„Die Fans haben richtig entschieden“ – Hejnová, Europas Leichtathletin 2013

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)

Der tschechische Sport hat ein neues Aushängeschild. Es ist die 26-jährige Leichtathletin Zuzana Hejnová, sie ist in der abgelaufenen Saison von Sieg zu Sieg geeilt. In ihrer Disziplin, den 400 Meter Hürden, ging sie zu 13 internationalen Wettkämpfen an den Start und war stets erfolgreich. Ihre überragende Saison krönte sie mit dem WM-Titel in Moskau. Nun lernt sie auch die schönen Seiten des frischen Ruhmes kennen: Vor zweieinhalb Wochen wurde sie in Tallinn zur besten Leichtathletin des Jahres in Europa gekürt. Und weitere Umfragen mit Siegchancen für Hejnová kommen noch. Das ist Grund genug, die tschechische „Überfliegerin des Jahres“ näher vorzustellen.

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)
Zuzana Hejnová war einfach baff. Nach ihrem überlegen herausgelaufenen Sieg im WM-Endlauf über 400 Meter Hürden konnte sie es noch gar nicht wahrhaben, was sie gerade geschafft hatte:

„Noch immer kommt mir das Ganze so unwirklich vor. Mir ist der Erfolg wohl noch gar nicht so richtig bewusst. Das Siegesgefühl aber ist einfach toll.“

Aus dem großen Talent, das zuvor häufig nur knapp an einem Podestplatz vorbeischrammte, ist in diesem Jahr eine absolute Top-Athletin geworden. Eine, die von keiner Gegnerin geschlagen wurde, und die deshalb völlig souverän auch die Gesamtwertung ihrer Disziplin in der diesjährigen Diamond League gewann. Einen der Gründe für ihre Leistungsexplosion sieht sie darin, dass sie aus vergangenen Niederlagen die richtigen Lehren gezogen hat.

„Ich denke, dass der große Umbruch schon vor zwei Jahren nach der EM einsetzte. Ich habe mir gesagt, so kann es nicht weitergehen, ich muss etwas ändern. Als ich dann voriges Jahr bei den Olympischen Spielen endlich eine Medaille gewann, da hat mir das natürlich psychisch geholfen. Davon habe ich in diesem Jahr die gesamte Saison über gezehrt“, sagt Zuzana Hejnová.

Dalibor Kupka (Foto: YouTube)
Ein weiterer Grund für ihren Aufstieg ist mit Sicherheit der Trainerwechsel, den sie nach der letzten Saison vollzogen hat. Hejnová verließ die Übungsgruppe von Martina Blažková und ging zu Dalibor Kupka, der ansonsten nur Männer trainiert. Sie selbst hatte anfangs aber noch einige Zweifel, was diese Veränderung letztlich bringen werde:

„Nach den Olympischen Spielen habe ich den Trainer gewechselt. Da konnte ich natürlich nicht erwarten, dass diese Saison so gut wird. Ich war vielmehr etwas skeptisch und hatte mich so auch mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass alles seine Zeit braucht und ich vielleicht erst in der nächsten Saison richtig durchstarten werde. Umso überraschter war ich, wie es dann gelaufen ist. Ein Indiz für meine Fortschritte waren schon die Trainingswerte. Es zeigte sich, dass meine Leistungen im Jahresvergleich besser waren als je zuvor. Da habe ich dann schon geahnt, dass ich auch im Wettkampf gut sein werde.“

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)
Schon zu Saisonbeginn spürte Zuzana Hejnová, dass sie auf dem richtigen Weg sei. Das Gefühl, körperlich und geistig fit zu sein, hat sie dann auch die gesamte Saison über mitgenommen.

„Ich habe gleich gemerkt, dass ich gut in Form bin. Daher habe ich mir gesagt: Wenn ich mir nicht selbst im Wege stehe, bin ich in der Lage, die Leistungen zu bringen, die zum Sieg reichen. So habe ich es von Wettkampf zu Wettkampf gehalten, und mit jedem Sieg sind meine Zuversicht wie auch die Freude auf den nächsten Lauf gestiegen“, so Hejnová.

