Der Rundfunk im Protektorat II.

Rundfunkgebäude, 1930
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Bereits vor zwei Wochen konnten Sie von Katrin Bock im Kapitel aus der tschechischen Geschichte einiges über den tschechischen Rundfunk während des Protektorats hören. Heute setzen wir diese Sendereihe fort, in der Sie unter anderem etwas über die damals herrschenden Zensurmaßnahmen erfahren.

Auch nach Errichtung des Protektorats im März 1939 existierte der Tschechische Rundfunk weiter - als Protektoratsrundfunk. Die Möglichkeiten seiner Mitarbeiter waren begrenzt, die Zensur streng. Selbst die Reden von Protektoratspräsident Emil Hacha unterlagen ihr! Ebenso wie der deutsche Reichssender diente auch der Tschechische Rundfunk der Propaganda, wurden antisemitische Sendungen und beschönigende Kriegsberichte gesendet, wie z.B. diese Reportage tschechischer Journalisten über die Kapitulation Frankreichs im Juni 1940:

"Vor allem konnten wir uns davon überzeugen, dass das Reich den Krieg auf humanste Art und Weise geführt hat. Sein vernichtender Schlag wurde nur gegen die kämpfende Feindarmee gerichtet, so dass die Verluste der nicht kämpfenden Bevölkerung gering sind. Wir konnten feststellen, dass Belgier und Franzosen auf uns Tschechen fast mit Neid schauen, weil die kluge Führung unseres Präsidenten uns vor ihrem Schicksal bewahrt hat."

Heute senden die meisten Radiostationen rund um die Uhr, wie aber sah das tägliche Programm des Tschechischen Rundfunks während des Zweiten Weltkriegs aus? Dazu der amerikanische Historiker Rick Pinard, der sich seit langem mit der Geschichte des tschechischen Rundfunks während des Protektorats beschäftigt und in dessen Archiven forscht:

"Das ging meistens morgens sehr früh los so gegen 5 Uhr und lief bis etwa Mitternacht, es gab dann hie und da natürlich Sendepausen. Das waren Umschaltungen, die in der Zeit bei fast allen Rundfunksendern normal waren. Der Sendetag des Radiojournals war etwas kürzer als der der Reichssender. Das wurde dann auf Befehl verlängert, da kam dann der Sender Brünn mehr zum Einsatz, wenn Prag gerade eine Schaltpause hatte."

Im Rundfunk gab es zu Beginn des Protektorats vier Abteilungen, die für das Programm zuständig waren. Die Musikredaktion bereitete Sendungen sowohl klassischer als auch populärer Musik vor. Mit den Jahren verlängerte sich die Liste verbotener Komponisten und Musikstücke, die nicht gespielt werden durften. Die literarische Abteilung war für Hörspiele, Buchvorstellungen und ähnliches verantwortlich - auch hier wurde die Namensliste verbotener Autoren immer länger. In der Bildungsabteilung bereitete man Sendungen wie Sprachkurse, Buchführungskurse und Vorlesungen zu bestimmten Themen vor. Die Abteilung für Reportagen schließlich stellte nicht nur solche her, sondern leitete auch so genannte Fachsendungen, wie z.B. für Landwirte oder Arbeiter. Ab 1942 wurden beispielsweise jede zweite Woche Gespräche mit tschechischen Arbeitern gesendet, die im Deutschen Reich eingesetzt waren. Wie zum Beispiel folgende Reportage aus München von 1944 darüber, wie gut es dort tschechischen Arbeiterinnen geht:

"Hier sind ungefähr 385 Mädchen, um die ich mich kümmere. Ich räume in der Unterkunft auf und sorge dafür, dass es allen gut geht und sie sich wie zu Hause fühlen."

Hinzu kamen politische Sendungen, bei denen keinerlei Freiraum bestand. Zu diesen gehörte z.B. auch die Reportage über die Überführung von Reinhard Heydrichs Leichnam auf die Prager Burg in der Nacht zum 6. Juni 1942:

"Neben dem Eingang stehen zwei SS-Männer mit ihren Karabinern Wache. Es ist tiefste Nacht..."

Überwacht wurden sämtliche Sendungen von deutschen Zensoren, dazu Rick Pinard:

"Es gab eine so genannte Deutsche Dienststelle im Tschechischen Rundfunk unter der Leitung eines Sudetendeutschen namens Walter Maras und Georg Schneider, das war ein Mitarbeiter von ihm. Sie waren ehemalige deutsche Mitarbeiter des Radiojournals aus der Ersten Republik und bildeten eine Gruppe von Zensoren und Kontrolloffizieren -auch von der Wehrmacht-, und die hatten dann das Recht, Programme abzusetzen oder zurückzugeben. Sie haben auch Zensurstriche gemacht und während eine Sendung gesendet wurde, wurde genau abgehört, ob diese Zensurstriche im Tschechischen, also in der tschechischen Sprache wohlgemerkt, eingehalten wurden."

Dass heißt, es musste alles vorher vorgelegt werden, so dass nichts live gesendet werden konnte?

