Die bunte Trachtenwelt Südmährens

Hochzeitsgäste Moravské kopanice vor 1950 (Foto: Archiv des Comenius-Museums)
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Formenreichtum, Farbenvielfalt und Kreativität. Unter anderem das sind die Hauptmerkmale südmährischer Trachten. Die Wurzeln dieses Kulturguts reichen weit zurück in die Vergangenheit.

Hochzeitsgäste Moravské kopanice vor 1950  (Foto: Archiv des Comenius-Museums)

Veronika Provodovská mit Familie,  Erstkommunion einer Tochter  (Foto: Archiv Robert Provodovský)
Das Comenius-Museum im südmährischen Uherský Brod verfügt über eine reichhaltige ethnografische Sammlung. Mit Exponaten aus drei Jahrhunderten dokumentiert sie die Traditionen der Region. Ihren Ursprung hat das heutige Fundus in einer volkskundlichen Schau, die 1894 eröffnet wurde. Ihre Stücke wurden zum Fundament des späteren Museums. Wesentlich erweitert wurde es schließlich 1919 mit finanzieller Unterstützung des nunmehr tschechoslowakischen Schulministeriums. Mit den zusätzlichen Mitteln sollte eine weitere Ausstellung vorbereitet werden. Seitdem wurde die ethnografische Sammlung des Museums kontinuierlich größer. Heute verwaltet sie unter anderem Veronika Provodovská. Ihre Beziehung zur Volkskultur haben von Kindheit an die Familie und ihr Geburtsort Březová geprägt, erklärt die Folklorebegeisterte. Provodovskás Heimatdorf liegt inmitten der weißen Karpaten, nur wenige Fußminuten von der mährisch-slowakischen Grenze entfernt. Die Palette ihrer Aktivitäten ist breit. Mit ihrem Ehemann hat sie in Březová zum Beispiel eine Bürgerinitiative zur Wiederbelebung alter Traditionen und ein Folkloreensemble gegründet. Außerdem fertigt sie in Handarbeit traditionelle Trachten:

Folkloreensemble Šibalica  (Foto: Archiv Veronika Provodovská)
„Für mich war es wichtig, dass die Mitglieder unseres Ensembles in Trachten auftreten. Ich bin aber keine gelernte Schneiderin. Deswegen suchte ich eine Werkstatt für die traditionellen Kleider, konnte aber keine richtige finden. Mein Interesse für authentische Gewänder führte mich auch in verschiedene Museen, in denen ich einige Stücke fotografierte. Außerdem hatte ich zuhause schon einige ältere Trachten mit Stickereien, die ich von Verwandten geschenkt bekommen hatte. Für mich waren es wichtige Vorlagen, an denen ich zunächst die Größenverhältnisse zwischen den Einzelteilen abmessen konnte. Dann habe ich mir die Nähte von oben und unten angesehen. Anhand meiner Erkenntnisse fertigte ich einen Stoffzuschnitt und nähte schließlich meine erste Tracht. Ähnlich gehe ich auch beim Sticken vor. Ein Foto allein reicht mir nicht. Ich muss unbedingt das Originalstück sehen.“

Mit Nadel und Faden zu den eigenen Traditionen

Comenius-Museum  (Foto: Palickap,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)
Und dazu hat Veronika Provodovská im Comenius-Museum reichlich Gelegenheit, denn die Sammlung umfasst insgesamt 13.000 Posten. Mehr als 50 Prozent der Stücke machen traditionell bestickte Trachten aus, der Rest sind allerhand Alltagsgegenstände und Werkzeuge. Mit der Zeit und durch viel Übung hat Provodovská wertvolles Know-how erworben und sich damit auch als Sachkundige für Trachten und Volksbräuche etabliert. Ein Beweis dafür ist auch ein Buch mit dem Titel „Ein Handwerk wie gestickt“, das sie 2017 herausgegeben hat und von dem bereits die zweite Auflage erschienen ist. Das einzigartige Werk gewährt auf 270 Seiten einen umfassenden Einblick in die Geschichte der mährischen Trachten und ihrer Verzierungen mit Stickmustern. Ein Fokus liegt dabei auf der Gegend rund um Uherský Brod. Trotz der geografischen Nähe sind die Muster und Schnitte von Dorf zu Dorf sehr unterschiedlich, es herrscht eine bunte Vielfalt an Formen und Farben. Auch die Fachbegriffe für bestimmte Teile der Trachten haben sich in den jeweiligen Mundarten der einzelnen Gemeinden ganz eigenständig entwickelt. Für Außenstehende sind sie in der Regel unverständlich. Was ist zum Beispiel ein „Sak“?

Sak  (Foto: Archiv des Comenius-Museums)
„Der Sak ist eine Art Gürtel in roter Farbe, den man sich in der Regel unter die Taille band. Getragen wird er nur in der Gemeinde Starý Hrozenkov. An beiden Enden des Gürtels hängen hinten kleine Pompons. Hergestellt werden diese mit einer alten Handarbeitstechnik am Webrahmen. Angewendet wurde sie schon im Mittelalter in der Slowakei bei der Fertigung von Damenhauben. Von dort aus kam diese spezielle Webkunst in das grenznahe Hrozenkov. Dort ist der „Sak“ bis heute in seiner herkömmlichen Form von der örtlichen Tracht nicht wegzudenken. In den benachbarten Regionen sieht man hingegen nur noch vereinfachte Varianten. In Hrozenkov hingegen haben die Frauen- und Männertrachten ihre Spezifika behalten.“

Jedes Dorf hat seine Eigenheiten

Festtagstracht des Ehepaars,  Uherský Brod  (Foto: Jitka Mládková)
Wodurch unterscheiden sich aber die traditionellen Frauentrachten in Hrozenkov im Vergleich zu denen in den umliegenden Regionen?