Und dennoch, die Supersaison der Zuzana Hejnová wäre wohl eine unvollendete gewesen, wenn ihr aus irgendeinem Grund der WM-Titel versagt geblieben wäre. Doch das Gegenteil war der Fall: Das WM-Finale gewann sie in souveräner Manier, was sie letztlich selbst verblüffte:

Zuzana Hejnová als Europas Leichtathletin 2013 (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Ich war natürlich überrascht, wie klar ich gewonnen habe. Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, denn ich habe mich ausschließlich auf mich selbst konzentriert. Ich war in bestechender Form und sagte mir, dass mir keine meiner Gegnerinnen etwas Gleichwertiges entgegensetzen kann. Und ich wusste, auch wenn es bis zur Zielgeraden noch recht eng bleibt, dann kann ich im Endspurt immer noch zulegen. Ich glaubte einfach fest an mich.“

In ihren Wettkämpfen konnte Hejnová das Geschehen auf der Tartanbahn also stets selbst beeinflussen. Bei den gegenwärtig laufenden oder noch anstehenden Umfragen zu den sportlichen Top-Leistungen des Jahres aber ist sie auf die Meinung anderer angewiesen. Das war auch bei der Wahl der europäischen Leichtathleten des Jahres nicht anders. Hier rechnete sie mit einer großen Unterstützung für die russische Stabhochsprung-Weltrekordlerin Isinbajewa, zumal Sportfans über Facebook ebenfalls abstimmen konnten. Umso erstaunter war sie, dass sie auch in der Gunst der Fans an der Spitze lag.

Jelena Isinbajewa (Foto: ČTK)
„Darüber war ich schon überrascht, denn die Tschechische Republik ist ja nur ein kleines Land. Ich bin davon ausgegangen, dass insbesondere Jelena viele Fans hat und dementsprechend auch viele Stimmen erhalten wird, vor allem aus Russland. Ich bin erfreut, dass es so ausgegangen ist, und ich denke, dass sich die Fans richtig entschieden haben.“

Nach dieser Äußerung konnten sich Hejnová und die Journalisten, die sie zu einer Pressekonferenz in Prag geladen hatte, ein gewisses Schmunzeln nicht verkneifen. Andererseits zeugt die Aussage auch vom gewachsenen Selbstbewusstsein, das die 26-Jährige mittlerweile an den Tag legt. Das wiederum verstellt ihr aber nicht den Blick für das Wesentliche. Gerade nach ihrer diesjährigen Traumsaison weiß sie, dass der Grundstein für spätere Erfolge stets durch ein hartes Training im Herbst gelegt wird.

„Jetzt beginne ich bereits für die nächste Saison zu trainieren. Der Herbst ist immer am schwierigsten für mich, denn es ist die Zeit, in der ich stets die meisten Kilometer während eines Jahres laufe.“

Zuzana Hejnovás Blick ist folglich schon auf die kommende Saison gerichtet. Ihre Ziele für 2014 sind ebenfalls schon abgesteckt:

„Es hat den Anschein, als wenn das nächste Jahr nicht ganz so schwierig würde, denn der Saisonhöhepunkt ist die Europameisterschaft. Die EM ist sicher kein solch großer Event wie eine WM, doch die Diamond League wird auch 2014 ausgetragen. Und in dieser Wettkampfserie werde ich erneut auf die komplette Weltelite treffen. Von daher will ich möglichst an die diesjährige Saison anknüpfen und im kommenden Jahr ähnlich gute Leistungen erbringen.“

Julija Petschonkina (Foto: Arcimboldo, Wikimedia CC BY 2.5)
In diesem Jahr hat Hejnová, die ursprünglich aus Liberec / Reichenberg stammt, gleich mehrfach den tschechischen Landesrekord auf der 400-Meter-Hürdenstrecke verbessert. Im WM-Finale von Moskau blieb sie dabei erstmals unter der Grenze von 53 Sekunden. Ihre Siegerzeit von 52,83 Sekunden liegt allerdings noch eine halbe Sekunde über dem Weltrekord von Julija Petschonkina, den die Russin im Jahr 2003 aufstellte. Deshalb weist Hejnová vorerst alle Fragen zum Weltrekord weit von sich:

„Der Weltrekord ist wirklich noch eine Frage von ein paar Jahren. Auch wenn ich mich in diesem Jahr sehr stark verbessert habe, muss dies ja nicht bedeuten, dass es im gleichen Tempo weitergeht. Wir werden sehen.“

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)
Wer die ehrgeizige Leichtathletin kennt, der weiß, dass sie den Weltrekord schon längst im Visier hat. Zudem geben die Trainingszeiten, die sie in diesem Herbst erzielt hat, Anlass zu weiteren Hoffnungen. In den nächsten zwei Monaten sollten sich einige weitere Hoffnungen der tschechischen Aufsteigerin des Jahres jedoch schon erfüllen lassen. Bei den Umfragen zur tschechischen Leichtathletin und dem tschechischen Sportler des Jahres gilt die Wahl-Pragerin als klare Favoritin. Und auch bei der Abstimmung über die weltbesten Leichtathleten im Jahr 2013 hat sie gute Chancen. Die Ergebnisse werden am 16. November bekanntgegeben.

Autor: Lothar Martin
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