Der Tiger und das Bier

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32 600 Gläser Bier soll der Schriftsteller Bohumil Hrabal, bekannt durch seinen Roman "Ich habe den englischen König bedient", dort geleert haben: In seinem Stammlokal "Zum Goldenen Tiger", im "U zlateho tygra". 25 Jahre lang kam Hrabal jeden Tag zwischen halb fünf und halb sieben in die Kneipe , um sein Bier zu trinken. 1994 nahm der damalige US-amerikanische Präsident Bill Clinton mit seinem tschechischen Amtsbruder Vaclav Havel Platz in dieser Pivnice, auf deutsch Bierstube, in der Prager Altstadt. Ebenfalls dabei Bohumil Hrabal. Inzwischen ist Hrabal gestorben und Bill Clinton nicht mehr Präsident, doch das Bier fließt immer noch im "U zlateho tygra". Melanie Thun war dort.

Von außen gehört der "Goldene Tiger" eher zu den unauffälligen Geschöpfen - zumindest wenn man die gleichnamige Pivnice in der Husova-Straße sucht. Im Gegensatz zu vielen anderen Kneipen stehen dort keine Schilder und versprechen, daß innen die Klimaanlage kühlt und daß das Bier nur 20 Kronen, also weniger als einen Euro kostet. Nicht einmal eine Speisekarte hängt außen und verkündet in deutsch, englisch und tschechisch, was innen auf dem Teller so alles liegen könnte.

Nur ein einfacher Schriftzug über der Tür verrät, daß drinnen der "Goldene Tiger" auf einen wartet. Mit einem fast schon lauten Gebrüll wird man in der Bierstube empfangen. Fast alle 12 Tische sind belegt, nur hier und da ist noch ein Platz frei. Kaum hat man auch nur die Sitzfläche eines Stuhles gestreift, steht auch schon der Kellner vor einem: "Jedno pivo?" - "Ein Bier?" - Ano! Ja! Was sonst? So sieht es auch mein Tischnachbar Jaro Novotny, ein Prager, der seit 1969 in Wien wohnt und in seinem Urlaub in Prag jeden zweiten Abend im Tiger zu finden ist:

"Das ist für mich das beste Lokal - mit Bier. Essen ist woanders besser, das muss man zugeben, weil das sind hier nur Schmankerln, kleine Kostproben zum Bier. Wenn ich Gusto auf Ente habe oder was besseres oder Schweinsbraten, da muss ich woanders hingehen. Diese Bierkneipe ist die beste von Prag, ich schwöre. Und da bin ich nicht alleine, alle Kameraden oder Freunde aus Wien, die mit uns hierherkommen, sagen: Jesus Maria, wenn ich nach Prag fahre, bitte in das Gasthaus, wo du immer hingehst. So ist das."

Doch das Bier im Tiger ist nicht nur das vielleicht Beste, sondern wahrscheinlich auch das Schnellste: Nur Sekunden nach der Bestellung stellt der Kellner das Bier vor einem auf den Tisch, zückt einen weißen Pappstreifen und versieht ihn mit einem Strich. Ein Bier - ein Strich. Der Zettel von Jaro Novotny, seiner Frau und einem Freund weist da schon eine ganze Bataillon von Strichen auf. Aber schließlich befindet er sich auch nicht in Wien:

"Jeder Mensch hat sein Hobby. Z.B. ich habe das Hobby, ein gutes Bier zu trinken. In Wien kann ich kein Bier trinken, das schmeckt mir überhaupt nicht. Da trinke ich wieder Wein und wenn ich dort herkomme, trinke ich wieder Bier."

Was anderes scheint es im Tiger auch gar nicht zu geben. Holztische und Bier - Das war's! Die Kellner schleichen im Mittelgang entlang, beobachten wachsam, ob sich irgendwo ein Bierglas leert. Dann springen sie sofort herbei: Ještì jedno? - Noch eins? Natürlich! Währenddessen steigt der Lautstärkepegel proportional zu den gekippten Bieren: Die Gäste machen es den schreienden Tigern an den Wänden nach und tauschen immer mehr Bier gegen Striche auf dem Zettel ein - bis es dann im nicht mehr ganz klaren Zustand an das Bezahlen geht.

Autor: Melanie Thun
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