Deutsche Plattenbauten nach Tschechien?

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Über die kritische Lage auf dem tschechischen Wohnungsmarkt weiß man offensichtlich auch in Deutschland Bescheid. Einige Unternehmen brachten eine Leipziger Firma auf die Idee, dass man den Tschechen Teile der im Osten Deutschlands abzureißenden Plattenbauten anbieten könnte - mit dem Ziel eben, aus ihnen in Tschechien kostengünstiger und auch schneller - unter anderem - Sozialwohnungen zu bauen. Ludmila Clauss berichtet.

Die Wohnungssuche gehört zu den schwierigsten "Massensportarten" hierzulande. Wer gewinnen will, muss über einen langen Atem und die entsprechenden Finanzmittel verfügen, wobei häufig auch der Einsatz von guten Beziehungen Punkte bringen kann. Dabei heißt es von offiziellen Stellen, es gäbe genug Wohnungen im Land. Nach der Volkszählung im vergangenen Jahr weiß man, dass ca. 14,5% der Wohnungen in Tschechien dauerhaft unbewohnt sind.

Allerdings kann man konkret im Bereich der bezahlbaren und trotzdem wohnlichen Sozialwohnungen von einer Notlage sprechen - von diesen gibt es nämlich nach wie vor nicht ausreichend.

Diese Tatsache war einer der Gründe für eine Leipziger Firma, mit einem ungewöhnlichen Projekt aufzuwarten. Bernd Eue vom Internationalen Transferzentrum für Umwelttechnik (ITUT) erläuterte uns diese Idee:

"Die Projektidee besteht darin, dass gebrauchte Ressourcen - das ist auch Grundlage des in Tschechien gültigen Abfall-Wirtschaftsgesetzes - nicht vernichtet, sondern wiederverwendet werden. Zunächst musste also erst mal geprüft werden, ob es zollrechtliche Möglichkeiten gibt, diese gebrauchten Plattenbauelemente wiederzuverwenden - eben als Baumaterial. Das haben wir gecheckt und haben das dem tschechischen Entwicklungsministerium vorgestellt."

Vor einigen Wochen sorgte dann in Tschechien eine ziemlich hysterische Meldung der Medien für Aufsehen: Die Deutschen wollen ihre alten Plattenbauten nach Tschechien exportieren! Ein Aufschrei ging durch die Republik. Sie wollen doch nur ihren Müll bei uns abladen!... Ist dem wirklich so?, fragten wir Bernd Eue von der Leipziger Firma ITUT:

"Der Einsatz von solchen Plattenbauelementen muss gewollt sein und nicht von außen, also von deutscher Seite, aufoktroyiert werden. Sondern die tschechische Seite muss wünschen, dass billiges Baumaterial nach Tschechien gelangen kann. Die zwar gebrauchten aber wiederverwendungsfähigen Plattenbauelemente sind noch mindestens 40 Jahre haltbar und werden ja auch mit Zertifizierungssiegel, und zwar einem tschechischen Siegel, nach tschechischem Recht und Normen geprüft und dann wiederverwendungsfähig gestaltet."

Nach Aussagen von Herrn Eue wurde das Projekt bereits dem tschechischen Entwicklungsministerium vorgelegt. Auf Anfrage sagte uns der dortige Pressesprecher, dass seitens des Ministeriums kein Förderprogramm für - so wörtlich - "Plattenbau-Secondhands" geplant sei und dieses Vorhaben daher nicht unterstützt werde. Auch das Industrie- und Handelsministerium hat sich bereits zu dem umstrittenen Projekt ausgesprochen. Wie die Pressesprecherin Anna Starkova gegenüber der Nachrichtenagentur CTK äußerte, wird die Möglichkeit, in Tschechien aus gebrauchten Plattenbauten aus der ehemaligen DDR zu bauen, nicht unterstützt. Nur zu Herrn Eue scheint diese Information bislang nicht durchgedrungen sein. Noch gestern ging man bei ITUT in Leipzig davon aus, dass sich das Projekt beim tschechischen Entwicklungsministerium immer noch in der Phase der Prüfung befindet.

Autor: Ludmila Clauss
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