"Ja genau, so ist es. Bei tschechischen Sendungen musste es teilweise fünffach vorgelegt werden, und bei vielen Sendungen zwei Wochen vorher, es musste alles geprüft werden, der Text insgesamt, die Tendenz, ob da irgendeine war oder irgendetwas, das zweideutig wäre. Walter Maras und Georg Schneider waren in der Tschechoslowakei groß geworden, sie konnten sehr gut Tschechisch und haben die Texte genau kontrolliert. Man konnte denen sehr wenig vormachen. "

Und die waren bis 1945 dort?

"Nein, sie waren nur bis 1942, und zwar aus einem sehr gutem Grund - einerseits, es gibt Anzeichen dafür, dass die Propaganda gegenüber den Tschechen vom einheimischen Rundfunk, vom Nazis kontrollierten Tschechischen Rundfunk wenig Effekt zeigte. Andererseits, diese Tätigkeit als Zensor hatte für die einzelnen Leute wie für diesen Georg Schneider einen sehr positiven pekuniären Effekt - wenn man ein Programm, das schon angenommen worden war, auf einmal knapp vor der Sendung ablehnte, musste diese Sendung mit was anderen aufgefüllt werden und z.B. Herr Schneider wurde dafür bezahlt. Sie wurden dann 1942 entlassen. Die Deutsche Dienststelle wurde insgesamt aufgelöst. Es gab eine gewisse Zensur, aber nicht mehr so wie zuvor."

Immer wieder versuchten tschechische Rundfunkmitarbeiter durch gewisse Musikwahl oder den Vortrag von Gedichten Anspielungen auf die herrschende Situation zu machen. Auch die Sendereihe: "Proc mam rad venkov" - "Warum ich das Land mag" kann zu solchen, die tschechische Moral hebenden Sendungen gezählt werden, wie dieser Beitrag des bekannten Dichters Frantisek Halas zeigt:

"In der Liebe zur Heimat liegt ein Stück Notwenigkeit, ein Stückchen von dieser durch das Weltall fliegenden Welt zu besitzen. Unser Grab ist klein, wir wollen deshalb mehr der heimischen Erde, mehr der Klänge der Kindheit und des Himmels um sie. Die Sehnsucht nach der Heimat befällt uns gerade in diesen Zeiten, und wir blicken wie zu Rettungsbojen zu den in der Ferne erleuchteten Fenstern, in denen die Schatten der Väter und Mütter flimmern."

Rundfunkgebäude im Mai 1945
Mich interessierte, wie es mit dem Widerstand im Tschechischen Rundfunk aussah, dazu Rick Pinard:

"Es gab eine Widerstandsgruppe, es wurde im Jahre 1940 zum Beispiel eine ganze Abteilung gebildet, das war die so genannte Forschungsabteilung, die scheinbar -also nach Nachkriegsberichten, die ich gelesen habe-, auch irgendwelche Losungen gesendet haben sollten oder in die Programme eingeflochten haben sollten - ich konnte nicht feststellen, was konkret gesendet wurde. Diese Abteilung leistete ansonsten sehr wenig. Sie hatte zum Beispiel eine Sendereihe "Deutsch für Jedermann" mit einem Buch herzustellen. Das hat diese Abteilung gemacht, aber die Qualität war nicht sehr gut. Also das war, gewissermaßen Sabotage."

Während der gesamten Zeit des Protektorats existierten kleine Widerstandsgruppen im Rundfunk. Aktiv wurden diese ab Herbst 1944, als man begann, sich auf einen Umsturz bzw. möglichen Aufstand gegen die deutschen Okkupanten vorzubereiten. Als dieser dann am 5. Mai 1945 ausbrach, war der Tschechische Rundfunk gut darauf vorbereitet:

Der Rundfunk spielte in jenen Tagen des Aufstands eine große Rolle. Damals soll es immerhin 183.500 Konzessionszahler in Prag gegeben haben - wie groß war also die Hörerschaft im Protektorat?

"Zur Zeit der Errichtung des Protektorats hatte die Bevölkerung etwa 7 Millionen Menschen und man hatte gut 750.000 Rundfunkgeräte, also sagen wir einmal ein Rundfunkgerät pro 10 Köpfe - das ist nicht schlecht, für diese Gegend von Europa. Ja, es gab eine Hörerschaft, aber ich glaube, die Leute haben auch sehr viel London oder Moskau oder sonst was gehört - der einheimische Rundfunk, vor allem die politischen Sendungen waren natürlich nicht sehr beliebt."

Auch im Protektorat hörte man so genannte Feindsender, wie die tschechisch sprachigen Sendungen der BBC oder von Radio Moskau, worauf die Todesstrafe stand. Immer wieder kam es deshalb zu Strafaktionen:

"Karl Herman Frank von der Sudetendeutschen Partei und spätere Staatssekretär hier im Protektorat Böhmen und Mähren, hat zu Beginn des Krieges vorgeschlagen, man sollte von den Tschechen alle Rundfunkempfänger abnehmen, weil er davon ausgegangen ist, dass sie fremd hören würden. Und hier und da passierte es dann auch, wie z.B. in Vrsovice -Wrschowitz oder in Jinonice- Jinonitz, das für einen Stadtteil alle Rundfunkempfänger eingezogen worden sind, wenn zu viele Parolen auf den Hauswänden entdeckt worden sind, um die Leute abzuschrecken, dann wurden einfach alle Rundfunkgeräte eingezogen."

Soweit Rick Pinard und soweit auch unser heutigen Kapitel aus der tschechischen Rundfunkgeschichte.