Der Ruhelose

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Bekannt geworden ist der Schriftsteller Ota Filip durch Werke wie "Das Café an der Straße zum Friedhof", "Die Himmelfahrt des Lojzek Lapác aus Schlesisch Ostrau" und "Cafê Slavia". Seit 1974 lebt und arbeitet der gebürtige Tscheche in Deutschland. Am Mittwoch wird er 75 Jahre alt. Grund genug, um sein bisheriges Leben etwas näher zu betrachten.

Mit 75 Jahren sind die meisten Menschen schon längst im Ruhestand. Nicht Ota Filip. Er denkt gar nicht daran, mit dem Schreiben aufzuhören:

"Ich könnte mir den Ruhestand gar nicht vorstellen. Was tut man im Ruhestand? Ich bin ein Mensch, der immer aktiv sein will, der arbeiten will und arbeiten kann. Mein Gott, was soll ich im Ruhestand? Soll ich da vor dem Haus hocken und im Garten Bäume schneiden oder spazieren gehen? Das ist mir zu langweilig."

Ota Filip sagt von sich selbst, er hege eine innere Abneigung gegen die Ruhe. Kein Wunder - war doch sein gesamtes bisheriges Leben von ständigen Umwälzungen geprägt. In der Tschechoslowakei machte sich der Schriftsteller vor allem durch sein literarisches Engagement während des "Prager Frühlings" einen Namen. 1969 protestierte er mit einem Flugblatt gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Eine etwas zu arglose Aktion, wie Ota Filip heute selbst einräumt:

"Ich war naiv. Ich habe mich sozusagen selber in das Maul der Staatssicherheit gestürzt. Ich habe auf der Schreibmaschine im Verlag ein Flugblatt geschrieben. Damals wusste ich noch nicht, dass die Schreibmaschinen bei der Staatssicherheit registriert sind. Innerhalb von sechs Tagen haben sie mich entlarvt."

Ota Filip wurde wegen "Untergrabung der Republik" zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach internationalen Protesten wurde er jedoch vorzeitig aus der Haft entlassen. Trotz seines Gefängnisaufenthaltes blieb Filip weiterhin aufmüpfig. Wegen zweier im Westen erschienener Romane wuchs der politische Druck auf Ota Filip. Um einer erneuten Inhaftierung zu entgehen, emigrierte er 1974 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Deutschland, wo sich sein Ruf als Schriftsteller bald festigte. Seine Bücher wurden mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet. Dann, 1998, der große Einschnitt: Eine Enthüllungsgeschichte über die angebliche Spitzeltätigkeit für den tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienst "StB" traf Filip schwer. Sein Sohn Pavel nahm sich nach der Denunziation seines Vaters das Leben. Filip reagierte auf die Vorwürfe mit einer Selbstverteidigung in Form eines Buches. Gespräche über diesen schwarzen Fleck in seinem Lebenslauf meidet der Schriftsteller:

"Zu diesem Vorwurf habe ich in meinem Buch Stellung genommen. Das steht alles im `Siebenten Lebenslauf`. Es war mein Unglück, teilweise mein Versagen. Darüber möchte ich nicht reden, denn ich habe einen ganzen Roman darüber geschrieben. Damit ist die Sache für mich zwar nicht abgeschlossen, aber beendet."

Momentan arbeitet Ota Filip am letzten Kapitel seines Romans "Der achte Lebenslauf". Auch in diesem Werk schildert er einen Teil seiner persönlichen Geschichte. Doch geht es dem Schriftsteller nicht nur darum, einige Lebensjahre zu dokumentieren, sondern um weitaus mehr:

"Manche Leute haben mit ihrem Gewissen Probleme und gehen zur Beichte. Meine Probleme löse ich durch das Schreiben. Das Schreiben ist bei mir immer eine Beichte. Es ist sozusagen meine Aussage über die Welt, in der ich lebe."

"Der achte Lebenslauf" erscheint voraussichtlich im Herbst dieses Jahres.