„Sie sind wesentlich mehr mit Stickereien versehen. Alle Teile wurden mit Handarbeiten der Frauen verziert, die in der armen Bergregion Moravské kopanice lebten. Die Stickmuster haben bis in die Gegenwart überlebt. Wenn man die Tracht von Hrozenkov und die von Uherský Brod nebeneinander sieht, macht die erstere eher einen bescheidenen Eindruck. Das kommt daher, dass sich manche Damen in der Stadt im Lauf der Zeit außer den üblichen Stoffen aus Baumwolle oder Leinen auch etwas ‚Repräsentatives‘ kaufen konnten. Zum Beispiel Brokatstoffe, die man öfter auch mit Spitzenbesatz aufpolierte. Die Stickerei hat man deswegen reduziert.“

Im Winter, wenn die Feldarbeiten beendet waren, konnte man sich auf dem Lande vermehrt der Handarbeit zuwenden. Dabei kam man oft auch mit den Nachbarn zusammen und konnte sich über die neusten Gerüchte im Dorf austauschen.

„Damals lebten in der Regel mehrere Generationen der jeweiligen Familie unter einem Dach. In vielen Haushalten stickten alle Frauen, von der Tochter bis zur Großmutter. Das wurde aber mit der Zeit immer weniger. Außerdem vergaß man immer mehr, wie man eine komplette Tracht anfertigt. Mancherorts, insbesondere in der armen Bergregion ‚Kopanice‘ funktionierte eine Arbeitsteilung. Die Frauen bestickten zum Beispiel nur die Einzelteile wie zum Beispiel die Ärmel und den zweiteiligen Rock beziehungsweise das Oberteil der künftigen Tracht. Das alles brachte man einer Schneiderin, die alles zusammennähte.“

Hochzeitstracht des Brautpaars,  Moravské kopanice  (Foto: Jitka Mládková)
In der ethnografischen Sammlung, die sich im Comenius-Museum in der Obhut von Veronika Provodovská befindet, gibt es einige besonders wertvolle Artefakte der mährischen Traditionen. Zu den ältesten zählt eine ‚ Úvodnice ‘ vom Ende des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um ein Leintuch, das als Umhang zum Brautkleid diente. Die Frauen erhielten es weit vor der Trauung als Teil ihrer Mitgift, um den weißen Stoff eigenhändig zu besticken. Am Hochzeitstag musste die Braut ihre „Úvodnice“ (der Name geht auf das Wort „uvádět“ zurück / einführen auf Deutsch) über Rücken, Schultern und Arme umhängen. Dem Kleidungsstück wurden magische Kräfte zugeschrieben, die die Braut vor dem Bösen schützen sollte. Jede Farbe der Stickerei war symbolisch, zum Beispiel stellten sie die Fruchtbarkeit oder Gesundheit dar. Die „Úvodnice“ war in mehreren mährischen Regionen bekannt und jeweils von örtlichen Traditionen geprägt.

Ein mährisches Unikum

Trotz vieler Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die regionalen Trachten in vielen Details. Eine solche Vielfalt gibt es beispielsweise in Böhmen nicht. Mährische, vor allem aber südmährische ‚Trachtenlandschaften‘ sind außerdem Teil des regionalen Images. Veronika Provodovská:

Brautpaar Strání vor 1915  (Foto: Archiv des Comenius-Museums)
„Mähren ist tatsächlich spezifisch. Oft ist es geografisch nur ein Katzensprung von einem Dorf zum anderen. Die Trachten ähneln zwar einander, unterscheiden sich allerdings in Details am Kragen, den Ärmeln, Säumen oder Stickmustern. Gerade daraus konnte man früher aber mit Sicherheit die Zugehörigkeit der Trachtenträger zu einer konkreten Region ablesen. Oder aber den Familienstand beziehungsweise die soziale Stellung. Das war in einer Zeit, als sich die Gestaltung der Trachten noch nach strengen Regeln richten musste. Heutzutage werden die Gewänder aber nur noch zu besonderen Anlässen und selten in der ursprünglichen Form getragen. Eine solche Gelegenheit ist beispielsweise der Kirchgang bei der Erstkommunion. Am stärksten wird die Tradition der Trachten in der gesamten Region von Uherský Brod wahrscheinlich in Strání gepflegt. Neben der heutigen, reichlich geschmückten Variante hat dort auch die herkömmliche überlebt. Außerdem ziehen dort die meisten Eltern eine Tracht an, wenn sie ihre Kinder bei der Erstkommunion begleiten. In anderen Dörfern der Umgebung ist es bei den Erwachsenen eher eine Ausnahme. Ebenso sieht man in Strání oft Brautpaare bei der Hochzeit in den traditionellen Kleidern.“

Trachten werden heutzutage überwiegend nur von Mitgliedern der Folkloreensembles getragen. Das vor allem bei Festivals, anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen oder bei Festumzügen.