der Club oder der Hauptsponsor nach Mladá Boleslav geholt?

„Beide, sowohl der Club als auch Škoda.“

Waren Sie danach froh, dass Sie diesen Schritt gewagt haben?

Hamburg (Foto: Gerard79, Stock.xchng)
„Nun, ich habe diesen Schritt in erster Linie wegen meiner Familie gemacht. Wir erwarten unser zweites Kind, und das ist auch der Grund, warum wir zurück nach Prag gegangen sind.“

Sollen Ihre Kinder dann auch hier aufwachsen und in die Schule gehen?

„Das steht noch nicht fest, denn meine zweite Heimat ist natürlich Hamburg. Ich will jedoch weiter Fußball spielen, also reagierte ich auf die Angebote. Nach dem Ende meiner aktiven Karriere aber gehe ich wieder zurück nach Hamburg, und dann wird man sehen.“

Foto: hin255, FreeDigitalPhotos.net
Wie lange soll die Karriere voraussichtlich noch andauern?

„Das weiß ich noch nicht, das kann ich noch nicht sagen.“

Jetzt sind Sie drei Monate hier in der tschechischen Liga, davor aber haben Sie zwölf Jahre in der Bundesliga gespielt. Wie fällt ein Vergleich aus zwischen diesen beiden Ligen?

„Das kann man gar nicht miteinander vergleichen. Auch nicht mit der zweiten oder dritten Bundesliga. Die Gambrinus Liga ist eine eigenständige Liga, und die 1. Bundesliga ist eine der besten Ligen in der Welt. Das lässt sich wirklich nicht vergleichen.“

Vermissen Sie die Bundesliga deshalb ein wenig?

„Natürlich, denn wegen ihrer Professionalität und der Atmosphäre in den Stadien ist sie für mich die beste Liga der Welt. Das fehlt mir, ganz klar.“


Fanliebe pur: Bohemians-Fans sammeln Geld für Rasenheizung

Spieler von Hradec Králové (Foto: ČTK)
Neben dem Pokalsieger stehen in Tschechien mittlerweile auch die Absteiger aus der Gambrinus Liga und die Aufsteiger dorthin fest. Das Oberhaus verlassen müssen die Vereine aus den Kreisstädten České Budějovice / Budweis und Hradec Králové / Königgrätz. Die beiden freien Plätze werden in der nächsten Saison der 1. SC Znojmo und der Prager Traditionsverein Bohemians 1905 einnehmen. Aber, und das ist der Haken, beide Clubs müssen erst noch Auflagen erfüllen. Znojmo / Znaim besitzt kein erstligataugliches Stadion und hat deshalb in erster Instanz keine Lizenz für die Gambrinus Liga erhalten. Und die Bohemians? Den Grün-Weißen ist nach nur einer Saison der sofortige Wiederaufstieg gelungen. In der 2. Liga durften sie in ihrem geliebten Stadion Ďolíček spielen. Für das Oberhaus aber entspricht es nicht den Vorschriften, denn es hat keine Rasenheizung. Müssen die „Kängurus“ also erneut ins Stadion des ungeliebten Lokalrivalen Slavia Prag ausweichen?

Bohemians-Fans (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Auf keinen Fall, sagen die Fans, und haben sich ein weiteres Mal ins Zeug gelegt. Zur Erinnerung: 2005, als dem Club ausgerechnet im 100. Jahr nach der Vereinsgründung die Insolvenz drohte, haben ihn die Fans durch eine beispiellose Spendensammlung vor dem Ruin gerettet. Über drei Millionen Kronen (ca. 120.000 Euro) kamen zusammen und verhalfen den Bohemians, dass sie zumindest in der 3. Liga spielen konnten. Und jetzt? Die Installierung einer Rasenheizung kostet umgerechnet fast 700.000 Euro. Aber auch das kann die Anhänger des Kultvereins nicht schrecken. Milan Mraček von der Vereinigung der Bohemians-Fans (Družstvo Fanoušků Bohemians, kurz: DFB):

Milan Mraček (Foto: Archiv von Milan Mraček)
„Die Vereinigung der Bohemians-Fans hat sich ein klares Ziel gesetzt: Unser Club muss im Stadion Ďolíček spielen. Dafür haben wir eine Spendensammlung angeschoben, die vom Magistrat der Stadt genehmigt wurde. Sie erfüllt ihren Zweck auch dann, wenn wir nicht den ganzen Betrag einnehmen sollten. Sie soll den Clubbesitzern zeigen, dass die Fans hinter ihnen stehen und sie ihren Verein auch weiterhin so unterstützen werden, wie sie es bisher getan haben.“

Bis Mitte Mai hatten die Fans schon über 600.000 Kronen (ca. 24.000 Euro) gesammelt. Darunter waren 8888 Kronen von einer Clublegende – von Vereinspräsident Antonín Panenka, dem Erfinder des Elfmeter-Lupfers:

„Ich habe sehr, sehr viele Jahre in dem Verein verbracht. Wir, die Kängurus, wären natürlich froh, wenn sich das Herz und der Fußball gegen die kommerziellen Interessen durchsetzen würden. Wir hoffen, dass alles gut geht, wir ein eigenes Dach über dem Kopf haben und hier weitermachen können.“

Dariusz Jakubowicz (Foto: Dimír Šťastný, Archiv Bohemians 1905)
Das Grundstück des Stadions Ďolíček ist seit einiger Zeit auch im Fokus von Investoren. Sie würden darauf am liebsten moderne Wohnungen oder ein Einkaufszentrum errichten. Wenn man den neuesten Informationen jedoch Glauben schenken darf, wird diese Gefahr schon bald gebannt. Das Grundstück wolle die Stadt kaufen, und damit werde sich auch die Zukunft des Clubs stabilisieren, gab unlängst der Vorstandsvorsitzende von Bohemians 1905, Dariusz Jakubowicz, bekannt.

Doch auch damit sind noch längst nicht alle Probleme der Grün-Weißen vom Tisch. Für das Unternehmen Erste Liga muss auch der Spielerkader passen. Und da hat eine weitere Clubikone, der ehemalige Mittelfeldstratege Karol Dobiaš, noch ein großes Defizit ausgemacht:

Antonín Panenka (Foto: Jiricekpavlicek, Wikimedia Commons Free Domain)
„Der Einsatz im Team stimmt, aber mir fehlt noch ein Spielgestalter vom Schlage eines Antonín Panenka. So einen muss man formen, damit jemand das Spiel der Mannschaft auch gut lenken kann.“

Aber wäre es da nicht einfacher, gleich das Original zu bitten – den inzwischen schon 64 Jahre alten Panenka?

„Ich wollte Fußball immer aus Freude spielen, aber nicht als Strafe. Mit den Spielern der heutigen Generation würde ich wohl nicht viel zustande bringen. Fußballerisch würde ich das vielleicht noch packen, aber was das Laufen und die Aggressivität betrifft, da hätte ich wohl die gleichen Probleme wie früher.“

Und dennoch: Die höchste tschechische Fußball-Liga freut sich auf die Rückkehr des Kultclubs Bohemians 1905 – schon wegen der unglaublichen Fans und seinem bis heute unverwüstlichen Urgestein Antonín Panenka.

Autor: Lothar Martin
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